EU versus Ratingagenturen:Zu zögerlich gegen die Zensoren

Es ist gut, dass sich die Europäische Kommission endlich die Ratingagenturen vorknöpft. Aber fatalerweise verzichtet sie auf die entscheidenden Schritte. So klingt das Konzept nur wie eine schüchtern vorgetragene Bitte - und die Bonitätswächter können Krisenstaaten wie Italien weiter attackieren.

Cerstin Gammelin

Sie galten als Heilsbringer, mittlerweile sind sie zum Problem geworden: die sogenannten Ratingagenturen. Eine demokratisch gewählte Regierung, die der Vereinigten Staaten von Amerika, gab jenen Prüfern, die angeblich unabhängig und kompetent erkennen können, was ein Unternehmen wert ist, einst per Gesetz den komfortablen Status der Exklusivität. Gute Noten verhießen damals schon gutes Geld. Wer für nicht kreditwürdig befunden wurde, guckte in die Röhre.

A trader works at Intesa Sanpaolo bank in Milan

Ein Händler arbeitet an der Mailänder Börse: Italien gehört zu den Krisenstaaten Europas - die Ratingagenturen dürfen das Land auch nach dem Vorstoß der EU-Kommission öffentlich bewerten.

(Foto: REUTERS)

Inzwischen mühen sich vor allem europäische Regierungen, diese exklusive Macht der inzwischen drei großen amerikanisch dominierten Agenturen zu brechen. Zweimal ist ihnen das schon gründlich misslungen. Nun wagt Michel Barnier, der zuständige Kommissar in Brüssel, zum dritten Mal in zwei Jahren den Versuch, sowohl Unternehmen wie Staaten - auch Letztere werden ja mittlerweile benotet - mittels strengerer Regeln unabhängiger zu machen von den Noten. Das ist bitter nötig, denn mittlerweile spielen die Agenturen mit den Regierungen Katz und Maus.

Da bewerteten die Prüfer plötzlich Länder genau zu einem Zeitpunkt überraschend negativ, als sich diese neues Geld am Markt besorgen wollten - was dann natürlich teurer wurde. Sie benoteten munter das beinahe zahlungsunfähige Griechenland, was völlig irrelevant ist, weil sich Hellas aus internationalen Hilfstöpfen finanzieren muss - und dafür zwar sparen und reformieren soll, aber keine Noten braucht.

Der Höhepunkt des seltsamen Spiels war in der vergangenen Woche zu besichtigen. Da verschickte einer der Agentur-Profis - angeblich versehentlich - eine falsche Note für die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas, für Frankreich. Diese Bewertung nahm die Agentur zwar wieder zurück. Das änderte aber nichts daran, dass Paris nun so hohe Risikoaufschläge für seine Anleihen zahlen muss, als sei die falsche Note wahr.

Es hätte dieses letzten Beweises gar nicht mehr bedurft, um zu erkennen, dass die Agenturen inzwischen weit über das einstige Ziel hinausschießen. Sie verkaufen ihre Noten wie vor 50 Jahren schamlos als unabhängige Meinungen, und ignorieren dabei völlig die Tatsachen, dass sie erstens mit dieser Meinung Unmengen Geld verdienen, ohne dafür haften zu müssen; und dass zweitens gerade diese Noten nie zuvor so großen Einfluss hatten auf das Wohl und Wehe ganzer Völker.

Und trotzdem liest sich auch der dritte Vorschlag aus Brüssel eher wie eine schüchterne Bitte, das Zepter in politische Hände zurückzugeben, als ein entschlossener Vorstoß der Politik, die Macht zurückzuerobern.

Nur ein einziger Punkt trifft die Agenturen

Gewiss, es ist richtig, dass sich Staaten künftig regelmäßiger als bisher bewerten lassen, um spontane Ratings auszuschließen, die ausgerechnet dann auftauchen, wenn sich eine Regierung frisches Geld besorgen muss. Sinnvoll erscheint es zudem, dass neue Länder-Noten den jeweiligen Regierungen im Voraus übermittelt werden. Frühestens eine Stunde, bevor die Märkte öffnen, sollen sie dann veröffentlicht werden. Und, ja, es ist höchste Zeit, dass sich die Investoren künftig nicht mehr nur auf externe Ratings verlassen dürfen, sondern auch eigene Bewertungen anstellen müssen.

So richtig treffen dürfte die Prüfer indessen nur ein einziger Punkt. Kommissar Barnier will die Ratingagenturen künftig für schwerwiegende Fehler haften lassen. Betroffene Regierungen und Unternehmen sollen gegen die Noten klagen können. Die beiden entscheidenden Schritte wagen die Europäer allerdings immer noch nicht. Sie konnten sich nicht darauf einigen, den Agenturen zu verbieten, kriselnde Länder zu benoten, die sich über internationale Hilfskredite finanzieren. Und auch nicht darauf, eine eigene Ratingagentur zu gründen - und damit der Konkurrenz aus Übersee ordentlich einzuheizen.

© SZ vom 16.11.2011/aum
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