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Esprit:Schutz unterm Schirm

Laden von Esprit

Der Laden ist zu: Esprit-Geschäft in Berlin.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Der Modehändler Esprit beantragt Insolvenz in Eigenverwaltung für sechs seiner Tochterfirmen. Die Krise begann schon vor der Pandemie.

Seit Tagen sind die Läden geschlossen. Die besseren Händler halten das vielleicht zwei Monate aus, die weniger guten zwei bis vier Wochen, sagte Daniel Terberger, Chef des Bielefelder Einkaufsverbundes Katag, vor ein paar Tagen der Süddeutschen Zeitung. So gesehen, dürfte Esprit zu den weniger Guten gehören. Am Freitag hat der Modehändler aus Ratingen, dessen Aktien an der Börse Hongkong notiert sind, für sechs Tochterfirmen Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Solche Schutzschirmverfahren sind eine Variante im deutschen Insolvenzrecht: Unter der Aufsicht eines Sachwalters soll sich die Firma mit dem bestehenden Management selbst aus der Patsche helfen. Zum vorläufigen Sachwalter wurde der Düsseldorfer Rechtsanwalt Biner Bähr von der Kanzlei White & Case bestellt.

Das Unternehmen nennt die Corona-Pandemie als Grund für diesen Schritt. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Esprit darbt seit Jahren. Im Geschäftsjahr 2018/19, das Ende Juni endete, setzte der Konzern mit gut 4900 Mitarbeitern weltweit knapp 13 Milliarden Hongkong-Dollar um, das sind umgerechnet rund 1,5 Milliarden Euro. 2014/2015 waren es noch 19,4 Milliarden Hongkong-Dollar. Die operativen Verluste summierten sich auf knapp 2,1 Milliarden Hongkong-Dollar. Seit Jahren schreibt Esprit Verluste. Im ersten Halbjahr 2019/2020 brachen die Erlöse um rund 15 Prozent auf 5,8 Milliarden Hongkong-Dollar ein. Mehr als die Hälfte seiner Erlöse macht Esprit in Deutschland. Allein dort verkauft die Modekette ihre Waren in gut 110 Läden, Stand Ende Dezember. Hinzu kommen fast 200 Franchiseläden und Hunderte Verkaufsflächen im Handel. Seit Jahren wird saniert und restrukturiert, ein Vorstandschef folgte dem anderen. Seit Sommer 2018 führt Anders Kristiansen den Konzern. Noch im Herbst sagte er der Fachzeitschrift Textilwirtschaft: "Wir steuern in die richtige Richtung." Wochen später teilte er mit, mindestens 400 Stellen abbauen zu wollen. Schon zuvor kündigte er an, das Sortiment kräftig zusammenzustreichen, um Zeit beim Design zu sparen und mit weniger Teilen größere Stückzahlen zu erwirtschaften. Marken im mittleren Preissegment wie Esprit machen Online-Händler wie Amazon und Zalando zu schaffen, dazu Discounter wie Primark.

Schon vor dem Ausbruch der Pandemie war die Stimmung im Modemarkt schlecht, weil sich die Konjunktur eintrübte, geht aus einer im November veröffentlichten Analyse des Beratungsunternehmens McKinsey hervor. In allen Regionen und Preissegmenten mache sich Pessimismus breit. Und, so die Berater weiter, um die Sache komplizierter zu machen: "Wir wissen, dass es externe Schocks geben wird, aber wir wissen nicht, in welcher Form sie auftreten werden." Seit Januar hat eine dieser Erschütterungen einen Namen: Corona.

© SZ vom 30.03.2020
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