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Europa reagiert auf Rating-Warnung:"Ohne Bezug zur Wirklichkeit"

Auch die Börsen reagierten: Der wichtigste deutsche Aktienindex Dax verlor in Frankfurt zwischenzeitlich mehr als ein Prozent, erholte sich dann aber wieder etwas. Zuvor hatten auch die Handelsplätze in Asien mit Verlusten geschlossen, zu einem dramatischen Kursrutsch kam es jedoch nicht.

Juncker irritiert ueber moegliche Herabstufung von Euro-Staaten

Enttäuscht von Standard & Poor's: Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker sagt, die Drohung der Ratingagentur wirke wie ein Keulenschlag auf die sparwilligen Europäer.

(Foto: dapd)

Der Vorsitzende der CSU-Mittelstandsunion, Hans Michelbach, forderte umgehend nach Bekanntwerden der Aktion von S&P Konsequenzen. Er sprach von einer "willkürlichen Entscheidung ohne Bezug zur Wirklichkeit". Ziel der Ankündigung sei es ganz offenbar, im Vorfeld des EU-Gipfels zusätzliche Nervosität zu erzeugen. Der CSU-Politiker forderte eine härtere Gangart der EU gegen das "unkontrollierte Spiel" der Agenturen. Die Abschwächung des europäischen Regelwerks für Ratingagenturen müsse wieder rückgängig gemacht werden. Michel Barnier, EU-Kommissar für den Binnenmarkt, wollte die Macht der Agenturen beschränken. Er musste allerdings seine radikalsten Vorschläge wieder aufgeben, wie ein Verbot von Neubewertungen überschuldeter Staaten.

Barnier, eienr der größten Kritiker der Agenturen, gab sich denn auch unbeeindruckt: "Das ist nur eine Meinung von vielen", sagte der Franzose zu der Warnung. Reform und Bewältigung der Krise gingen voran. "Europäische Entscheidungsträger haben nicht auf Standard & Poor's oder andere Ratingagenturen gewartet, um zu handeln."

Entrüstung haben die Verantwortlichen bei der Ratingagentur wohl kommen sehen. Standard & Poor's schickte seinen Europa-Chefanalysten Moritz Kraemer ins Fernsehen, um die Androhung der Bonitätsabwertung für 15 Länder zu verteidigen. Im ARD-Morgenmagazin warnte er explizit vor einer Rezession: "Die Entscheidung, die Ratings der Staaten in der Euro-Zone mit einem credit watch zu versehen, hängt damit zusammen, dass nach unserem Dafürhalten die Risiken, die von der derzeitigen Krise ausgehen, in den kommenden Wochen deutlich steigen könnten." Kraemer sprach von einer systemischen Vertrauenskrise. Sie sei nicht beschränkt auf einzelne Länder, sondern habe sich immer näher an den Kern der Währungszone gefressen. Eine gesamteuropäische Lösung sei nötig. Dass die Zinsen für die deutschen Bundesanleihen zuletzt gestiegen seien, habe nichts mit der Entscheidung seiner Agentur zu tun.

Die Botschaft der mächtigen Analysten ist klar: Finnland, Österreich, Deutschland - niemand ist mehr sicher. Die Vertrauenskrise betrifft ganz Europa, auch jene Staaten stehen auf der Liste, in denen vergangene Woche sogar noch über "Elite-Bonds" nachdacht wurde. Je schlechter das Rating der großen Ratingagenturen S&P, Moody's und Fitch, umso schwieriger ist es auch für diese Staaten, sich zu niedrigen Zinsen Geld zu leihen. Griechenland, Portugal und Irland haben das schon hinter sich.

Erstmals steht die makellose Bonität Deutschlands somit in Frage. Im Gegensatz zu den überschuldeten südeuropäischen Staaten oder Irland galten Anleihen der Triple-A-Staaten bisher unter Investoren trotz Krise noch als sichere Geldanlagen. Das könnte sich nun ändern.

© Reuters/dapd/dpa/jab/aper

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