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Euro:Arbeitsmigranten müssen willkommen sein

Wirtschaft in Ostdeutschland

Es fehlen Arbeitskräfte in Deutschland.

(Foto: Peter Endig/dpa)

Eine Währungsunion kann nicht funktionieren, wenn die Mobilität auf den Arbeitsmärkten fehlt. Das zeigt sich gerade in Europa. Migranten aus anderen Ländern können dabei helfen.

Bei der Einführung des Euro wurden unter skeptischen Ökonomen zwei große Gefahren diskutiert. Einmal, so die Sorge, könnte dessen Stabilität durch unsolide Staatsfinanzen in einzelnen Ländern bedroht sein, zum anderen durch einen immobilen Arbeitsmarkt in Europa. Unterschiede in der Wirtschaftsentwicklung einzelner Länder waren zuvor mittels flexibler Wechselkurse abgefedert worden. Nun, mit dem Euro, mussten Haushaltspolitik und Arbeitsmarkt bei Krisen für die nötige Anpassung der Volkswirtschaften sorgen. Beide Aufgaben blieben aber in der letzten Verantwortung der nationalen Regierungen unerledigt liegen. Weder wurde ein effektives System von Finanzhilfen oder ein Transfersystem zugunsten schwacher Mitgliedsländer etabliert, noch wurde die Mobilität der Arbeitskräfte hinreichend gefördert.

Folglich kann die anhaltende Krise des Euro auch nicht verwundern. Das wird am Beispiel von Griechenland klar. Reformen und Haushaltsdisziplin mussten als Basis für Hilfen aus den anderen Ländern der Eurozone erst mühsam erstritten werden. Trotz dramatisch steigender Arbeitslosenzahlen nahm die griechische Zuwanderung nach Deutschland nur relativ bescheiden zu. Sonst hätten jetzt die Geld-Überweisungen der Arbeitsmigranten an ihre Familien den Lebensstandard in Griechenland stärken und dessen hohen Importe finanzieren können.

Arbeitsmärkte müssen bewirken, was Wechselkurse nicht mehr können

Noch immer wird die Bedeutung integrierter Arbeitsmärkte für das Gelingen der europäischen Einigung und die Zukunft des Euro gewaltig unterschätzt. Seit seinen Anfängen gehörte zu diesem Projekt der europäischen Einigung das Ziel der Integration der Arbeitsmärkte, um so den gemeinsamen Wohlstand zu steigern. Es geht darum, die Produktionsfaktoren, also Arbeit und Kapital, möglichst optimal zu verteilen. Auch der Einsatz von Arbeit muss sich flexibel an den Bedarf anpassen und darf nicht durch Institutionen oder Unterschiede in der jeweiligen Kultur gehemmt werden. Erfahrungsgemäß führt Mobilität der Arbeitskräfte dann auch zu einer rascheren Durchsetzung von Innovationen, mit positiven Folgen für Wachstum und Beschäftigung. Wenn sich die Unterschiede der Entwicklung im Währungsraum wieder ausgeglichen haben, muss die Migration auch nicht dauerhaft sein. Wanderungen dienen vielmehr dazu, temporäre Ungleichgewichte abzubauen. Rückkehrer bringen dann nicht nur Berufserfahrung, sondern auch Sprachkenntnisse und nützliches Wissen über wichtige wirtschaftliche Neuerungen in ihre alte Heimat mit.

Asylbewerber Kollegen aus dem Kriegsgebiet
Asylbewerber

Kollegen aus dem Kriegsgebiet

Viele der im Landkreis ankommenden Flüchtlinge sind gut qualifiziert oder wollen eine Lehre beginnen. Dies könnte eigentlich den Fachkräftemangel beheben, doch es fehlt an Deutschkursen für die neuen Mitarbeiter.   Von Christian Endt

Viele Länder konnten dem Euro erst nach einem ehrgeizigen Stabilisierungsprogramm beitreten. In den ersten Jahren des neuen Währungsraumes haben sich die Volkswirtschaften einzelner Länder auch, wie erwartet, aneinander angepasst. In der Euphorie wurden beim Beitritt neuer Länder zum Euro jedoch zu viele Kompromisse gemacht, darunter auch bei Griechenland. Die große Wirtschaftskrise hat dann gezeigt, dass die Anpassungsfähigkeit vieler am Euro beteiligten Länder nicht groß genug war und der Bedarf an Reformen nicht gründlich genug gedeckt wurde. Als Folge entwickelten sich die Volkswirtschaften, insbesondere im Euro-Raum wieder auseinander.

Klaus F. Zimmermann

ist Direktor des unabhängigen Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Er berät unter anderem die Europäische Kommission und die Weltbank.

Gleichzeitig richtete sich in den vergangenen Jahren die Stimmung zunehmend gegen Arbeitnehmer aus dem Ausland. Arbeitsmobilität, so ging die Sorge, schade einheimischen Arbeitskräften und führe zur Ausnutzung nationaler Wohlfahrtssysteme. Dies jedenfalls lässt sich aus den Wahlerfolgen rechter und europakritischer politischer Bewegungen in zahlreichen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union schließen. Dabei spielte es keine Rolle, dass diese Stimmungen nicht durch harte empirische Fakten getragen werden. Weder schaden Zuwanderer einheimischen Arbeitskräften, noch beuten sie systematisch Wohlfahrtssysteme aus. Vielmehr waren sie wirksame Stimulatoren für Wirtschaftswachstum. Dieses Missverständnis bedroht nicht nur die europäische Idee von der Offenheit der Märkte, sondern gefährdet auch unseren Wohlstand. Ein Zerfall der Europäischen Union könnte die Folge sein.

Die Euro-Debatte

Sparen oder nicht? Schuldenschnitt - ja oder nein? Prominente Ökonomen diskutieren in der SZ über die Krise in Griechenland und was daraus für Europas Zukunft folgt. Alle bisherigen Beiträge - von Marcel Fratzscher über Ludger Schuknecht bis hin zu Jeffrey Sachs - finden Sie unter: www.sz.de/szdebatte-griechenland

Der europäische Arbeitsmarkt gilt generell als starr und unflexibel, zumindest im Vergleich mit dem Wirtschaftsraum der Vereinigten Staaten von Amerika. Es gibt demnach nicht zu viel, sondern zu wenig innereuropäische Arbeitsmobilität. Zu den Faktoren, die dies bewirken, gehören mangelhafte Sprachkenntnisse, kulturelle Unterschiede, fehlende Informationen über Arbeitsmöglichkeiten und Arbeitsbedingungen, die Schwierigkeit, Sozialleistungen in ein anderes Land mitzunehmen, starke lokale Bindungen etwa durch den Besitz von Wohnraum und die Notwendigkeit von Doppelarbeitsplätzen für Ehepartner.

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