EU-Subventionen Mit Staatshilfen in die Insolvenz gerasselt

Kein Einblick in die Bücher und dennoch Frankreichs größter EU-Subventionsempfänger: Jahrelang wurde der Hähnchenverarbeiter Doux mit Millionen gepäppelt - nun ist er insolvent. Damit es weitergehen kann muss ein Gläubiger gefunden werden. Doch den Besitzern ist nur der Staat gut genug.

Von Michael Kläsgen, Paris

Drinnen rotieren noch die nackten Hähnchen. Eines hängt neben dem anderen am Fleischerhaken an endlos langen Förderbändern. Aber wie lange noch? Draußen vor dem Werkstor demonstrieren längst die verängstigten Mitarbeiter von Doux. Es ist eine jener vielen Pleiten, die erst nach der Wahl bekannt gegeben wurden, genauso wie die neue sozialistische Regierung in Frankreich befürchtete - und doch fällt sie aus der Reihe. Zum einen, weil sie Europas größten Gefrierhähnchen-Exporteur betrifft und damit ein namhaftes Unternehmen: Doux und seine Hähnchen-Marke Père Dodu (Vater Dodu). Zum anderen, weil die Regierung in Windeseile einen rettenden Überbrückungskredit und einen neuen Geldgeber herbeischaffte.

Doux-Mitarbeiter protestierten vor der Fabrik in Chateaulin, weil Doux trotz neuen Geldgebers Insolvenz anmeldete.

(Foto: AFP)

Der Gründer und Chef der Firma, Charles Doux, ließ sein Lebenswerk aber trotzdem lieber in die Insolvenz rasseln. Der 75-Jährige meldete zur Bestürzung der Regierung, der 3400 Mitarbeiter in Frankreich und der 800 Legehennen- Lieferanten die Zahlungsunfähigkeit der Massenschlachterei beim Handelsgericht im bretonischen Quimper an.

Die sonst bis zur Heimlichtuerei diskrete Hähnchenfabrik Doux steht seither im Rampenlicht in Frankreich und mittendrin Patron Charles Doux, der aussieht wie ein Double von Omar Sharif. Selbst in der Stunde großer Not ließ er sich nicht in die Karten schauen. Sein Drang zur Verschwiegenheit führte sogar dazu, dass sich der französische Staatsfonds FSI, eigens zur Rettung französischer Schmuckstücke wie Doux geschaffen, weigerte, beim Hähnchenverkäufer einzusteigen. Doux ließ sie nicht in die Geschäftsbücher schauen.

Dies wiederum ist umso bemerkenswerter, als die gleiche Intransparenz die Europäische Union lange Jahre nicht davon abhielt, Doux mit Millionen zu päppeln. Doux ist Frankreichs größter Empfänger aus dem Brüsseler Subventionstopf. Seriöse französische Medien schwingen sich gar zu der Behauptung auf, Doux hätte es ohne die vor 40 Jahren geschaffenen EU-Beihilfen womöglich nie gegeben. Und das, obwohl Doux zuletzt des Subventionsbetrugs verdächtigt wurde.

Wassergetränkte Legebatterie-Hühnchen

In Deutschland geriet der Industriebetrieb wegen wassergetränkter Legebatterie-Hühnchen in die Schlagzeilen - sozusagen als Lebensmittelfabrikant aus dem Land der Gourmets, der so gar nicht dem Feinschmecker-Klischee entsprach. In Frankreich selbst ätzten Spötter, die Hähnchen wögen nach dem Grillen nur noch die Hälfte.

Als Leichtgewicht gilt allerdings auch der Mann, der Doux retten soll: Arnaud Montebourg, Minister für den Erhalt von Industriearbeitsplätzen. Entgegen seinem Ruf fand er gemeinsam mit Agrarminister Stéphane Le Foll im Rekordtempo einen rettenden Geldgeber, die britische Barclays-Bank. Doch Charles Doux schlug das Angebot zur Überraschung aller in den Wind. "Keine ausreichenden Garantien, zu viel Bedingungen", erklärte er der bestürzten Belegschaft.

In Regierungskreisen ist man deswegen auf den Legehennen-Schlachter nicht gut zu sprechen. Der Patron habe nur sein eigenes Interesse im Sinn, nicht das der Mitarbeiter, grollte Montebourg. Die Grünen griffen Doux frontal an. Sie rechneten vor, dass Doux in 15 Jahren mehr als eine Milliarde Euro aus dem Brüsseler Agrartopf kassiert habe und jetzt die Schäfchen ins Trockene bringe wolle. Der Bauernführer und Globalisierungskritiker José Bové forderte, nicht nur das Betriebsvermögen zu durchleuchten, sondern auch den Doux-Privatbesitz.

Nur der Chef gibt sich entspannt

Offiziell hat der Betrieb einen Schuldenberg von 437 Millionen Euro aufgefahren. Ein Großteil davon stammt noch vom Kauf der brasilianischen Frangosul 1998, einer Gesellschaft, die chronisch Defizite bei einem Gesamtumsatz von 1,4 Milliarden Euro auffuhr. Doux stieß sie vor Kurzem wieder ab, behielt aber die Schulden. Im November 2010 scheiterte Doux daran, eine Unternehmensanleihe auf den Markt bringen, die dem Schuldenabbau dienen sollte. Jetzt soll offenbar das Insolvenzverfahren dazu dienen, die Schulden der Allgemeinheit aufzubürden.

Die Aktivitäten des neuen Unternehmens Doux sollen sich nur noch auf den französischen Heimatmarkt und Europa konzentrieren. Firmenerbe Jean-Charles Doux macht im Gegensatz zu den Mitarbeitern keinen verzweifelten Eindruck. Er schickt sich an, das Lebenswerk des Vaters zu übernehmen, und zwar offenbar im gleichen Stil: mit öffentlicher Hilfe. Nur dass der Steuerzahler diesmal nicht für Subventionen aufkommen soll, sondern für die Schulden des Unternehmens.