Eon Aufbruch ins Morgenland

Auf der letzten Hauptversammlung von Eon vor der Aufteilung werben die Manager bei den Aktionären um ihren Plan. Es gehe nicht um das Ende einer Firma - die alte Energiewelt insgesamt stehe vor dem Untergang.

Von Markus Balser, Berlin

Wie die Zukunft von Eon aussieht? Die Aktionäre von Europas größtem Energiekonzern müssen am Donnerstag Morgen direkt hinter dem Eingang im Bauch der Essener Grugahalle durch: Im Foyer hängen diesmal keine Fotos mehr von den Großkraftwerken des Konzerns. Dafür Modelle von Solaranlagen, Windparks und Minikraftwerken für den Keller. Eine Etage höher macht Eons Konzernchef Johannes Teyssen gleich zu Beginn des Aktionärstreffens klar, wie drastisch der Wandel seiner Branche in den nächsten Jahren ausfallen wird. "Das Energiegeschäft, wie wir alle es kennen, wird zu einem vergangenen Kapitel Industriegeschichte."

So deutlich hatte das bislang kein deutscher Manager formuliert. Das neue und das alte Geschäft von Eon - zum letzten Mal steht Teyssen an diesem Morgen bei einer großen Konzernveranstaltung für beides auf der Bühne. Ende des Jahres vollzieht Eon die angekündigt Aufspaltung in einen grünen Zukunftsteil (Ökostrom und Netze) und einen schwarzen - das Geschäft mit Kohle, Gas und Atom. Eon will diese neue Firma unter dem Namen Uniper teils an die eigenen Aktionäre verschenken und teils an die Börse bringen. Es dürfte der Beginn eines noch radikaleren Umbruchs auf dem deutschen Energiemarkt werden als bislang erwartet. "Wie wir heute sehen, waren die Umbrüche der Vergangenheit nur der Auftakt zu viel fundamentaleren Veränderungen - zu einer Revolution der Energiewelt, die begonnen hat, alles umzustürzen, was hundert Jahre als feste Gewissheit galt", sagt Teyssen voraus.

Alt: Ende des Jahres spaltet Eon das alte Geschäft mit Kohle, Gas und Atom ab in eine neue Firma mit Namen Uniper.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Vor der Halle gibt es Protest: "Wer zahlt eigentlich für euren Atommüll?"

Es ist auch eine bemerkenswerte persönliche Wende, die die Aktionäre an diesem Morgen in Essen auf der letzten Hauptversammlung von Eon in der alten Form miterleben. Wie die Konzernchefs von RWE, EnBW und Vattenfall hatte auch Teyssen noch bis vor wenigen Jahren um längere Laufzeiten für seine Atomkraftwerke gekämpft. Von den Risiken der Energiewende für die Versorgungssicherheit der Deutschen ist bei Eon nun keine Rede mehr. Vor der Neuaufstellung des Unternehmens geht es nur noch um die Chancen mit grünem Strom. "Eon wird sich darauf konzentrieren, die Zukunft zu gestalten", kündigt Teyssen an. Der 55-Jährige ahnt allerdings, dass ihm Weltkonzerne wie Google den eigenen Markt streitig machen wollen. "In der Verbindung von Energiegeschäft und Big Data steckt Musik - und zwar genau die Sorte, die man im Silicon Valley gerne hört." Vieles gerät in Bewegung. "Wie und wo Energie erzeugt wird, wie sie transportiert wird - das verändert sich gerade fundamental", sagt Teyssen. Ein Land wie die USA wollen den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2040 verdreifachen, Japan bis 2030 verdoppeln. Um wie viel es bei dem spektakulärsten Konzernumbau geht, wird auf der Hauptversammlung mit jeder Minute klarer. Teyssen treibt nicht nur die größte Aufspaltung voran, die es jemals in der deutschen Wirtschaft gab. Er vollzieht auch einen Umbau, der das ganze Land trifft: Zehntausende Mitarbeiter und Aktionäre, Millionen Stromkunden und Steuerzahler.

Es geht um Ebit und Ethik und auch um die Frage, ob sich ein Milliardenkonzern aus seiner Verantwortung stiehlt. Vor der Halle warnen Umweltschützer vor Milliardenrisiken des Deals: "Sag mal Eon, wer zahlt eigentlich für euren Atommüll", steht im Stil der offiziellen Eon-Werbung auf einem großen Transparent. "Du natürlich, unseren Aktionären können wir das doch nicht zumuten", heißt die Antwort. Ob die 16,6 Milliarden Euro Atomrückstellungen des Konzerns denn reichen, fragen drinnen auch besorgte Aktionäre. Sie werden, sagt Teyssen.

Neu: Eon will sich dann ganz auf das grüne Zukunftsgeschäft mit Ökostrom und Netzen konzentrieren.

(Foto: oh)

Doch Investoren des Konzerns bleiben skeptisch. "Kohle- und Gaskraftwerke werden in einer neuen Gesellschaft nicht profitabler", sagte der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Thomas Hechtfischer. Tatsächlich erlebt die Energiebranche die größte Krise ihrer Geschichte. Eon brechen wie deutschen und europäischen Konkurrenten die Geschäfte in hohem Tempo weg. Der schnelle Ausbau grüner Energien lässt konventionelle Kraftwerke immer häufiger stillstehen. Auch in den kommenden Jahren werden Dutzende Anlagen überflüssig.

"Diesmal werden wir Sie nicht enttäuschen", sagt der Chef

Schon im vergangenen Jahr verbuchte der Konzern einen Rekordverlust von 3,2 Milliarden Euro. Und im ersten Quartal liefen die Geschäfte weiter schlecht, wie Eon unmittelbar vor der Hauptversammlung einräumte: Im ersten Vierteljahr gingen sie wegen der niedrigen Öl- und Börsenstrompreise um fast ein Zehntel zurück. "Dass man aus zwei Schwachen einen Starken machen kann, kann ich mir vorstellen", sagt Alexander Elsmann von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. "Aber dass man aus einem Schwachen zwei Starke machen kann, dafür fehlt mir die Vorstellungskraft." Die Krise des Konzerns habe nicht nur die Energiewende ausgelöst. Eon habe hohe Summen bei Ausflügen in neue Märkte wie Brasilien verbrannt, kritisierte Ingo Speich von Union Investment, einem der großen Fonds-Investoren bei Eon. Auch in Spanien habe Eon Milliarden abschreiben müssen. "Eine solche Serie von Pleiten, Pech und Pannen sucht wirklich ihresgleichen." Geht es nach Teyssen, sind das Probleme der Vergangenheit. "Diesmal werden wir Sie nicht enttäuschen", verspricht der Eon-Chef. Wo die Zukunft liegt? "Wenn Sie beim Verlassen der Halle nach rechts schauen, dann noch 200 Meter die Straße heruntergehen, dann stehen Sie vor einem großen Glasbau", sagt Teyssen noch. Es ist der Sitz der neuen Eon-Gesellschaft.