Energiewende:Wärme aus der Kanalisation

Aus dem ehemaligen Galeria Kaufhof am Ostbahnhof ist seit 2017 in kuerzester Zeit das UP des Signa Bauherren geworden. B

Das ehemalige Kaufhof-Gebäude am Berliner Ostbahnhof wird künftig mit Wärme aus der Kanalisation versorgt.

(Foto: Peter Meißner/imago)

In Berlin nutzen erste Gebäude die Energie des Abwassers in Kanälen, um zu heizen. Es ist eine kleine Antwort auf die große Frage, wie Häuser künftig klimaneutral warm werden sollen.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Wenn die Beschäftigten des Onlinehändlers Zalando im Herbst und Winter ihre neue Zentrale in Berlin bevölkern, dann wird eine ungewöhnliche Technologie die Büros beheizen: Der Energiekonzern Eon und der Immobilienentwickler Signa haben nun eine Anlage in Betrieb genommen, die das einstige Kaufhof-Gebäude nahe des Ostbahnhofs zu einem Gutteil mit Wärme aus der Kanalisation versorgen soll.

Die Kooperation mit den Berliner Wasserbetrieben soll eine kleine Antwort auf die große Zukunftsfrage geben: Wie werden Häuser künftig warm, ohne im großen Stil Erdgas oder Öl zu verfeuern? Immerhin zeichnen Gebäude für etwa ein Sechstel aller CO₂-Emissionen in Deutschland verantwortlich. Dort bleibt also viel zu tun, wenn der Bund bis 2045 klimaneutral werden will. "Für uns ist das ein Leuchtturmprojekt", sagt Eon-Manager Nikolaus Meyer. "Abwasserwärme ist eine der wesentlichen zukunftsgerichteten Energiequellen, die man in einer Großstadt nutzen kann."

Im konkreten Fall hatten die Partner Glück: Das frühere Kaufhaus steht nahe eines alten Kanals aus Klinkern, der auf zwei Metern Durchmesser Regen- und Abwasser aus der Siedlung sammelt und abtransportiert. Solches Wasser kann bis zu 20 Grad warm sein - Energie, die bislang ungenutzt ins Erdreich abgegeben wird. Stattdessen haben Eon und Signa einen Wärmetauscher in den Untergrund gebaut. Das 200 Meter lange Edelstahl-System leitet kaltes Wasser während der Heizsaison durch den wärmeren Kanal, ohne dass sich die Flüssigkeiten vermischen. So gibt das Abwasser einen kleinen Teil der Energie ab. Eine strombetriebene Wärmepumpe hebt die Temperatur schließlich auf das Niveau, das die Heizungen in dem runderneuerten Gebäude benötigen.

Völlig klimafreundlich ist die Lösung in Berlin noch lange nicht

Allerdings muss man konstatieren, dass das System in dem Fall noch nicht völlig klimafreundlich ist: Erstens bezieht die Wärmepumpe den Strom nicht etwa von einer Solaranlage, sondern von einem kleinen, gasbetriebenen Blockkraftwerk. Zweitens hat das Gebäude zur Sicherheit noch einen Gaskessel, damit die Beschäftigten auch an besonders kalten Tagen nicht frieren.

Nach Angaben der Berliner Wasserbetriebe eignen sich für Wärmetauscher nur Kanalanlagen, die stabil mindestens 15 Liter Wasser pro Sekunde transportieren. In der Hauptstadt sehe man entlang von gut 580 Kanalkilometern ein entsprechendes Potenzial. "Wir haben in Berlin nun ein Dutzend solcher Abwasser-Wärmeprojekte", sagt Projektleiter Alexander Schitkowsky. Eon geht davon aus, dass bundesweit bis zu 14 Prozent der benötigten Wärme über Abwasser gewonnen werden könnten.

Die sogenannte Wärmewende braucht also definitiv noch andere Lösungen: beispielsweise Fernwärmenetze, die Energie aus Industrieprozessen oder die Erdwärme nutzen. Eon als großer Betreiber regionaler Netze hofft zudem darauf, dass es wenigstens zum Teil gelingen wird, bestehende Gasleitungen "grün" zu machen. Dafür bräuchte es freilich Gas aus nachwachsenden statt aus fossilen Quellen - oder Wasserstoff, der mit sehr viel Ökostrom gewonnen werden müsste. Da schadet es aus Sicht des Essener Konzerns nicht, auch mal eine etwas kuriose Wärmepumpen-Anwendung ins Schaufenster zu stellen.

© SZ
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