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Erdöl:Heizen mit gutem Gewissen

Der Mineralölhändler Avia verkauft Heizöl, das zumindest rein rechnerisch dem Klima nicht schadet. In der Branche ist das ein Novum. Umweltschützer sind trotzdem nicht zufrieden.

Von Silvia Liebrich

Heizölhändler haben wie Tankstellenbetreiber ein großes Problem. Über kurz oder lang wird ihr Geschäftsmodell nicht mehr funktionieren, weil das Verbrennen fossiler Brennstoffe dem Klima schadet. Vor diesem Dilemma steht auch der mittelständische Mineralölhändler Avia. Kampflos aufgeben kommt für Geschäftsführer Holger Mark dennoch nicht in Frage. "Wir wollen unsere Position so lange halten, bis es klimafreundliche Alternativen gibt", sagt er. Bis dahin will das Unternehmen seinen Kunden zu einem besseren Gewissen verhelfen, mit klimaneutralem Heizöl - in der Branche das erste Projekt dieser Art in Deutschland.

Doch wie soll das gehen? Wer mit Erdöl heizt, setzt zwangsläufig schädliche Treibhausgase frei.

Avia löst dieses Problem seit Kurzem mit CO₂-Zertifikaten. So soll sichergestellt werden, dass der Kohlendioxid-Ausstoß durch das verkaufte Heizöl an anderen Stellen auf der Welt zumindest kompensiert wird, etwa durch Wind- oder Wasserkraftanlagen. Wirklich optimal ist das nicht, das weiß Geschäftsführer Mark. "Ich kann das Heizöl damit nicht grün machen, beim Verbrennen wird auch weiterhin CO₂ freigesetzt". Trotzdem glaubt er: "Wenn unsere Konkurrenten dem Beispiel folgen, ließe sich ein spürbarer Effekt erzielen". Avia könne mit einem Anteil von zwei Prozent am Heizölmarkt nur einen geringen Beitrag leisten, "doch wir hoffen, eine Diskussion in Gang zu setzen". In dem Unternehmen, das ähnlich wie eine Genossenschaft funktioniert, haben sich 32 selbständige Mineralölhändler zusammengeschlossen.

Öllheizung

In vielen Kellern stehen noch alte Öl- oder Gasheizungen. Manche Experten fordern daher die Einführung einer CO₂-Steuer. Für viele Verbraucher könnte sich das sogar lohnen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Bei Umweltschützern stößt das Avia- Modell auf große Skepsis. "Das eigentliche Problem verschwindet damit nicht", kritisiert Hauke Hermann, Energie- und Klimaexperte vom Freiburger Öko-Institut. "Viel wichtiger wäre es, alle Heizölanlagen zu ersetzen." Doch das ist einfacher gesagt als getan. Zwar werden in Neubauten kaum noch Heizölanlagen eingebaut, der Anteil liegt bei einem Prozent. Insgesamt ist aber immer noch ein Drittel aller Haushalte von dem Brennstoff abhängig. Viele Hausbesitzer nutzten zudem den niedrigen Ölpreis der vergangenen zwei Jahre, um veraltete Brennöfen zu modernisieren.

Zwar ist der Abschied von fossilen Brennstoffen auf politischer Ebene beschlossene Sache. Bis es tatsächlich soweit ist, dürfte aber noch einige Zeit vergehen. Die Bereitschaft vieler Hausbesitzer umzusteigen, sei gering, sagt Mark. "Was fehlt, sind geeignete Ersatzstoffe. Wir können derzeit nicht unseren gesamten Energiebedarf mit Strom decken, ohne noch mehr Kohle einzusetzen."

Dem Vorwurf von Kritikern, das Unternehme betreibe mit den Zertifikaten einen modernen Ablasshandel, weist Mark zurück. "Wir wollen kein Greenwashing betreiben, sondern einen echten Beitrag leisten", sagt er. Die Klimaschutzprojekte, in die Avia investiert, werden vom Dienstleister First Climate vermittelt und zertifiziert, einzelne Projekte von unabhängigen Prüfern wie etwa dem TÜV Nord überwacht. Ein Modell, das auch vom Umweltbundesamt anerkannt ist. Außerhalb der Ölbranche nutzen schon viele Unternehmen solche Angebote, um ihre Klimabilanz zu verbessern. Eines davon ist die Deutsche Post mit dem Go-Green-Programm für Post- und Paketsendungen. "Die Grundidee ist es, dort für CO₂-Einsparungen zu sorgen, wo es ökonomisch und sozial am sinnvollsten ist", sagt Sascha Lafeld, einer der Gründer von First Climate. Dies könne im eigenen Land oder in einem Entwicklungsland geschehen. "Dem Klima ist es völlig egal, wo die Treibhausgase eingespart werden. Es gehe vor allem darum, den eigenen Fußabdruck zu messen und auszugleichen", ergänzt Lafeld.

Grubengas und Kochöfen

Für Unternehmen, die zum Klimaschutz beitragen wollen, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder sie stellen ihre Produktion radikal um, so dass keine oder möglichst wenig schädliche Treibhausgase entstehen, oder sie kaufen sogenannte Emissionsminderungszertifikate, mit dem sie ihre negative Klimabilanz aufbessern können. Diesen Weg hat der Mineralölhändler Avia gewählt. Dabei investiert die Firma in Klimaschutzprojekte, die von Dienstleistern wie First Climate entwickelt und vermittelt werden. Avia investiert nach eigenen Angaben in vier völlig unterschiedliche Projekte. Eines davon wandelt Grubengas, das aus stillgelegten Steinkohleschächten in Nordrhein-Westfalen abgesaugt wird, in Wärmeenergie um. Dieses besteht zu einem hohen Anteil aus Methan, das zwar sehr energiereich, aber auch 21 Mal klimaschädlicher ist als CO₂, wenn es in die Atmosphäre gelangt. In Uganda engagiert sich das Unternehmen dafür, dass energieeffiziente Kochöfen vor Ort hergestellt und in die Haushalte gebracht werden, um eine weitere Abholzung von Wäldern zu verhindern oder wenigstens zu bremsen. Holz ist einer der wichtigsten Brennstoffe in ganz Afrika. Hinzu kommen die Beteiligung an einem Windkraftpark an der Westküste der Türkei sowie an einem Wasserkraftwerk im Himalaja. Welche CO₂-Einsparungen mit solchen Projekten erzielt werden können, ist durchaus umstritten, auch weil die Berechnung der CO₂-Einsparungen kompliziert ist. Silvia Liebrich

Im Fall von Avia geht es dabei um Zertifikate mit einem Volumen von einer Million Tonnen Co₂. Ein Volumen, das nach Firmenangaben ausreicht, um 360 000 Kubikmeter Heizöl oder umgerechnet den Verbrauch von 185 000 Haushalten klimaneutral zu stellen, zumindest rein rechnerisch. "Pro Haushalt und Jahr bedeutet das im Schnitt zusätzliche Kosten von 30 bis 40 Euro", rechnet Mark vor. Diese Zusatzkosten werden derzeit nicht an die Kunden weitergegeben, sondern gehen zu Lasten der Avia-Gesellschafter.

Mit dieser Strategie hofft das Unternehmen seine Position am Markt zu halten. Den allgemeinen Absatzrückgang bei Heizöl konnte Avia bislang dadurch auffangen, dass viele einzelne selbständige Händler im Gewerbe in den vergangenen Jahren ihr Geschäft aufgegeben haben. Neben dem Ölgeschäft betreibt Avia außerdem Windparks und handelt mit Holzpellets. Zum Avia-Netz gehören außerdem 850 Tankstellen. Damit gilt das Unternehmen als fünftgrößter Zapfsäulenbetreiber in Deutschland.

Der Wandel gehört für Mark zum Energiegeschäft - und er wird sich nicht aufhalten lassen. "Bei der Kohle war das vor 60 Jahren ähnlich, die Leute wollten nicht mehr schwer schleppen, um es warm zu haben. Damals ging es um Komfort, heute geht es um Klimaschutz."

© SZ vom 13.03.2017

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