Europäische Zentralbank Draghi droht mit Strafgebühr fürs Horten

Die Zinsen sind mickrig, aber könnten sie auch unter null fallen? Die EZB will Banken zwingen, mehr Kredite zu vergeben. Deshalb drohen die Währungshüter mit einem Negativzins auf Einlagen - und senden damit das Signal aus: Tut was, sonst handeln wir.

Von Andrea Rexer und Markus Zydra, Frankfurt

Es gehört zu den alt hergebrachten Gepflogenheiten des Bankwesens, dass Geldeinlagen von Kunden verzinst werden. Schließlich stellt der Kunde der Bank sein Erspartes zur Verfügung und ermöglicht es der Bank so, Profit zu machen, etwa indem das Institut das Geld weiter verleiht. Der Kunde hingegen weiß sein Geld sicher gelagert und angemessen verzinst. Nun möchte ausgerechnet die Europäische Zentralbank (EZB) an diesem Grundsatz rütteln. EZB-Chef Mario Draghi hat die Einführung von Negativ-Zinsen ins Spiel gebracht.

Dazu muss man wissen, dass die europäischen Kreditinstitute Teile ihrer Überschüsse (Liquidität) über Nacht bei der EZB bunkern. In der Hochphase der Krise waren das bis zu 800 Milliarden Euro pro Nacht - die Furcht vor Bankenpleiten war so groß, dass sich die Institute das Geld nicht wie zuvor gegenseitig anvertrauen wollten. Inzwischen ist das Übernachtvolumen zwar auf 123 Milliarden Euro abgesunken, aber noch immer weit weg von der Normalität. Die Banken nehmen in Kauf, dass sie dafür null Prozent Zinsen erhalten.

Doch nun soll selbst die Null fallen. Wenn Draghi den Negativ-Zins einführt, müssten die Banken für das Übernacht-Asyl ihres Geldüberhangs künftig sogar eine Strafgebühr an die EZB bezahlen. Gut möglich, dass die Institute das Aufgeld an die Kunden in Form von noch mickrigeren Guthabenzinsen weiterreichen, aber dass die Sparer zur Kasse gebeten werden, wenn sie ihr Geld zur Bank tragen, ist dennoch unrealistisch. Dann würden die Sparer ihre Gelder sofort abziehen - und das will keine Bank.

Experten zweifeln an der Wirkung des Negativzinses

Um den Sparer geht es Draghi in der Debatte auch nicht. Ihn sorgt, dass die Banken in den südlichen Euro-Staaten zu wenige Kredite vergeben und diese wenigen Kredite auch noch viel zu teuer sind. So klemmt dort der Wirtschaftsaufschwung. Mittelständische Unternehmen in Spanien bezahlen im Vergleich zu Deutschland das Dreifache an Zinsen.

Mit den negativen Zinsen möchte Draghi die Banken zwingen, ihr Geld anders zu nutzen. Etwa, indem sie es in Form von Krediten an die reale Wirtschaft weiterreichen. In dieser idealen Welt würden dann die Geschäftsbanken den Unternehmen zu günstigeren Konditionen als bisher das Geld anbieten - weil die Banken ja durch die Strafgebühr unter Druck stehen, das Geld loszuwerden.

Doch Experten zweifeln daran, dass sich Draghis Hoffnungen erfüllen. "Der Negativzins würde nichts bringen, weil die Banken in den südlichen Eurostaaten kein Geld bei der EZB gebunkert haben, das man mit einer Strafgebühr bedenken könnte", sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. "Gleichzeitig würden die nördlichen Euro-Banken, die von dem Negativ-Zins betroffen wären, ihre Kreditaktivität nicht erweitern", so Bielmeier. Schließlich liegt der EZB-Einlagenzins jetzt schon bei Null, das sollte eigentlich genug Anreiz zur Kreditvergabe sein. Der Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Uwe Burkert, bezweifelt, dass es überhaupt genügend Nachfrage nach Krediten gibt: "Wir haben es in Südeuropa nicht mit einem Preisproblem, sondern mit einem Unsicherheitsproblem zu tun. Dagegen kann ein negativer Zinssatz nichts ausrichten."