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Ethernet-Technologie:Gegen jeden Widerstand

Jensen Huang, CEO of Nvidia, delivers his keynote address at CES in Las Vegas

Nvidia-Chef Jen-Hsun Huang, hier bei einem Auftritt in Las Vegas, kann sich freuen: Sein Unternehmen setzte sich im Bieterverfahren gegen Wettbewerber wie Intel durch.

(Foto: Rick Wilking/Reuters)

Nvidia übernimmt den israelischen Hersteller Mellanox für mehrere Milliarden Dollar. Über die Gründe wird spekuliert. Fest steht, dass von dem Kauf nicht nur Nvidia profitiert.

Er hatte hoch gepokert und diesmal gewonnen: Eyal Waldman, Vorstandsvorsitzender und Ko-Gründer von Mellanox. In den vergangenen Monaten war eine Bieterschlacht um sein bis dahin nur Insidern bekanntes israelisches Unternehmen entbrannt, für das sich die Branchengrößen interessierten: Intel, Microsoft und Xilinx sollen für den Datencenter-Spezialisten geboten haben.

Den Zuschlag bekam schließlich Nvidia, einer der größten Entwickler von Grafikprozessoren und Chipsätzen für Computer und Spielkonsolen. Das US-Unternehmen ist bereit, 6,9 Milliarden US-Dollar in bar für das israelische Unternehmen hinzulegen. Möglichst bis Jahresende soll der Abschluss des Geschäfts besiegelt sein. Die Aktien von Mellanox, das an der US-Technologiebörse Nasdaq gelistet ist, gingen nach der Bekanntgabe des Verkaufs vergangene Woche um acht Prozent hoch, Nvidia-Aktien verteuerten sich um knapp sieben Prozent. Seitdem über eine Übernahme spekuliert wird, waren die Aktien auf Höhenflug. Seit Oktober haben die Mellanox-Anteile um 66 Prozent zugelegt. In diesem Jahr kamen weitere 18 Prozent dazu.

Mellanox ist der weltweit größte Hersteller von Verbindungen wie Infiniband sowie Ethernet für Server, also Netzwerkhardware vom Chip bis zum Switch, um einzelne Knoten miteinander verknüpfen zu können. Das Unternehmen mit rund 2700 Mitarbeitern hat seinen Sitz in Yokenam im Norden Israels und im kalifornischen Sunnyvale. Die von Mellanox entwickelte Technologie ist entscheidend beim Transfer von Informationen von einer Komponente zur anderen - innerhalb des Computers und innerhalb von Geräten. Die Schnelligkeit, mit der die Computerchips Daten übertragen, ist besonders wichtig für Unternehmen, deren Geschäft Cloud-Computing ist. Auch innerhalb von Computernetzwerken ist die Bewältigung der zunehmenden Flut von Daten wichtig.

Im Supercomputer-Segment geht ohne Mellanox fast nichts

Was vielen nicht bekannt ist: Systeme von Dell, HPE, IBM und Lenovo basieren auf Mellanox-Bestandteilen. Gerade im Supercomputer-Segment geht ohne Mellanox fast nichts, Ethernet und Infiniband sind der vorherrschende Standard.

Warum sich das US-Unternehmen Nvidia so stark ins Zeug legte, um die israelische Konkurrenz zu erwerben, darüber wird nun munter spekuliert. Laut offizieller Mitteilung will Nvidia den Datencenter-Bereich stärken, zumal die Gaming-Abteilung zuletzt massiv an Umsatz und Gewinn eingebüßt hat. Auch wenn der Spiele-Bereich noch immer den größten Umsatz beiträgt, so versuchen sich die Kalifornier zu diversifizieren. Sie verkaufen nun auch GPU-basierte Beschleuniger für Tesla-Fahrzeuge. Mit Mellanox könnte Nvidia versuchen, vor allem im chinesischen Markt der Datenzentren weiter Fuß zu fassen. Denn zu den großen Kunden von Nvidia gehört unter anderem Alibaba.

Für den 58-jährigen Israeli Waldman war der Abschluss der Verhandlungen mit Nvidia ein besonders freudiger Tag, denn vor 18 Jahren hatte er zu früh aufgegeben und eine riesige Chance in seiner Karriere verpasst. Waldman hatte anders als die meisten Gründer in Israels Start-up-Szene nicht bei der legendären 8200-Aufklärungseinheit der Armee gedient, sondern bei der Infanterie. Danach absolvierte er zuerst ein Chemiestudium am Technion in Haifa, sattelte dann aber rasch auf Computerwissenschaften um. 1989 begann er beim amerikanischen Halbleiterhersteller Intel, der seit Jahren in Israel massiv investiert und hier auch eine Fabrik betreibt.

Mitgründer Waldman war zweimal kurz davor, sein Unternehmen zu verlassen

Nach vier Jahren wechselte Waldman als Vizepräsident zum Start-up Galileo. Im Streit mit dem Gründer Avigdor Willenz verließ er die Halbleiterfirma - kurz bevor diese im Oktober 2000 an Intel für 2,7 Milliarden Dollar verkauft wurde. Im Sommer 2017 bekam dann er ein Angebot von Intel, Mellanox für 2,3 Milliarden US-Dollar zukaufen. Aber so billig wollte Waldman seine Firma nicht hergeben. Eine Bieterschlacht entstand um sein Unternehmen. Im Vorjahr erhöhte dann Intel auf kolportierte sechs Milliarden Dollar - Nvidia bot aber mehr. Somit zog Intel diesmal den Kürzeren. Das US-Unternehmen hatte 2017 bereits das auf Fahrerassistenzsysteme spezialisierte Unternehmen Mobileye gekauft. Der Preis von 15,3 Milliarden Dollar war der höchste, der jemals in Israel für eine Firmenübernahme gezahlt wurde. Die Übernahme von Mellanox durch Nvidia für 6,9 Milliarden US-Dollar liegt nun auf Platz zwei im High-Tech-Bereich.

Vor zwanzig Jahren hatte Waldman mit drei Freunden aus seinen Intel-Zeiten Mellanox gegründet. Inzwischen ist nur noch einer an Bord, Michael Kagan. Das Unternehmen ist eines der wenigen in Israel, das auch Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen beschäftigt.

Auch Waldman selbst war zumindest zwei Mal versucht, das Unternehmen zu verlassen. Als die Dotcom-Blase zerbarst, forderte einer der beteiligten Venture- Kapitalfonds, dass die Hälfte der Belegschaft gefeuert werden müsste. In einem erbitterten Machtkampf setzte sich Waldman durch mit seinem Ansatz, dass man in einer Krise sogar noch mehr in Forschung und Entwicklung investieren müsse.

Zum zweiten großen Machtkampf mit einem Investor kam es, als der US-Fonds Starboard einstieg. Der in New York sitzende Hedgefonds hatte 10,7 Prozent der Aktien im November 2017 gekauft. Kurz nach dem Einstieg begann der Investor eine Kampagne gegen die Führung von Mellanox, vor allem Vorwürfe von Missmanagement wurden erhoben. Waldman war auch direkt Ziel von Angriffen: Er gebe zu viel für Forschung und Entwicklung aus, wurde ihm vorgehalten. Es gab sogar eine Auseinandersetzung vor Gericht, die im Juni 2018 zu zwei juristischen Vereinbarungen führten und dazu, dass Starboard seinen Anteil auf 5,8 Prozent reduzierte.

Aber das Halten der Anteile hat sich für den Investor gelohnt. Starboard ist zu einem Preis von 47 US-Dollar pro Aktie eingestiegen, Nvidia bietet nun 125 Dollar. Starboard hat damals insgesamt 250 Millionen Dollar hingelegt. Nun bekommt der Hedgefonds 370 Millionen US-Dollar retour. So hat auch Waldmans größter Widersacher durch die Übernahme gewonnen.

© SZ vom 20.03.2019
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