Euro-Rettung:Duell der Duzfreunde

Euro Finance Week

Freunde und vermeintliche Kontrahenten: EZB-Direktor Jörg Asmussen und Bundesbankchef Jens Weidmann

(Foto: dpa)

Seit dem Studium sind sie Freunde, diese Woche treffen sie sich vor dem Verfassungsgericht. Jens Weidmann und Jörg Asmussen gelten in der Frage, ob Anleihekäufe durch die EZB verfassungskonform sind, als Kontrahenten. Doch es ist gut möglich, dass sie in Karlsruhe gemeinsam andere Prozessbeteiligte attackieren werden.

Von Claus Hulverscheidt, Berlin

Der Duellant ist von Haus aus ein leicht aufbrausender, komplexbehafteter Typ, der sein Minderwertigkeitsgefühl dadurch zu kaschieren versucht, dass er auf jede vermeintliche Verletzung seiner Männlichkeit mit der Forderung nach ultimativer Satisfaktion reagiert. Jens Weidmann ist kein solcher Typ - und Jörg Asmussen auch nicht. Das zum Duell der Duzfreunde hochstilisierte Aufeinandertreffen der beiden Notenbanker in dieser Woche vor dem Bundesverfassungsgericht wird deshalb am Ende wohl eher als dröge Ökonomie-Vorlesung in Erinnerung bleiben denn als blutige Abrechnung im Morgengrauen. "Wir verstehen uns persönlich weiter sehr gut", hat Asmussen erst jüngst wieder gesagt.

In Karlsruhe wird am Dienstag und Mittwoch die Frage verhandelt, ob der dauerhafte Euro-Schutzschirm ESM und das sogenannte OMT-Programm der Europäischen Zentralbank (EZB) gegen das Grundgesetz verstoßen. Hinter dem OMT verbirgt sich die Ankündigung von EZB-Chef Mario Draghi, notfalls durch den unbegrenzten Aufkauf von Anleihen kriselnder Euro-Staaten die Währungsunion zusammenzuhalten. In Wahrheit liegen Bundesbankpräsident Weidmann und EZB-Direktoriumsmitglied Asmussen in der Bewertung des Programms gar nicht so weit auseinander. Da Weidmann aber seine Kritik immer wieder lautstark vorträgt, wird er in der öffentlichen Wahrnehmung dem Lager der Kläger zugerechnet - Asmussen hingegen der Gruppe der Beklagten. Formal sind beide vom Gericht als "sachverständige Dritte" geladen.

Aufeinanderhetzen lassen wollen sie sich nicht

Die beiden früheren Regierungsbeamten sind lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass Bundesbank und EZB von ihnen die lupenreine Wiedergabe der jeweiligen Positionen erwarten. Weidmann wird deshalb unmissverständlich darlegen, warum seiner Ansicht nach die EZB ihre Unabhängigkeit aufs Spiel setzt, indem sie Aufgaben übernimmt, die nur demokratisch gewählten Regierungen zustehen. Asmussen wird erläutern, warum das OMT in der jetzigen Ausnahmesituation für den Erhalt der Währungsunion unabdingbar sei und geradezu einen Anreiz für die Politik biete, die nötige Reformen anzugehen.

Aufeinanderhetzen lassen aber wollen sich die beiden Studienfreunde trotz der pikanten Rollenverteilung nicht. Das haben sie letzte Woche bei einem ihrer regelmäßigen Vier-Augen-Gespräche vereinbart. Es ist eine dieser vertraulichen Absprachen, die die beiden Mittvierziger schon so häufig getroffen haben, seit sie sich vor über 20 Jahren an der Universität Bonn kennenlernten. Ihre Freundschaft hat so schon manche Bewährungsprobe überstanden, etwa das natürliche Spannungsverhältnis zwischen dem Kanzleramt, wo Weidmann als Angela Merkels Wirtschaftsberater diente, und dem Finanzministerium, dem Asmussen als Staatssekretär angehörte. Auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008/2009 arbeiteten sie so eng zusammen, dass in den Zeitungen von einer "Nebenregierung" oder gar dem "Politbüro" die Rede war. Auch echte Stürme standen sie gemeinsam durch, darunter den Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Kollaps des Immobilienfinanzierers HRE.

Gut möglich, dass ab Dienstag die Kugeln gar nicht so sehr zwischen den beiden hin und her fliegen werden, sondern dass sich andere Prozessbeteiligte plötzlich einem doppelten Pistolenfeuer ausgesetzt sehen: Hans-Werner Sinn etwa, der Chef des Ifo-Instituts, der seit Jahren behauptet, der Bund gehe über das EZB-Verrechnungssystem Target 2 geheime Haftungsrisiken in dreistelliger Milliardenhöhe ein. Diesem "Unsinn", so hieß es am Wochenende in Notenbankkreisen, wollten Weidmann und Asmussen gemeinsam entgegentreten.

© SZ vom 10.06.2013/jasch
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