Süddeutsche Zeitung

EU-Ratsvorsitz für Irland:Wir können Euro

Erst Bittsteller in Brüssel, jetzt Musterschüler: Die erfolgreiche wirtschaftliche Rosskur, die Irland hinter sich gebracht hat, macht das Land zum Vorbild für andere taumelnde Euro-Staaten. Das Beispiel dieses kleinen Volkes dürfte in der Euro-Zone besser ankommen als der schulmeisterliche Ton aus Berlin.

Ein Kommentar von Andreas Oldag

Es ist eine Wandlung vom Sorgenfall zum Musterschüler. Vor gut zwei Jahren hatten die Finanzmärkte das hochverschuldete Irland fast abgeschrieben. Kaum jemand wollte noch einen Cent auf das krisengeschüttelte Euro-Mitglied wetten. Doch nun steigt die grüne Insel wie ein Phönix aus dem Atlantik auf. Die Regierung von Ministerpräsident Enda Kenny hat gute Chancen, nach Auslaufen der EU- und IWF-Rettungszahlungen bereits in diesem Jahr wieder regelmäßig Geld an den Kapitalmärkten aufzunehmen.

Damit hätten die nationalbewussten Iren auch einen Teil ihrer Souveränität zurückgewonnen, die ihnen seit der schmerzhaften Befreiung vom kolonialen Joch des britischen Empires Anfang des vergangenen Jahrhunderts so wichtig ist. Mehr noch: Die erfolgreiche wirtschaftliche Rosskur, die das Land hinter sich gebracht hat, macht es zum Vorbild für andere taumelnde Euro-Staaten wie Griechenland und Portugal. Da trifft es sich gut, dass die Iren im ersten Halbjahr 2013 die EU-Ratspräsidentschaft übernommen haben.

Ängste vor einer neuen deutschen Dominanz

"Seht her, wir können Euro", lautet die Botschaft aus Dublin. Solche Empfehlungen eines kleinen Volkes dürften auch in anderen Regionen Eurolands besser ankommen als der schulmeisterliche Ton aus Berlin, der zunehmend Ängste vor einer neuen deutschen Dominanz schürt. Die Iren dagegen können viel glaubwürdiger zeigen, dass eine Sanierung der zerrütteten öffentlichen Finanzen eine Grundvoraussetzung ist, um die Euro-Zone dauerhaft wetterfest zu machen.

Mit einer Neuverschuldung, die sich 2010 noch auf 32 Prozent des Bruttoinlandsprodukts belief, gehörte das Land zu den schlimmsten Haushaltssündern. Vor allem die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit von mehr als 14 Prozent ist der Preis dafür, dass die Iren lange Jahre über ihre Verhältnisse lebten.

Das Platzen einer gigantischen Immobilienblase und die folgende Bankenkrise hatten in Rekordzeit aus dem einstigen keltischen Tiger einen Bittsteller in Brüssel gemacht. Doch die Bekehrung zum Musterschüler gelang den Insulanern nicht zuletzt aufgrund eigener Kraftanstrengung - eine Haltung, die beispielsweise in Athen leider nicht gerade populär ist.

Alles andere als Barrikadenstürmer

Erstaunlicherweise hat Europa bislang auch kaum zur Kenntnis genommen, dass Irland von den Hilfsgeldern in Höhe insgesamt 85 Milliarden Euro immerhin 17,5 Milliarden aus seiner staatlichen Pensionskasse beisteuerte. Die Regierung schlug einen brutalen Sanierungskurs ein: Sie kürzte Sozialleistungen ebenso wie Ausgaben für Schule und Bildung. Und Dublin muss weiter eisern sparen, um bis 2015 die Neuverschuldung auf die erlaubte EU-Höchstgrenze von drei Prozent zu drücken.

Im Gegensatz zu den Straßenschlachten in Griechenland und Spanien, nahm allerdings bislang eine Mehrheit der Iren die rigide "Austerity"-Politik ziemlich stoisch hin. Gewerkschaften muckten zwar auf. Doch die Insulaner sind alles andere als Barrikadenstürmer. Anstatt zu meckern, fingen die Iren mit dem Sparen auch bei sich selbst an.

Für junge Designer und Softwareentwickler in den Dublin Dockyards ist es keine persönliche Katastrophe, nun ein Viertel weniger zu verdienen als vor der Krise. Arbeitslose Banker öffnen einen Pizza-Service. Überall auf der Insel ist der Ehrgeiz zu spüren, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Das einstige Wirtschaftswunderland muss sich neu erfinden

Die Sparanstrengungen haben Irland in den Kreis der respektierten Euro-Mitglieder zurückgebracht. Nun geht es allerdings um die längerfristige ökonomische Perspektive. Das einstige Wirtschaftswunderland, das in den 90er Jahren aus Kartoffeläckern Immobiliengold machte und der heimischen Bauindustrie und Kreditwirtschaft Traumrenditen bescherte, muss sich neu erfinden.

Auf der Haben-Seite steht dabei vor allem die Exportindustrie. Neben der Pharmaindustrie ist es die Technologiebranche mit Google, Intel und SAP, die auf der Insel die dringend benötigten Jobs schaffen. Schon wird allerdings in Brüssel der Zeigefinger wegen der niedrigen Unternehmensteuern in Irland erhoben. Doch ist dies nicht Ausdruck einer übertrieben Regelungswut?

Ohnehin muss Euroland in Zukunft noch mehr mit unterschiedlichen Wachstumsmodellen leben lernen, gerade wenn die Finanz- und Budgetpolitik stärker koordiniert wird. Da eine Anpassung über eine Währungsabwertung ohnehin nicht mehr möglich ist, bleibt die Steuerpolitik als eine Stellschraube. Dies nutzen die Iren. Man sollte es ihnen gönnen.

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SZ vom 03.01.2013/fzg
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