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Essay:Von wegen lahmer Senior

Online-/Digital-Grafik

Illustration: Sead Mujic

Die Deutschen werden immer älter, und das bei guter Gesundheit. Sie könnten länger arbeiten - und damit nebenbei die Rentenkasse retten. Doch die Politik hält an Vorurteilen fest, die längst überholt sind.

Es ist etwas, worüber sich die Deutschen wirklich freuen können: Sie leben immer länger. Als 1871 das Deutsche Reich gegründet wurde, wurden seine Bewohner im Durchschnitt 35 Jahre alt. Heute wird ein Bundesbürger über 80. Dieser Riesenschritt verschönert das Leben. Er verändert aber auch ein Rentensystem, das darauf basiert, dass Arbeitnehmer mit ihren Beiträgen die Senioren finanzieren.

Nie wieder wurden in der Bundesrepublik so viele Kinder geboren wie 1964. Wenn die Babyboomer-Generation demnächst in den Ruhestand geht, fehlen der Alterskasse ein Drittel junge Menschen. Stellt man sich die Bevölkerungsstruktur als Tannenbaum vor, wird es unten dünn, oben beult es aus. Ein langjähriger Durchschnittsverdiener muss in 20 Jahren mit einem Rentenniveau von nur noch gut 40 Prozent des dann aktuellen Durchschnittslohns rechnen. Als der damalige Sozialminister Norbert Blüm versprach, die Rente sei sicher, waren es noch 56 Prozent. Das zeigt: Nichtstun ist keine Option, auch wenn es für die Politiker bequem wäre. Die Arbeitnehmer fordern Sicherheit für ihr Alter. Vier von fünf befürchten, dass ihre Rente nicht reichen wird. Damit wird es für die Politiker unbequem. Was tun?

Die Bundesregierung hat eine Expertenkommission eingesetzt, die bis nächstes Jahr einen Plan entwerfen soll. Wer die Daten betrachtet, dem wird klar: Auf eine Maßnahme allein zu setzen, wäre falsch. Das würde entweder die Alten übermäßig belasten - oder die Jüngeren.

Das Rentenniveau sinken zu lassen, verringert den Lebensstandard. Die SPD will deshalb das heutige Rentenniveau von 48 Prozent des Lohns bis mindestens 2040 garantieren. Doch wer soll das bezahlen? Sind es Arbeitnehmer und Firmen, steigt der Rentenbeitrag dramatisch. Schon in zehn Jahren müsste ein Durchschnittsverdiener jährlich 1200 Euro mehr überweisen. Das Geld fehlt ihm anderswo. Stopfen stattdessen die Steuerzahler das Rentenloch, wie es die SPD favorisiert, müssten sie der Alterskasse gewaltige Summen zuschießen. Doch das tun sie heute schon. Künftig wären es noch gewaltigere Summen. Bis 2040 müsste der Zuschuss von knapp 100 auf bis zu 250 Milliarden Euro steigen - pro Jahr. Wird dies beispielsweise über die Mehrwertsteuer finanziert, steigt die Steuerlast auf tägliche Einkäufe von Lebensmitteln, auf Möbel oder Autos um ein Drittel.

Die Politik hat sich lange überhaupt nicht um die Schwachen gekümmert

Die Fachleute der Regierungskommission sollten deshalb kreativ sein. Gerecht wird die große Rentenreform nur, wenn sie ein Finanzierungsmix wird. Also eine Mischung aus etwas niedrigerem Rentenniveau, etwas höheren Beiträgen und Steuern sowie zusätzlichen Maßnahmen wie einer Neukonzeption der Riester-Vorsorge oder besseren Berufschancen für Frauen, die oft in der Teilzeitfalle stecken - Frauen in der Bundesrepublik bekommen heute durchschnittlich halb so viel Rente wie Männer. Und zu all dem müsste dann noch die logische Konsequenz daraus kommen, dass die Bundesbürger gottlob immer älter werden: Sie können deshalb länger arbeiten.

Das ist nicht so dahingesagt. Die meisten Senioren sind heute in einer Verfassung, von der frühere Generationen höchstens träumten. An der Schwelle zu 70 bezeichnen drei von vier Senioren ihre Gesundheit als gut bis ausgezeichnet. 64- bis 85-Jährige fühlen sich im Schnitt acht Jahre jünger, als ihr Pass meldet. Fast jeder zweite ist ehrenamtlich tätig.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder im Alter unbegrenzt arbeiten kann oder sollte. Aber etwas länger als heute würde dies das Rentenloch schon deutlich verkleinern. Axel Börsch-Supan vom Münchner Zentrum für die Ökonomie des Alterns rechnet vor: Das heutige Niveau der gesetzlichen Altersbezüge lässt sich halten, wenn Rentenbeitrag und Steuern moderat steigen - und das Rentenalter bis 2040 von bald 67 Jahren auf knapp 68 steigt, und bis 2050 auf etwa 69.

Etwas längeres Arbeiten hilft also, einen Finanzmix für eine faire Reform hinzubekommen, der weder Alt noch Jung schröpft. Doch ein höheres Rentenalter gilt bisher als politisches Tabu - Arbeitnehmer mit Beiträgen und Steuern zu überlasten dagegen nicht. Was für eine seltsame Haltung: Offenbar finden es Politiker in Ordnung, Durchschnittsverdienern 1200 Euro mehr im Jahr für den Rentenbeitrag abzunehmen. Oder die Steuerlast bei den täglichen Einkäufen um ein Drittel zu erhöhen. Ein höheres Rentenalter dagegen geißeln sie als Ausbeutung. Als CDU-Politiker wie Wolfgang Schäuble, Jens Spahn und Carsten Linnemann vor der Bundestagswahl Sympathien für ein längeres Arbeiten erkennen ließen, wurden sie von Kanzlerin Angela Merkel öffentlich abgekanzelt: Es habe nichts zu bedeuten, wenn "irgendeine Untergruppe oder irgendein Flügel" so etwas fordere.

Die starre Ablehnung eines höheren Rentenalters ignoriert all die Untersuchungen, die heutigen Senioren weitaus bessere Gesundheit bescheinigen als früheren Generationen. Sie rührt vermutlich aus dem Vorurteil, dass es überhaupt nur einen Grund geben kann, warum jemand im Alter noch im Beruf steht: Geldnot.

Dieses Vorurteil geht fehl. Am häufigsten bleiben nicht jene Bürger mit den geringsten Ersparnissen im Ruhestand berufstätig, sondern jene mit den höchsten, 250 000 Euro und mehr. Schon vor zehn Jahren begründete nur jeder dritte Rentner zwischen 60 und 85 seine späte Berufstätigkeit mit finanziellen Motiven (wobei sie meist nicht in Not sind, sondern sich einfach mehr leisten wollen). 50 bis 70 Prozent der Befragten nannten ganz andere Motive: Mit Menschen in Kontakt bleiben, eine Aufgabe haben - und Spaß. In Zukunft, da Roboter und Computer dem Menschen immer mehr schweißtreibende oder langweilige Arbeit abnehmen, wird es noch leichter sein, länger tätig zu bleiben.

Die Gegner eines höheren Rentenalters halten mit einem Argument dagegen, mit dem sie jede weitere Diskussion zu beenden glauben: Nicht jeder kann bis 68 oder 69 arbeiten. Damit haben sie völlig recht. Aus gesundheitlichen Gründen kann ja nicht mal jeder bis 60 arbeiten. Vor allem jene, die körperlich schwer schuften. Allerdings taugt das nicht als Argument gegen ein höheres Rentenalter. Wer gesundheitlich stark eingeschränkt ist, was sich ja vom Arzt feststellen lässt, sollte auch in Zukunft früher aufhören dürfen. Aber zu besseren Bedingungen als bisher. Wer derzeit aus Gesundheitsgründen aufhören muss, hat ein Armutsrisiko von bis zu 50 Prozent.

Das ist der große Widerspruch bei jenen Politikern, die gegen längeres Arbeiten wettern. Sie geben vor, für die Interessen der Schwachen einzutreten. Aber sie haben sich lange überhaupt nicht um diese Schwachen gekümmert. Sie verbessern deren materielle Situation erst seit Kurzem. Damit sollten sie weitermachen. Und gleichzeitig aufhören, diese Arbeitnehmer gedanklich abzuschreiben. Wenn Wirtschaft und Politik die gesundheitliche Prävention stärken, müssten vermutlich weniger Beschäftigte früh aus dem Beruf ausscheiden. Und wenn Fliesenleger oder Dachdecker frühzeitig andere Aufgaben im Betrieb bekommen, könnten sie länger Geld verdienen. "Heute lassen wir die Leute bis zum letzten Tag voll arbeiten, auch wenn wir wissen, dass man es in ihrem Beruf so nicht bis zur Rente schaffen kann", beklagt Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm. "Warum geben wir ihnen nicht vorher eine andere Arbeit?"

Möglichst schnell in den Ruhestand, das gilt vielen als Besitzstand

Das Rentenalter lässt sich also etwas heraufsetzen, wenn man jenen hilft, die nicht so lange in ihrer angestammten Tätigkeit bleiben können. Die Mehrheit der Arbeitnehmer dagegen kann es gesundheitlich schaffen. Ihr Potenzial zu nutzen, haben Politik und Wirtschaft traditionell kaum versucht. Im Gegenteil: Sie schoben Mitarbeiter mit 55 plus aus dem Beruf. Der Anteil männlicher Arbeitnehmer über 55 im Beruf, 1970 noch bei 80 Prozent, sank in den Dekaden danach unter die Hälfte. Die Politik wollte so Arbeitsplätze für Jüngere schaffen - ein für Staats- und Rentenkassen teurer Irrweg. Die Unternehmen machten da gern mit, weil Berufsanfänger billiger sind.

Inzwischen sind die herkömmlichen Frührentenprogramme abgeschafft. Aber sie wirken mental nach. Möglichst schnell in den Ruhestand, das gilt vielen Menschen als Besitzstand - und längeres Arbeiten als Tortur. Das fördert einen fundamentalen Irrtum: Als könne irgendein Rentensystem der Welt finanzieren, bis Ende 20 zu studieren, bis Anfang 60 zu arbeiten und dann bis 90 eine anständige Rente zu bekommen.

Bei der Deutschen Bahn begegnete der Altersforscher Andreas Kruse vielen, die früh aufhören wollten. Kruse vermittelte ihnen in einem Modellprojekt, dass sie im Alter viel mehr leisten können, als sie glaubten. Das Bild vom siechen Senior ist in der Gesellschaft tief verankert. Aber es lässt sich korrigieren. In solchen Projekten wie bei der Bahn gelingt das. Danach kündigten viele Teilnehmer an, bis zum gesetzlichen Rentenalter im Beruf zu bleiben, oder sogar länger. Im Alter eine berufliche Aufgabe behalten, Kontakte erhalten, Geld verdienen, und sei es in Teilzeit: Das wird für die körperlich fitten Senioren von heute immer attraktiver.

Es gibt eine gute Chance dafür, dass die Unternehmen Möglichkeiten schaffen, damit Ältere auch wirklich länger arbeiten können. Mehr und mehr Firmen erkennen, dass die Älteren Erfahrungen einbringen, die Jüngere nicht haben. Außerdem motiviert die Betriebe der schlichte Mangel: Die Bevölkerung schrumpft. Bei Unternehmen wie der Bahn hört in den nächsten zehn Jahren planmäßig ein Großteil der Beschäftigten auf. Wie andere hat die Firma deshalb zum Beispiel einen Tarifvertrag vereinbart, wonach sich Dienstpläne oder Arbeitszeit mehr am Alter der Beschäftigten orientieren.

Das alles zeigt: Bei Arbeitnehmern wie Arbeitgebern wächst die Einsicht, dass eine längere Berufstätigkeit auch Vorteile bringt. Wie sehr das die Rentenkasse stabilisieren würde, rechnen Ökonomen schon lange vor. Jetzt müssen nur noch die Politiker aufwachen. Bisher sieht es danach allerdings nicht aus. Die große Koalition führte eine neue, teure Frührente ab 63 Jahren ein, die die Weichen genau in die falsche Richtung stellt.

© SZ vom 02.02.2019
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