Euro-Krise So geht es Griechenland

Das Land hat die Euro-Krise ausgelöst. Danach wurde es mit Milliarden gerettet, nun ist das Hilfsprogramm beendet. Zu Besuch bei Start-ups, einem Zukunftsforscher und einem Olivenbauern.

Von Christiane Schlötzer, Athen

Marousi ist ein Vorort im Norden von Athen. Hier wurde einst der blütenweiße Marmor behauen aus den nahen Steinbrüchen des Penteli, der Berg ragt aus dem Häusermeer wie ein erloschener Vulkan. Pentelischer Marmor wurde schon in der Antike für den Bau des Parthenon verwendet. Von den Marmorfabriken der neueren Zeiten blieben nur Ruinen. Ausgerechnet zwischen den Überresten dieser alten griechischen Industrie und sonnenverbranntem Land blüht die Hoffnung. In einem lichtdurchfluteten Gebäude sitzen griechische Computeringenieure an papierfreien Tischen und schreiben Algorithmen für digitale Bezahlsysteme, die dafür sorgen sollen, dass die Menschen das Bargeld ganz vergessen.

Viva Wallet heißt das Unternehmen. Die Zahl der Kunden und der Gewinn haben sich in den vergangenen zwei Jahren jeweils verdoppelt, sagt Haris Karonis, der Gründer der Firma. Karonis ist 44 Jahre alt, trägt T-Shirt und Fünf-Tage-Bart. Er sagt: "Die Krise hat das Verhältnis der Griechen zu ihren Banken extrem belastet." Den Banken, die vorher großzügig Kredite an jedermann vergaben. Das Misstrauen hilft Viva Wallet. Die Firma bietet Kundenkonten an, die sich in Minuten im Internet eröffnen lassen, allerdings ohne Zinsen und ohne Kreditmöglichkeit. Vor zwei Jahren hat die Firma das neue Gebäude in Marousi bezogen, viel helles Holz, offene Räume mit Ruheinseln, Hängematten. "Wir arbeiten nach dem Google-Prinzip", sagt ein Mitarbeiter, in wechselnden Teams, "alles ist transparent." Klimaanlagen sorgen für Arbeitstemperaturen, draußen flirrt die Hitze, wie man es kennt aus dem Silicon Valley.

Vor vier Jahren hatte die Süddeutsche Zeitung Viva schon einmal besucht, da war das Unternehmen noch viel bescheidener untergebracht. "Ich habe ein paar erstaunliche Dinge in den letzten Jahren in Griechenland gesehen", sagt Peter Economides. Der Marketingexperte half mit seiner "Think Different"-Kampagne einst Apple zu retten. Economides lebt seit fast 20 Jahren in Athen, berät Start-ups weltweit. "Griechenland", sagt er, "könnte für Europa das sein, was Kalifornien für die USA ist." Ein Ort der Kreativen, "with a bit of crazyness". Der Grieche spricht am liebsten Englisch, er wurde in Südafrika geboren.

Nicht nur bei Viva, auch bei anderen jungen griechischen Firmen hat die SZ jetzt nach vier Jahren noch einmal vorbeigeschaut. Nicht allen geht es so gut wie den digitalen Aufsteigern von Marousi. Diejenigen, die ums Überleben kämpfen, reden nicht so gern wie die Erfolgreichen. Zu den besonders Glücklichen gehören die Gründer von Taxibeat. 2011 in Athen als Start-up entstanden, revolutionierte die Firma das Taxigewerbe zuerst in Griechenland, dann in Peru, Mexiko und Brasilien mit einer App. Taxibeat bot Wlan in den Wagen und freundliche Fahrer, wo die Kunden vorher vor allem Rüpel und Rowdys kannten. 2017 wurde die Firma für rund 40 Millionen Euro von der Daimler-Tochter Mytaxi gekauft. Das Start-up profitierte von der Liberalisierung des griechischen Marktes, das Taxigewerbe war vor der Krise eine geschlossene Branche mit alten Privilegien, für die gern auch mal gestreikt wurde. Die Reform setzten die internationalen Kreditgeber Griechenlands durch.

Auch das Unternehmen Upstream ist eine Erfolgsgeschichte, es gehört inzwischen zu fast 70 Prozent einem britischen Private-Equity-Fonds. Upstream hat seinen Sitz in der Nähe des Athener Flughafens, in einem Gebäude mit roter Sitzschlange in der Lobby. Die Firma arbeitet derzeit an Programmen, die Betrug am Telefon verhindern sollen. "Es werden sogar schon Handys mit fest installierter Betrugssoftware verkauft", sagt Marco Veremis, der Gründer. Modelle für kostenfreies Internet entwickelt Upstream ebenfalls, "finanziert durch Werbung", für Länder wie Nigeria, Brasilien, Südafrika. Auch in Italien gebe es Interessenten, sagt Veremis. In eine zweite Digital-Firma des 44-Jährigen hat Goldman Sachs investiert. "Das gleiche Prinzip", sagt der Grieche, "die Ingenieure sitzen hier in Athen, Kunden und Verkauf im Ausland."

Alles gut also nach acht Jahren Krise? "Unser größtes Problem", sagt Veremis, "ist der Verlust von klugen Köpfen, wir reden von 300 000 bis 500 000 gut ausgebildeten jungen Menschen, die dieses Land verlassen haben." Vor allem die im Sommer 2015 eingeführten Kapitalkontrollen, die inzwischen weitgehend aufgehoben sind, hätten viele Menschen verunsichert, griechische IT-Experten hätten Jobs in London, Berlin oder Amsterdam angenommen, "darunter die Allerbesten". Schlimmer noch, sagt Veremis, "sind die hohen Steuern und Sozialabgaben hier". Von den 100 000 Euro brutto für einen Ingenieur landeten nur 30 000 in den Taschen des Angestellten.

Die Spuren der Finanzkrise

In dieser Serie beleuchten wir, welche Folgen zehn Jahre nach der Pleite der US-Bank Lehman noch heute sichtbar sind.

Folge zehn am kommenden Freitag: Interview "Reden wir über Geld" mit einem Börsenhändler.

Ein neuer Report der OECD bescheinigt Griechenland für die Jahre 2007 bis 2016 die kräftigsten Steuererhöhungen unter allen 36 Mitgliedsstaaten der Organisation. Ex-Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem sagte jüngst, die Sparauflagen der Kreditgeber seien "überzogen" gewesen. Er saß fünf Jahre mit am Verhandlungstisch, bis Januar 2018. Peter Economides, der Stratege, wundert sich, er beklagt, dass die EU Griechenland "nicht verstanden" habe, sein "Potenzial unterschätzt".

Seit dem 20. August ist Griechenland offiziell aus dem Milliardenhilfsprogramm von EU, EZB und IWF ausgeschieden, aber die Kontrolleure der Kreditgeber werden weiterhin alle drei Monate in Athen die Haushaltszahlen prüfen. Economides sieht die Verantwortung für vieles, was schief lief, auch bei diversen griechischen Regierungen, er vermisst ein ausreichendes Bewusstsein für die Fehler der Vergangenheit. Aber Economides will seinen Optimismus nicht aufgeben. "Ich kenne so viele Kreative", sagt er, die nächste Generation werde den Wandel bringen.

Vicky Kolovou gehörte schon vor vier Jahren zu den Kreativen, sie schuf Netzwerke in der Athener Web-Szene. Einiges ist eingeschlafen, dem alltäglichen Überlebenskampf zum Opfer gefallen. "Es war wirklich eine harte Zeit", sagt Kolovou in einem Café im Athener Zentrum. Das Lokal liegt in einer schattigen Sackgasse, wo sich früher die Straßenkatzen in die Ecken drückten. Jetzt werden hier Cocktails serviert, die Namen französischer Schriftsteller tragen: Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud. Es gibt nun viele Bars im Zentrum mit neuem Anstrich. Restaurantkritiker loben schon "Cool Athens", böse Zungen sagen, es gebe so viele Arbeitslose, die Zeit für den Café-Besuch hätten.

Streikende Taxis blockieren 2010 eine Straße in Athen: Die Geldgeber machten es dem Land zur Auflage, die privilegierte Branche zu liberalisieren.

(Foto: Aris Messinis/AFP)

Vicky Kolovou bestellt Zitronenlimonade, sie hat an diesem Tag noch viel zu tun. Sie arbeitet für eine Firma, die Robotern "Emotionen beibringen" will. Die Firma sitzt in Indien. "Kluge griechische Köpfe müssen das Land nicht mehr verlassen", sagt sie. Schlimm, sagt sie, waren die Kapitalkontrollen. "Wir wurden international isoliert, konnten plötzlich nicht mehr für Amazon bezahlen." Aber Griechenland wurde "auch viel billiger", sagt Kolovou, und interessant für Investitionen von Auslandsgriechen in die IT-Branche. "Das war wichtig, das gab es vor der Krise so nicht."

Nur ein paar Fußminuten entfernt von dem Poeten-Café liegt das Romantso, auch ein Treffpunkt für Kreative. Das Gebäude ist ein Industriedenkmal, es beherbergte einst die Druckerei einer berühmten griechischen Illustrierten. Inzwischen gibt es hier Gemeinschaftsarbeitsplätze für junge Firmengründer. Der Designer und Romantso-Miterfinder Vasilis Charalambidis hat sein Projekt schon auf vielen europäischen Bühnen vorgestellt. Die Zuhörer fragten dann immer, "ob wir staatliche Förderung erhalten". Die bekommt Romantso nicht. Kontakte zur Regierung von Alexis Tsipras? "Keine", sagt Charalambidis. Und: "Widerstände machen dich stärker."

Kraft aber kostet die finanzielle Unabhängigkeit auch: "Wir überlegen, ob es sich noch lohnt, hier zu bleiben, oder ob wir einfach alles einpacken, schließen und gehen sollten", sagt der 40-Jährige. Für Athen wäre das ein großer Verlust. Zu Romantso gehört auch noch das Kulturzentrum Bios, eine Institution für Athener Kreative. Es liegt wie Romantso inmitten von Chinashops und arabischen Lebensmittelhändlern. Nachts suchen hier in den Seitengassen Obdachlose und Migranten nach einem Schlafplatz.

Peter Economides blickt auf das grünblaue Meer, vor dem Treffpunkt, den er sich ausgesucht hat, liegen Yachten, deren Anblick schon fast wie eine Sünde wirkt. Die sozialen Unterschiede in Griechenland sind in der Krise größer geworden. Economides erzählt lieber die Erfolgsgeschichten, Hoffnung zu machen gehört zu seinem Job. Etwa die Geschichte von Roxane Koutsolouka, "brillant" nennt er die junge Frau. Man kann die 31-Jährige in ihrem Athener Innenstadtbüro treffen, in dem eine hölzerne Parkbank steht, wie man sie von deutschen Autorastplätzen kennt. Koutsolouka wuchs in den Niederlanden auf, ihre Mutter ist Holländerin, der Vater Grieche. Vor sechs Jahren kam sie nach Athen, "ich wollte meine griechischen Wurzeln finden". In Amsterdam hatte sie Logistik studiert, in Griechenland wunderte sie sich, warum so viele Lastwagen leer durchs Land fahren. "In ganz Europa sind es 25 Prozent, hier 40 Prozent." Sie redete mit Fahrern, versuchte ihnen zu erklären, wie sie das Internet nutzen könnten. Koutsolouka ist eine zierliche Frau mit braunem Pferdeschwanz. Es dauerte, bis sie den Fahrern klar machen konnte, was "eine Art Uber für Lkw" bringen würde. JoinCargo heißt ihr Start-up, die Fahrer können damit Beiladungen buchen. Für die gewöhnlich teuersten Transportkilometer, die in der Stadt. Acht Mitarbeiter hat sie schon und 700 000 Euro Kapital eingesammelt, nun sucht sie weitere Investoren, um die Firma auf den Balkan auszudehnen. "Es ist Zeit zu wachsen", sagt sie.

Das sagt auch James Panagiotopoulos. Auch er kam in der Krise zu Economides und fragte, was er tun könne mit dem Olivenhain seiner Großmutter. Die habe ihr Öl für nur zwei Euro den Liter nach Italien verkauft. Inzwischen liefert der Grieche sein Öl nach New York, für ein Vielfaches des Preises. Wie das ging mit einem alten griechischen Produkt? Ein paar gute Tipps - und viel Arbeit.