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Ernteversicherung:Heikle Doppelrolle

Farmers Fear Possible Drought As Rain Remains Scarce

Trockene Erde wie auf diesem Feld in Luckau, Brandenburg, wird den Bauern in den nächsten Jahren immer mehr Probleme bereiten.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Der Bauernpräsident will Geld vom Staat für Ernteversicherungen - und sitzt zugleich im Aufsichtsrat eines großen Anbieters.

Von Tanja Busse, Hamburg

Mitten im Hitzesommer des dritten Dürrejahres in Folge hat der Präsident des Deutschen Bauernverbands eine halbe Milliarde Euro vom Staat gefordert - als Unterstützung für eine Ernteversicherung auf den Äckern und Feldern. Staatliche Hilfe sei "zwingend notwendig", wenn der Klimawandel den Bauern in Zukunft die Ernte verhageln wird. "Was wir als Landwirte feststellen müssen: Der Klimawandel manifestiert sich", sagte Rukwied auf seiner Pressekonferenz zur Erntebilanz. Doch weil die Landwirtschaft dazu "wirtschaftlich nicht in der Lage" sei, müssten Bund und Länder die Anschubfinanzierung "mitbegleiten" - mit 300 bis 500 Millionen Euro, pro Jahr, mindestens drei Jahre lang.

Was Rukwied nicht sagte: Er ist nicht nur Präsident des Bauernverbands, sondern auch im Aufsichtsrat der R+V Allgemeine Versicherung AG. R+V zählt zu den größten deutschen Versicherern und bietet nach eigenen Angaben "alle Versicherungen an, die der Landwirt benötigt" - auch Hagel- und Ernteversicherungen in Kooperation mit der Vereinigten Hagel, einem Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit.

Die Selbstverständlichkeit und Vehemenz, mit der Rukwied staatliche Hilfen fordert, irritieren. Seit Jahren steht die enge Verflechtung des Deutschen Bauernverbands mit dem Agrobusiness in der Kritik. Vor allem die Ämterhäufung des langjährigen Westfälisch-Lippischen Bauernpräsidenten (bis Februar 2020) und CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Röring haben immer wieder für Diskussionen gesorgt - ebenso wie der Einsatz des früheren CDU-Abgeordneten Franz-Josef Holzenkamp gegen schärfere Düngegesetze während seiner Zeit als Aufsichtsratsvorsitzender der Agravis AG, einer der größten deutschen Agrarhändler.

Nun also fordert Rukwied eine halbe Milliarde Euro vom Staat für eine Versicherung. Darf ein Verbandspräsident das, wenn er gleichzeitig Mitglied im Aufsichtsrat eines Unternehmens ist, das solche Versicherungen anbieten könnte? "Ja, er darf", sagt Guido Nischwitz vom Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen, der im Auftrag des Naturschutzbundes Nabu 2019 eine Studie über die Verflechtungen des Deutschen Bauernverbands vorgelegt hat. "Aber es hat ein Geschmäckle."

Viele Landwirte wünschen sich vor allem faire Preise, sie wollen nicht abhängig sein

Als Aufsichtsrat hat Rukwied die Aufgabe, die Geschäftsführung der Aktiengesellschaft zu überwachen, deren Ziel es ist, Gewinn für die Aktionäre zu erwirtschaften. Und wirklich: R+V befürwortet ebenso wie der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft eine staatliche Unterstützung für die Ernteversicherung. Das ist wenig überraschend, denn anders als Hagel schädigt Dürre großflächig ganze Regionen. Das macht eine Ernteversicherung gegen die Folgen des Klimawandels sehr teuer. "Wir müssten Prämien erheben, die sich für viele Landwirte betriebswirtschaftlich nicht rechnen", schreibt R+V der SZ. Der stellvertretende Generalsekretär des Bauernverbands, Udo Hemmerling, verteidigt die enge Verflechtung mit dem Versicherungskonzern. "Wir vertreten in den Banken, Versicherungen und anderen Unternehmen des genossenschaftlichen Bereichs die Anliegen der Landwirte als wichtige Kundengruppe", sagt er. "Raiffeisens Gedanke der Selbsthilfe wirkt bis heute nach."

Aber deckt sich das auch mit den heutigen Interessen der Bäuerinnen und Bauern, von denen mehr als 90 Prozent im Bauernverband organisiert sind? Tatsächlich befürworten viele eine solche Ernteversicherung und verweisen auf andere Länder, in denen sich der Staat schon an den Kosten dafür beteiligt. Doch immer öfter klagen Landwirte, dass sie nicht länger von einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit als Subventionsempfänger angeprangert werden möchten. Viele sagen: Wir wollen keine Hilfsgelder, wir wollen nur für unsere Arbeit fair bezahlt werden. Doch allzu oft ist das nicht der Fall: Immer wieder liegen die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise unter den Produktionskosten, Subventionen schon mit eingerechnet. Vor allem Milchbauern müssen oft monatelang arbeiten, ohne Geld zu verdienen und sogar Schulden machen, um Futter zu bezahlen. Und sie sind besonders betroffen, wenn im Sommer die Weiden verdorren und kein Futter mehr wächst - doch für Weideflächen würde die von Rukwied vorgeschlagene Mehrgefahrenversicherung gar nicht aufkommen.

Faire Preise würden den Landwirten also helfen - nicht aber den Agrarhändlern, Großmolkereien und Fleischkonzernen, die ihre Produkte bei günstigen Rohstoffpreisen besser auf dem Weltmarkt absetzen können. Die grundsätzliche Ausrichtung der deutschen Landwirtschaft auf internationale Wettbewerbsfähigkeit stellt der Bauernverband aber nicht in Frage.

Als Rukwied im Dürresommer 2018 gleich eine ganze Milliarde Euro Nothilfe forderte, waren selbst in der Landwirtschaft viele skeptisch.

Wie könnte einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit vermittelt werden, dass eine Branche, die selbst zur Erderhitzung beiträgt, wie selbstverständlich staatliches Geld gegen Klimaschäden einfordert? Wie sollte das bezahlt werden, wenn jeder Wirtschaftszweig, der unter der Erderhitzung leidet, solche Forderungen erhebt?

Viele Landwirtinnen und Landwirte sind da längst weiter: Auf ihren Feldern erproben sie, wie aufbauende oder regenerative Landwirtschaft die Fruchtbarkeit des Bodens erhöht und damit seine Fähigkeit, Wasser länger zu halten. Sie erweitern ihre Fruchtfolgen und experimentieren mit Mischkulturen und Agroforstsystemen mit Büschen, Baumreihen und Äckern - nach dem Prinzip Vielfalt als natürliche Risikoversicherung. Eine solche Landwirtschaft könnte eine Kohlenstoffsenke sein, sie könnte also mehr CO₂ speichern, als sie freisetzt. Die Landwirtschaft könnte also helfen, die Erderhitzung zu bremsen.

In einem zehntausendfach geklickten Youtube-Video forderte etwa der Landwirt Michael Reber aus Schwäbisch Hall, die guten Praxisbeispiele unter Landwirten bekannter zu machen und staatliches Geld in den Aufbau einer von Wirtschaftsinteressen unabhängigen Forschung zu stecken - statt in Versicherungen.

© SZ vom 25.08.2020
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