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Essay:Europa digital

Alle Illustrationen: Stefan Dimitrov

Die alte Welt hat lange den Anschluss an die neue, digitale Welt verpasst. Nun schaffen immer mehr Staaten ihr eigenes Valley und setzen bei der Industrie an. Für Deutschland ist das Chance und Gefahr zugleich.

Neulich stand, passend zum 20. Geburtstag von Google, auf der Titelseite des Economist eine Zeile, die alles über den Zustand der bislang innovativsten Region der Welt sagte: Peak Valley.

Das Silicon Valley, so lautete die Botschaft des britischen Wirtschaftsmagazins, hat seinen Höhepunkt erreicht, ihn vielleicht gar hinter sich. Denn die Mieten sind zu hoch, die Gehälter auch, und manches, was die Firmen hervorbringen, wenn sie nicht gerade Airbnb, Apple, Facebook oder Google heißen, sei "lächerlich", lästert der Economist, etwa eine Teetasse, die man ans Internet anschließen kann.

Vor allem aber sind andere Regionen in der Welt dabei, ähnlich innovativ zu werden. Immer mehr Länder ziehen eigene Start-up-Valleys hoch: nicht so groß, nicht so schillernd wie das Tal südlich von San Francisco; aber auch nicht so überheblich, so selbstbezogen. Der Economist nennt Los Angeles, von manchen Silicon Beach genannt, Shenzhen in Chinas Süden oder die israelische Küstenstadt Tel Aviv.

Aber die neuen Tech-Hubs gibt es mittlerweile auch dort, wo man sie lange nicht vermutet hatte: in Europa - in der alten Welt, die anfangs halb staunend, halb erschreckt den Angriff der US-Internetriesen beobachtete. Doch mittlerweile verfolgt Europa seine eigene Strategie: mit Gesetzen, die für mehr Datenschutz sorgen, mit Kartellbehörden, die gegen die Giganten vorgehen, und mit Geschäftsmodellen, die nicht so schillernd wirken wie bei Airbnb oder Uber, weil es eben oft um komplexe Lösungen für andere Unternehmen geht; B2B nennen Manager dies, Business-to-Business, im Gegensatz zu B2C, Business-to-Customer, dem Endkundengeschäft.

Den Anfang machten vor mehr als einem Jahrzehnt London und Berlin, sie hatten damals noch den Anspruch, das Silicon Valley eins zu eins zu kopieren (auch wenn inzwischen klar ist, dass Europa seinen eigenen Weg finden muss). London und Berlin liefern sich seit Langem einen Wettkampf darum, welche Stadt in Europa das meiste venture capital anlockt, das meiste Risikokapital für jungen Firmen; mal liegt die britische Hauptstadt vorn, in der vor allem Fintechs zuhause sind, junge Finanzunternehmen; dann ist wieder Berlin vorn, wo nicht zuletzt dank der Samwer-Brüder und ihrer Holding Rocket Internet besonders viele Start-ups aus dem Bereich Handel und Lieferdienste zuhause sind. Copy-cats seien das, Kopien amerikanischer Geschäftsmodelle, lautete lange ein Vorwurf, aber der Erfolg gibt ihnen recht, zudem ist um sie herum ist ein gewaltiges Ökosystem entstanden, mit anderen Inkubatoren wie zum Beispiel der Factory.

Die eigentliche Bedrohung kommt aus China, nicht aus dem Silicon Valley

Doch auch andere Regionen in Europa ergreifen die Chancen der Digitalisierung. Estland hat - sehr viel früher als die meisten Staaten in Europa - das erkannt, die öffentliche Verwaltung von Papier befreit. Island beschreitet einen ähnlichen Weg und hat, weil Strom billig ist, viele Server-Farmen von Krypto-Firmen angezogen. Andere Länder, Serbien etwa oder Portugal, wo vorige Woche zum dritten Mal der Web-Summit stattfand, die größte Internet-Konferenz der Welt mit über 70 000 Teilnehmern, sind erst vor zwei, drei Jahren auf den Zug der Digitalisierung aufgesprungen - sie wollen an der vierten industriellen Revolution teilhaben, der Vernetzung der Wirtschaft, nachdem sie die dritte industrielle Revolution, die Automatisierung der Fabriken, verpassten haben.

Deutschland hätte da - eigentlich - eine sehr viel bessere Ausgangsposition. Es besitzt eine Industrie, die ihresgleichen sucht, mit mächtigen Unternehmen wie Siemens, Linde, Bosch, BMW oder Daimler, die seit Jahrzehnten die Exportmärkte beherrschen, was sie anfangs allerdings ein wenig überheblich auf die Digitalisierung "Made in California" hat herabblicken lassen. Dabei sind viele deutsche Konzerne einst ebenfalls in Garagen oder Hinterhöfen entstanden, ähnlich den Firmen im Silicon Valley. Gründer wie Werner von Siemens, Robert Bosch oder Carl von Linde haben bereits im 19. Jahrhundert vollbracht, was in den letzten Jahren Mark Zuckerberg oder Steve Jobs gelang; sie erfanden bahnbrechende Technologien, die die Wirtschaft von Grund auf veränderten. Manchmal macht Erfolg auch träge, und so hat man in Deutschland erst spät verstanden, wie wichtig es ist, die alte Industrie in die neue, vernetzte Welt hinüberzuführen. Mittlerweile aber hat sie den Begriff "Industrie 4.0", erfunden anlässlich der Hannover Messe 2011, zu einem Markenzeichen entwickelt, der weltweit anerkannt ist. Industrie 4.0 steht für Maschinen, die miteinander reden, für Sensoren, die alles erfassen, für Roboter, die dem Menschen die Arbeit erleichtern, für die digitale Fabrik, für smarte Städte und smarte Fahrzeuge. Deutschlands Unternehmen gelten als weitweit führend in der Industrie 4.0, und weil diese Konzerne und die Hidden Champions, die technischen Hochschulen und die industrienahen Forschungseinrichtungen wie Max Planck und Fraunhofer sich über die ganze Republik verteilen, haben sich in Deutschland in den letzten Jahren neben Berlin viele Valleys herausgebildet: allen voran München, mit seinen Dax-Konzernen, den Niederlassungen amerikanischer Internetkonzerne, der Technischen Universität TUM und vielen industrienahen Start-ups. Aber auch Karlsruhe oder Tübingen, wo an künstlicher Intelligenz geforscht wird, oder Stuttgart mit der Start-up-Autobahn haben mächtig aufgeholt.

Allerdings haben auch andere Länder das Potenzial der in Deutschland erfundenen Industry For-Point-Zero erkannt, manche gehen dabei schneller voran. Man muss dazu nur über die Grenze blicken, nach Frankreich, wo sich seit der Amtsübernahme von Präsident Emmanuel Macron 2017 eine erstaunliche Dynamik entwickelt hat. Paris lockt immer mehr Start-ups an, und der Staatspräsident wirbt kräftig für sein Land und lädt ständig Investoren und die Chefs großer Tech-Firmen nach Frankreich ein.

Sehr viel gefährlicher für Deutschland ist aber das, was gerade in China passiert, wo der Staat mit sehr viel Geld seine Strategie "Made in China 2025" verfolgt. Die Volksrepublik will bis Mitte des nächsten Jahrzehnts die weltweite Nummer eins in Bereichen wie Robotik, künstliche Intelligenz oder autonomes Fahren sein - in Sektoren, in denen auch Deutschland gute Chancen hätte, wenn Wirtschaft und Politik sie denn ergreifen würden. In Berlin hat man dies im Grunde erkannt, Angela Merkel reiste Ende Mai auf ihrer jährlichen China-Tour nicht bloß nach Peking, sondern diesmal auch nach Shenzhen, in jene Stadt nördlich von Hongkong, die sich binnen weniger Jahre von einem Fischerdorf zu einer der reichsten und innovativsten Metropolen Chinas entwickelt hat. Hunderte von Unternehmen arbeiten dort an künstlicher Intelligenz oder am neuen, superschnellen Mobilfunk-Standard 5G. "Das Tempo ist Wahnsinn. Das muss man einfach gesehen haben, um zu wissen, was da los ist", sagte Merkel während des Besuchs.

Die Koalition in Berlin ist leider vor allem mit sich selbst beschäftigt

Aber was folgt daraus? Das Tempo in Deutschland ist längst nicht so hoch: in der Wirtschaft nicht - und erst recht nicht in der Politik. Die große Koalition hat den Begriff "digital" zwar so oft wie keinen anderen in ihren Koalitionsvertrag geschrieben, sie hat sich auf dem Papier viel vorgenommen bei der Förderung der Robotik, der künstlichen Intelligenz oder der Blockchain - aber stattdessen waren Union und SPD bisher vor allem mit sich selbst beschäftigt. Bei der Digitalisierung verfolgen die Ministerien nach wie vor alle ihre eigene Strategie oder schaffen, wie zuletzt das SPD-geführte Arbeitsministerium, neue digitale Denkfabriken - obwohl im Koalitionsvertrag doch eine zentrale Anlaufstelle geschaffen wurde: eine neue digitale Staatsministerin im Kanzleramt.

Was vor allem fehlt (und auch im Koalitionsvertrag mit seinen viel Einzelmaßnahmen nicht stand), ist eine Vision: Wo will die Regierung eigentlich hin, wo sieht sie die digitale Zukunft Deutschlands? Es fehlt zudem an der Bereitschaft, mit Macht zu investieren - so wie es China etwa auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz tut. Natürlich kann in Deutschland, anders als ein kommunistisches Land, die öffentliche Hand nur einen Anstoß geben, den Großteil der Investitionen muss am Ende die Privatwirtschaft leisten. Aber auch dies ließe sich fördern, in dem die Politik die Rahmenbedingungen verändert. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) wartet zum Beispiel sehnsüchtig darauf, dass Wirtschaftsminister Peter Altmaier endlich seine Strategie für eine nationale Industriepolitik vorlegt; ein Wunsch des BDI wäre, dass Versicherungen wie Allianz künftig nicht mehr nur in sichere Anleihen oder konservative Aktien investieren dürfen, sondern auch in Start-ups. So ließe sich viel Kapital mobilisieren.

Doch Altmaier hat die Vorlage mehrfach verschoben, während Länder wie Frankreich ihre digitale Industriepolitik mit Verve vorantreiben. Emmanuel Macron, meint die TUM-Professorin Ann-Kristin Achleitner, "hat verstanden, dass noch immer der Satz von Ludwig Erhard gilt: Wirtschaft besteht zu mindestens 50 Prozent aus Psychologie".

Es ist an der Zeit, dass sich die Ludwig Erhards Erben, also Angela Merkel und ihr Kabinett, dessen bewusst werden.