Süddeutsche Zeitung

Erdgas:Ein neuer Weltmarkt

Erdgas wird zum zweitwichtigsten Energie-Rohstoff der Erde. Dank neuer Gewinnungstechniken wird es als Brennstoff bald wichtiger als Kohle.

Zu den wesentlichen Eigenarten von Energiemärkten gehört es, dass sich die Dinge oft anders entwickeln als einst vorhergesehen. Die jüngere Geschichte des Erdgases in den USA verdeutlicht das: Während die neue US-Regierung das nahezu aussichtslose Unterfangen vorbereitet, die Kohleindustrie wieder zu beleben, entsteht, ausgehend von den Vereinigten Staaten, ein neuer Weltmarkt für Erdgas - nur genau umgekehrt, als es vor einigen Jahren noch zu erwarten war. Denn anstatt absehbar Gas einführen zu müssen, werden die USA dank der Fracking-Revolution zunehmend selbst zum Exporteur.

So verändern die amerikanischen Produzenten fundamental das weltweite Gefüge des Gasgeschäfts. Als Energierohstoff für das 21. Jahrhundert wird Erdgas eine tragende Rolle spielen, zumal es sauberer verbrennt als Öl oder Kohle. In seiner jüngsten Energiemarktprognose rechnet der britische Konzern BP vor, dass Erdgas schon im nächsten Jahrzehnt die Kohle als zweitwichtigsten Brennstoff ablösen wird. In den USA ist genau das schon 2016 passiert. Die weltweite Nachfrage nach Gas dürfte in den kommenden Jahren doppelt so schnell steigen wie die nach Erdöl und Kohle. Erdgas ist der einzige der drei dominanten fossilen Brennstoffe, dessen Anteil am weltweiten Energiemix weiter steigt.

Das hat wesentlich mit der Entwicklung des LNG-Marktes zu tun. Die Abkürzung steht für Liquefied Natural Gas, eine inzwischen bezahlbare Technologie, mit der sich Erdgas verflüssigt auf Spezialschiffen auch über weite Distanzen transportieren lässt. Anders als Erdöl war Gas lange auf den Transport per Pipeline beschränkt. Anstatt eines Weltmarktes gab es vergleichsweise kleine, regionale Märkte mit regional unterschiedlichen Preisen, gekennzeichnet durch lang laufende Verträge zwischen Produzenten und Abnehmern. Nun wird Erdgas zur weltweiten Handelsware, der Wettbewerb der Produzenten intensiver. Irgendwann innerhalb der kommenden Jahre wird erstmals mehr Gas per LNG verschifft als durch Pipelines gepresst.

Investoren, Konzerne und Staaten stellen sich seit einiger Zeit auf diese Globalisierung des Gashandels ein. Die umgerechnet 50 Milliarden Dollar schwere Übernahme des Konkurrenten BG war für den Ölkonzern Royal Dutch Shell vor allem ein strategischer Schritt, um das Erdgas-Geschäft zu stärken. Iran setzt seit Herbst vergangenen Jahres zusammen mit Katar die Entwicklung des Gasfelds South Pars im Persischen Golf fort, eines der gewaltigsten Energieprojekte der Welt, mit dem Ziel, mehr Gas zu exportieren. Und US-Produzenten sprengen per Fracking inzwischen so viel Gas aus Schiefergestein, dass es in der Stromproduktion günstiger ist als Kohle - und in Schiffen um die Welt fährt. Importländer wie Deutschland können sich freuen: Je höher der Wettbewerb auf der Angebotsseite, desto niedriger sind absehbar die Preise und desto sicherer ist die Gasversorgung.

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Quelle:
SZ vom 14.03.2017
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