Europäische Zentralbank:Druck, unklare Kompetenzen und Selbstausbeutung

Zuletzt übernahm die EZB auch die Bankenaufsicht in der Euro-Zone. Schon der Aufbau war ein großer Stress. Doch die Belastungen halten an, wie ein Mitarbeiter der EZB-Bankenaufsicht bestätigt. Auch er möchte anonym bleiben. "Wenn die obersten Chefs etwas in sechs Monaten haben wollen, dann sagen unsere Vorgesetzten, man könne das auch in drei Monaten schaffen", sagt der Aufsichtsexperte. "Sie möchten aller Welt zeigen, wie leistungsfähig wir sind. Doch die Kollegen werden krank. Man ist ständig hinterher. Die Arbeit kann manchmal nicht mehr mit der nötigen Sorgfalt ausgeübt werden." Dazu der ständige Druck. "Es kommen bis spät abends Mails mit konkreten Arbeitsanweisungen." Der Mann beklagt auch, dass es in der Aufsichtspraxis viel zu häufig Rechtsunsicherheit gebe. "Wenn es um kritische Dinge bei einer Bank geht, dann werden von den nationalen Aufsichtsbehörden plötzlich nationale Vorschriften aus dem Hut gezaubert." Niemand wisse, was nun gelte. "Das ist ein Albtraum, der alle Betroffenen fertigmacht."

Dennoch gilt die EZB als beliebter Arbeitgeber. Die Gehälter und Sozialleistungen sind gut, die Kinder der Notenbankmitarbeiter können die Europäische Schule besuchen. Viele Nachwuchskräfte und Profis möchten nach der Finanzkrise lieber bei den Guten arbeiten: Die EZB zügelt die Banken, bewahrt die Euro-Zone vor dem Kollaps und versorgt die Wirtschaft mit billigem Geld. Wer unter EZB-Präsident Mario Draghi dient, ist ganz nah dran an Europas Machtzentrum. Das hat Sex-Appeal und schafft Identifikation. Die allermeisten Beschäftigten arbeiten sehr gerne bei der Zentralbank, auch weil sie überzeugte Europäer sind. Es gibt viele, die sich über die Arbeitsbedingungen überhaupt nicht beklagen. Es gibt aber auch einen Hang zur Selbstausbeutung. Gleichzeitig mögen viele Mitarbeiter über ihre Belastung öffentlich kein großes Gewese machen. Sie fürchten ein schlechtes Image, wie es nach den Pilotenstreiks zu beobachten war.

Trotzdem ein "in vielerlei Hinsicht mustergültiger Arbeitgeber"

Doch trotz der guten Bezahlung gibt es Härtefälle bei der EZB. "Ich kenne einen Fall, in dem ist ein Spezialist seit vielen Jahren in einer Kettenbefristung. Er und seine Familie müssen jedes Jahr zittern, ob der Vertrag verlängert wird", sagt De Masi. So entstehe eine Kultur des Duckmäusertums und der Jasager. "Insgesamt ist in der Finanzwirtschaft eine zunehmende menschliche Kälte spürbar. Mitarbeiter fühlen sich und werden auch gezielt ausgequetscht. Insoweit ist das kein Phänomen, das nur in der EZB zu beobachten ist", sagt Thomas E. Schüller, Partner bei der Personalberatung Intersearch.

Michael Diemer ist als Chief Services Officer der EZB seit Jahresbeginn für die Bereiche Administration, Budget & Finanzen, IT und Personalwesen verantwortlich. Er vertritt Draghi in Gesprächen mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft IPSO. Sein erster Eindruck: "Die EZB hat eine offene Dialogkultur, und ihre Mitarbeiter haben vielfältige Möglichkeiten, Kritik sichtbar und hörbar zu machen", sagt Diemer. Er möchte den Konflikt lieber intern regeln. "Meine Erfahrung ist, dass wir viel mehr erreichen können, wenn die Gespräche offen, vertrauensvoll, wenn nötig kontrovers, ganz bestimmt aber nicht in aller Öffentlichkeit geführt werden - zumal das viele Kollegen verärgert."

Dabei bezeichnet Gewerkschaftschef Priesemann die EZB als einen "in vielerlei Hinsicht mustergültigen Arbeitgeber". Beim Europäischen Patentamt seien jüngst Mitarbeitervertreter entlassen worden. Ein solcher Skandal drohe hier nicht. "Wir haben viel Freiheit, es geht uns allen materiell gut. Allerdings, was die Demokratie in der EZB angeht, da können wir hier noch um Klassen besser werden."

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