Europawahl:Wie die Food-Branche vor einem Rechtsruck warnt

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Der Verbandschef der Ernährungsindustrie, Christoph Minhoff (re.), mit Unternehmenschef Thomas Brumme bei den Magdeburger Mühlenwerken. (Foto: Tobias Rücker)

Mit Witz und Fakten für Demokratie und die EU: Die Ernährungswirtschaft hat eine Deutschlandtour zur Europawahl gestartet - mit Zwischenhalt in Magdeburg.

Von Michael Kläsgen, Magdeburg

So laut wie das Magdeburger Mühlenwerk drinnen dröhnt, ist die Europa-Kampagne seines Verbandes nicht. Sie ist eher lustig, spielerisch. Jetzt aber schiebt sich Christoph Minhoff erst einmal Stöpsel in die Ohren. Einen weißen Kittel hat sich der Verbandschef schon übergezogen. Er drückt die schwere Tür zum Silo auf, und dann geht es die steilen Treppen in dem mehr als 100 Jahre alten Bau hinauf.

Thomas Brumme, der Chef des Mühlenwerks an der Elbe, das einer der größten Mehlproduzenten Deutschlands ist, geht voran, ohne Ohrenstöpsel. Er unterstützt den Aufruf des Bundesverbandes der Ernährungsindustrie, am 9. Juni zur Europawahl zu gehen. Vor ein paar Jahren wäre das wohl nicht der Rede wert gewesen. Doch inzwischen hat sich das politische Klima in Deutschland aufgeheizt. Internet-Plattformen verbreiten Hass und Hetze. Davon profitieren Rechtspopulisten, die, so heißt es in Umfragen, bei den Wahlen stark zulegen könnten. Und dann stehen ja auch noch die Landtagswahlen in drei ostdeutschen Bundesländern im Herbst an.

Im Silo muss man dem anderen direkt laut ins Ohr reden, wenn man was sagen will. Deswegen spricht man am besten draußen auf dem Werksgelände an der Elbe über die Kampagne. Da stehen auch die beiden Transporter mit den Anzeigemotiven: bunte Plakatwände, schätzungsweise vier mal fünf Meter groß. Mit Sprüchen, die an bekannte Redewendungen angelehnt sind und die etwas mit Lebensmitteln zu tun haben. Schon von Weitem ist da etwa zu lesen: "Lutsch keine ollen Kamellen! Geh wählen!" Etwas kleiner gedruckt ist zu lesen: "Völkischen Nationalismus hatten wir schon einmal - er endete in der Katastrophe. Real existierenden Sozialismus hatten wir auch schon, er mündete im Mauerbau! Lass Dich nicht verschaukeln - stärke die europäische Zusammenarbeit!"

Alle Sprüche hat sich Minhoff selber ausgedacht. Ein Dutzend wurde plakatiert. Von Vorteil war es dabei wahrscheinlich, dass er früher Fernsehjournalist war, beim BR und bei Phoenix. Jetzt helfen ihm die kurzen, pointierten Formulierungen, als Cheflobbyist der Ernährungsindustrie die Dinge auf den Punkt zu bringen. Die Branche, sagt er, ist geprägt von Vielfalt und Weltoffenheit.

Sie ist mit fast 640 000 Beschäftigten der viertgrößte Industriezweig Deutschlands. Zu den Verbandsmitgliedern gehören Weltkonzerne wie Nestlé, Mondelez oder Unilever. 90 Prozent der Unternehmen sind aber Mittelständler so wie die Magdeburger Mühlenwerke, die zur familiengeführten Engelke-Gruppe gehören. Die Exportquote der Branche liegt bei 35 Prozent. Klar, dass Europa hier die Basis für Wohlstand ist. Auch das Mehl aus Magdeburg wird in andere europäische Länder geliefert und sogar nach Übersee. Ein Dexit, der Austritt Deutschlands aus der EU, ist für die Branche daher ein Schreckensszenario.

"Das Programm der populistischen Nationalisten bedroht Deinen Arbeitsplatz"

So steht das auch explizit auf der rosa Plakatwand hinten auf dem zweiten Transporter: "Schneid Dir nicht ins eigene Fleisch! Das Programm der populistischen Nationalisten bedroht unsere Wirtschaft und Deinen Arbeitsplatz. 2,2 Millionen Arbeitsplätze wären bei einem deutschen EU-Austritt, dem 'Dexit', gefährdet. Wer den will, will nichts Gutes für Dich. Sag nein zu neuen Grenzen, sag ja zur EU."

"Die meisten schmunzeln, wenn sie das sehen", sagt einer der beiden Fahrer, "und dann fangen sie an, miteinander zu reden." Es ist der Job der Fahrer, Plakatwände mit den unterschiedlichsten Motiven für andere Auftraggeber durch die Gegend zu kutschieren. "Aber das hier erzeugt so viel positive Aufmerksamkeit wie selten", sagt einer von beiden.

Die Pro-Europa-Kampagne ist auch sonst singulär, kein anderer Verband, kein anderes Unternehmen macht das in der Form. Manche Unternehmer, auch Konzernchefs großer börsennotierter Konzerne, warnen vor der Gefahr des Rechtspopulismus, sicher. Aber das hier ist etwas anderes: Die Kampagne zieht sich über mehrere Wochen. Die Transporter fahren quer durch Deutschland, von Lübeck bis Füssen. Am Dienstag sind sie in Dortmund. Parallel werden die Motive über Print- und Onlinemedien und auf Online-Plattformen verbreitet.

Klar, wie das so ist, wenn man aktiv wird, stößt das nicht ausschließlich auf Gegenliebe. So war das auch bei Minhoff. Ist das nicht zu grell?, fragten manche intern. Darf man das so plakativ sagen? Machen wir uns damit nicht angreifbar? Extrem Rechte schüchtern längst auch Unternehmer ein. Der Edeka-Händler Peter Simmel etwa druckte den Slogan "Für Demokratie - gegen Nazis" auf Werbeprospekte für seine Filialen in Thüringen und Sachsen. Daraufhin wurde er angefeindet und bedroht. Und der Nougathersteller Viba in Schmalkalden wurde mit Boykottaufrufen überzogen, als Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zu einem Werksbesuch kam.

Minhoff findet das besorgniserregend. Er will die demokratischen Kräfte im Land stärken und ruft deswegen dazu auf, wählen zu gehen. "Wir wollen keine nationalistisch-anachronistische, fremden- und europafeindliche, kleinkariert-populistische, russlandhörig-antiwestliche, systemfeindlich-extremistische Alternative für Europa", sagt er. Ein vereintes Europa sei unverzichtbar für Frieden, Freiheit, Demokratie und Wohlstand.

Ohne Binnenmarkt würden die Preise steigen

Die Ernährungsindustrie hat ein paar Fakten parat, die klar für die EU sprechen. Fast 300 000 Saisonkräfte auf den deutschen Feldern kommen aus der EU. Ohne sie würde es schwierig mit dem Spargelessen. 90 Prozent des Gemüses in Deutschland kommen aus dem europäischen Ausland. Ohne den Binnenmarkt würden die Preise steigen. Zwei Drittel des in Deutschland zu Lebensmitteln verarbeiteten Hafers kommen aus anderen EU-Ländern. Ohne die Flocken wäre das Frühstück vieler Bundesbürger weit weniger reichhaltig.

Und ohne die EU würde der Export teurer. Das gilt auch für das Mehl aus Magdeburg, das die Mühlenwerke bis nach Thailand und Dubai liefern. Thomas Brumme erzählt, wie sich das Werk von einem volkseigenen Betrieb in DDR-Zeiten zu einem Unternehmen mit 100 Millionen Euro Umsatz entwickelt hat. Es beliefert vor allem große Industriebäcker wie etwa Harry-Brot. Der hat auf der anderen Seite der Stadt ein eigenes Werk, in der Nähe des neuen Intel-Standortes. Nur überraschend wenige Mitarbeiter sind nötig, um mehr als 300 000 Tonnen Mehl zu produzieren, unter anderem auch für Edeka, Kaufland und Aldi. Gerade mal 90, von denen ein Drittel Lkw-Fahrer sind.

Im Silo ist kein einziger zu sehen. Unten mahlen mehrere Walzen das Getreide. Dann rast es durch kreuz und quer stehende Rohre nach oben, schießt über mehrere Etagen rauf und runter. In großen rechteckigen Containern wird es hin und her geschüttelt, gesiebt und der Rest erneut gemahlen. Bis dann am Ende feinstes Mehl in einem Sack landet oder in einem Ein-Kilo-Päckchen etwa der Marke Bördegold.

Die Transporter mit den Plakatwänden sind inzwischen in die Innenstadt gefahren, um etwas Publikum zu haben. Umringt von interessierten Mitarbeitern waren sie auf dem Werksgelände nicht gerade. Auch die lokale Presse ist nicht erschienen. Aber das muss nichts heißen. Die Kampagne ist gerade erst angelaufen, und die Wahl ist erst in ein paar Wochen. Minhoff gibt sich kämpferisch, er weiß: "Es steht viel auf dem Spiel."

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