EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos Der Bauern-Schreck

Radikales Umdenken ist angesagt: EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos will die Landwirtschaft ökologischer und gerechter gestalten. Seine stärksten Gegner sind die Bauern.

Von Daniela Kuhr und Martin Kotynek

Wegen dieses Mannes also sind sie alle gekommen. Wegen dieses - man muss es so sagen - kleinen, fast schon schmächtigen Mannes drängen sich die Besucher am Samstagabend in der Halle der saarländischen Landesvertretung in Berlin.

Er wagt sich an ein Projekt, an dem alle seine Vorgänger gescheitert sind: Der EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos will eine neue, nachhaltige Landwirtschaftspolitik durchsetzen.

(Foto: REUTERS)

"Sie sind momentan einer der begehrtesten Männer Europas", sagt Christoph Hartmann, FDP-Wirtschaftsminister, als er den Ehrengast auf dem Podium begrüßt. Ein Raunen geht durchs Publikum. Nicht jeder versteht auf Anhieb, was er damit meint. Und deshalb schiebt Hartmann seine Erklärung hinterher: Es geht um Geld, um sehr viel Geld. Dacian Ciolos ist EU-Agrarkommissar - und damit der Herr über 55 Milliarden Euro pro Jahr, den mit Abstand größten Posten im EU-Haushalt. "Wir fühlen uns geehrt, dass Sie unsere Einladung angenommen haben", sagt Hartmann.

Seit der Agrarkommissar aus Anlass der Grünen Woche am Freitagnachmittag nach Berlin gekommen ist, jagt ein Treffen das nächste. Der Rumäne will es ausnutzen, dass zum Internationalen Agrarministergipfel, der jedes Jahr im Rahmen der Messe stattfindet, 49 Landwirtschaftsminister angereist sind. Unter anderem trifft sich der Kommissar zum Gespräch mit der russischen Ministerin sowie ihren Kollegen aus Uruguay und Kanada. Er nimmt an einer zweistündigen Podiumsdiskussion zum Weltagrarhandel und zur Sicherung der Welternährung teil und beantwortet Fragen von Journalisten aus aller Welt.

Dioxin-Skandal sorgt für unverhofften Zulauf

Ciolos will in den wenigen Stunden in Berlin mit so vielen reden wie möglich - und er will zuhören. Der 41-jährige promovierte Agraringenieur braucht diesen Austausch, denn er hat Großes vor, geradezu Gewaltiges. Er will erreichen, woran so viele vor ihm gescheitert sind: eine neue europäische Agrarpolitik. Und diesmal, das ist sein Ziel, soll es eine verantwortungsvolle, in die Zukunft gerichtete, nachhaltige werden - kurzum: eine gute Agrarpolitik. Das ist seine Mission.

Wie umstritten die bisherige EU-Politik ist, wurde am Samstag deutlich wie lange nicht mehr: An die 20.000 aufgebrachte Bürger, Landwirte und Aktivisten waren nach Berlin gekommen, weil sie "es satthaben" und ein radikales Umdenken in der Landwirtschaftspolitik fordern. Der Dioxin-Skandal hatte den Organisatoren der Demo unverhofften Zulauf gebracht. In den Augen der Teilnehmer fördert die derzeitige Agrarpolitik eine Landwirtschaft, in der Tiere gequält, Böden belastet, Wässer verschmutzt und die Umwelt zerstört wird.

Ciolos nimmt diese Kritik sehr ernst. "Wir dürfen nicht vergessen: Die europäische Agrarpolitik ist nicht nur eine Politik für die Landwirte, sondern für die gesamte Bevölkerung der EU", sagt er. Anders als in den USA, wo es in manchen Gegenden kilometerweit nichts als Felder gebe, wo es nie einen Bürger oder Touristen hin verschlage, würden die Europäer ihre Landwirtschaft tagtäglich erleben. Immer neue Ertragssteigerungen und immer mehr Milchleistung sind ihm nicht so wichtig wie der Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft. "Unsere Agrarflächen sind nicht nur Produktionsflächen, sondern Lebensraum für die Menschen", sagt Ciolos. Deshalb müsse alles daran gesetzt werden, dass sie erhalten bleiben. "Und zwar in guter Qualität".

Förderpolitik begrünen

Ohne einen verbesserten Umweltschutz wird das nicht funktionieren, ist Ciolos überzeugt. Er will die Förderpolitik "begrünen", also den Bauern nur noch dann Beihilfen bezahlen, wenn sie als Gegenleistung die Umwelt schonen - und zwar wesentlich stärker als bisher. Die Bauern sind damit freilich unglücklich, derzeit erhalten sie ihre Zahlungen aus Brüssel im Wesentlichen dafür, dass sie die Gesetze einhalten. Zusätzliche Belastungen halten sie für unzumutbar.

Mahlzeit, Frau Aigner!

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