MeinungStaatliche Rückholflüge aus dem Nahen OstenDeutschland ist kein Pauschalreiseveranstalter

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Kommentar von Sonja Salzburger

Lesezeit: 2 Min.

Der erste Evakuierungsflug im Auftrag der Bundesregierung ist am frühen Donnerstagmorgen am Frankfurter Flughafen gelandet.
Der erste Evakuierungsflug im Auftrag der Bundesregierung ist am frühen Donnerstagmorgen am Frankfurter Flughafen gelandet. Hannes P. Albert/dpa

Gut, dass die Bundesregierung ihre Bürger aus dem Krisengebiet nach Hause bringt. Aber es ist richtig, dass sie die Menschen dafür zur Kasse bittet.

Seit Iran Raketen und Drohnen auf die Vereinigten Arabischen Emirate und andere Ziele in der Golfregion abfeuert, wollen viele Reisende nur noch weg. Das Auswärtige Amt organisiert Evakuierungsflüge für deutsche Staatsbürger. Am vergangenen Donnerstag brachte Lufthansa 250 Passagiere von Omans Hauptstadt Maskat nach Deutschland; für zwei weitere Flüge beauftragte die Bundesregierung Condor, um besonders verwundbare Personen wie Schwangere, Kinder und kranke Menschen schnell heimzufliegen.

Die Plätze an Bord sind nicht gratis. Nach Angaben des Auswärtigen Amts entspricht die Kostenbeteiligung etwa dem Preis eines Economy‑Fluges. Nach Kenntnis der SZ liegt sie bei rund 500 Euro pro Person. Einige Reisende sind darüber offenbar irritiert. Der Unmut ist verständlich, zumindest auf den ersten Blick, schließlich kommen Pauschalreisende kostenlos zurück, wenn ihre Airline oder ihr Veranstalter die Rückholung organisiert. Emirates und Etihad fliegen mittlerweile zum Beispiel wieder mehrmals am Tag aus Dubai und Abu Dhabi nach Deutschland. Trotzdem wird es dauern, bis alle Urlauber das Land verlassen können. Laut Dertour waren am vergangenen Donnerstag erst ein Viertel aller Gäste des größten deutschen Ferneisenanbieters wieder zurück. Das unterstreicht, wie sinnvoll es ist, dass die Bundesregierung mithilft, die Menschen nach Hause zu bringen.

Es ist jedoch richtig, dass der Staat von den Touristen Geld für die Plätze in den Evakuierungsmaschinen verlangt. Deutschland ist kein Pauschalreiseveranstalter, der vertraglich verpflichtet ist, Urlauber in Krisenzeiten kostenlos nach Hause zu fliegen. Es wäre nicht fair, die Steuerzahler für die Rettung ihrer risikobereiten Landsleute zur Kasse zu bitten.

Alle betonen, es habe keine Reisewarnung gegeben

Womöglich werden sich einige zurückgebrachte Urlauber weigern, die 500 Euro zu bezahlen, oder versuchen, die Kosten von den Airlines oder Reiseveranstaltern zurückzufordern. Das ist jedoch nicht ohne Weiteres möglich. Schon während der Corona-Pandemie gab es Streit über staatliche Rückholflüge. Der Europäische Gerichtshof entschied 2023, dass Reisende, die sich für einen staatlichen Rückholflug registrieren und den geforderten Unkostenbeitrag zahlen, keine Erstattung durch ihre Airline verlangen können.

Auch Pauschalreisende können nicht automatisch davon ausgehen, dass die Veranstalter die Rechnung für die Staatsflüge später übernehmen. Das wäre nur dann der Fall, wenn der Veranstalter keinen eigenen Rückflug anbietet, obwohl dies möglich wäre und er von den Gästen dazu aufgefordert wurde. Doch private Airlines fliegen und nehmen Pauschalreisegäste mit, nur eben nicht jeden sofort. Dass Veranstalter wie Dertour die Kosten auch für Kunden übernehmen, die mit einem Regierungsflug zurückkommen, geschieht aus Kulanz.

Zweifellos: Viele Urlauber stecken in einer belastenden Lage. Wer krank ist, schwanger oder mit Kindern unterwegs, will auf keinen Fall tagelang in Dubai oder Doha ausharren. Sie müssen sich jedoch fragen, ob ein Urlaub in einer fragilen Krisenregion klug war. Sowohl Reisende als auch Airlines und Veranstalter schieben die Verantwortung aufs Auswärtige Amt. Alle betonen, es habe vor vergangenem Samstag keine Reisewarnung gegeben. Das stimmt. Aber es gab sehr wohl Warnzeichen. US-Präsident Donald Trump drohte Iran öffentlich und ließ Kriegsschiffe und Kampfjets in die Region verlegen. Bereits seit dem vergangenen Sommer, als der Konflikt zwischen Israel und Iran eskalierte, war klar, dass die Golfregion politisch instabil ist. Doch lediglich die Reederei Aida hat Kreuzfahrten in die Region abgesagt. Alle anderen Anbieter haben munter weiterverkauft und fanden problemlos Abnehmer.

Die Rückholflüge zeigen: Der deutsche Staat lässt seine Bürger nicht im Stich. Aber er behandelt sie wie mündige Erwachsene und nicht wie Kinder, für deren Fehler die Eltern zahlen. Wer reist, sollte Verantwortung tragen – für seine Entscheidungen und, im Krisenfall, auch für die Rechnung.

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