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Erneuerbare Energie:Grüner Abbau

Zehntausende Ökostrom-Anlagen erhalten bald keine Förderung mehr. Was dann? Wenn nichts passiert, droht ein Abbau der Kapazitäten für erneuerbare Energie.

Bislang gab es nur Schätzungen darüber, was nach 2020 passieren würde. Tausende Windräder und Solaranlagen, so viel war klar, würden dann die Förderung verlieren - schließlich war die auf 20 Jahre befristet, und gezahlt wurde sie erstmals im Jahr 2000. Nun legt die Bundesregierung erstmals Zahlen vor: Danach werden in den ersten drei Jahren nach 2020 knapp 10 000 Windräder nicht mehr gefördert werden, hinzu kommen 18 500 Solaranlagen und 183 Biomasseanlagen.

Die Förderung galt stets als Starthilfe für die Einführung erneuerbarer Energien. Die lange Laufzeit sollte den Betreibern genügend Sicherheit geben, dass sich ihre Investitionen auch rechnen. Gezahlt wurde die Förderung per Umlage von den übrigen Stromkunden, im vorigen Jahr wurde der Ökostrom so mit knapp 25 Milliarden Euro gefördert. Vor allem hohe Garantievergütungen aus den Anfangsjahren schlagen hier immer noch zu Buche.

Was aber, wenn die Förderung plötzlich endet? "Inwieweit nach Auslaufen des Vergütungsanspruchs ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb möglich ist, hängt von der betriebswirtschaftlichen Situation der einzelnen Anlagen ab", heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen. Sie brachte auch die neuen Zahlen ans Licht.

Doch die Sache ist kompliziert. So waren viele der frühen Solaranlagen recht klein, im Schnitt haben sie bei Sonnenschein eine Leistung von knapp fünf Kilowatt. Solche Paneele lassen sich gut weiter für den eigenen Strombedarf nutzen, solange sie noch funktionieren, längst sind sie abgeschrieben. Ohnehin sind die Preise für Solarmodule und zugehörige Batteriespeicher zuletzt so weit gefallen, dass sie sich für Selbstversorger nach ein paar Jahren amortisieren, selbst ohne Förderung.

Auch für die Biomasse-Kraftwerke, die Strom aus Gärgasen erzeugen, gibt es eine Zukunft. Für die kostengünstigen unter ihnen ist auch nach 2020 eine Anschlussförderung drin. Einzige Bedingung: Sie müssen den Strom billiger erzeugen als konkurrierende Neuanlagen.

Wenn nichts passiert, droht der Abbau von Kapazitäten für erneuerbare Energie

Bei den vielen Tausend Windrädern liegen die Dinge anders. Viele davon sind Pionieranlagen und nicht besonders groß. Ob sich ihr Weiterbetrieb rechnet, hängt maßgeblich vom Strompreis an der Börse ab.

Experten gehen davon aus, dass sich alte Windräder schon für drei Cent je Kilowattstunde mit Gewinn drehen würden. Das ist in etwa der derzeitige Strompreis. Nur: Oft stehen sie an Stellen, an denen größere Anlagen weit höhere Erträge abwerfen würden, des guten Windes wegen. Es würde sich dort rechnen, die alten Windräder abzureißen und gegen neue auszutauschen. Nur: Wer zahlt es?

Das System hat sich in der Zwischenzeit massiv verändert. Bekamen die alten Windräder noch für jede Kilowattstunde Strom eine fixe Vergütung bezahlt, entscheiden seit diesem Jahr Ausschreibungen über die Höhe der Vergütung. Wer ein neues Windrad bauen will, kann sich mit seinem Projekt an der Ausschreibung beteiligen. Die Bieter, die mit der geringsten Förderung klarkommen, erhalten den Zuschlag. Das Problem: Jedes Jahr wird nur eine bestimmte Höchstmenge an Windkraft auf diese Weise vergeben, nach 2020 jeweils 2,9 Gigawatt.

Windparks mit rund 700 modernen Windrädern könnten so im Jahr entstehen - während alleine Ende 2020 mehr als 4300 Windräder die Förderung verlieren, ein Jahr darauf noch einmal gut 2600. Weit mehr Standorte, als es Zuschläge im Jahr gibt. "Wenn nichts passiert, werden wir in drei Jahren keinen Zu-, sondern einen Abbau von erneuerbaren Erzeugungskapazitäten haben", warnt Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer. Dabei müsse schon des Klimaschutzes wegen mehr Ökostrom ans Netz gehen als bisher geplant. Die Grünen fordern deshalb, den bestehenden Deckel für die Ausschreibungen anzuheben, weit über die geplanten 2,9 Gigawatt hinaus. "Andernfalls", sagt Krischer, "verschenkt die Bundesregierung viele der guten Standorte."

© SZ vom 29.03.2017
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