Süddeutsche Zeitung

Enthüllungsplattform:Wikileaks-Leck bringt Informanten in Gefahr

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Dokumente auf der Plattform Wikileaks lassen Rückschlüsse auf ausländische Informanten der USA zu - sie könnten dadurch in ihren Heimatländern Probleme bekommen. Unterdessen verschärft sich der Machtkampf zwischen Julian Assange und seinen Ex-Mitarbeitern.

Janek Schmidt

Die Botschaft bestand nur aus vier Wörtern, doch sie hob den Machtkampf zwischen der Veröffentlichungsplattform Wikileaks und deren Konkurrenten Openleaks auf eine neue Stufe.

Bislang hatten den Konflikt nur die Frontmänner der beiden Organisationen ausgetragen: Julian Assange für Wikileaks gegen Daniel Domscheit-Berg für Openleaks. Im Hintergrund geblieben war dabei ein dritter Mann: ein Programmierer, der einst als wichtigster Techniker von Wikileaks gegolten hatte und der die Organisation vor einem Jahr mit Domscheit-Berg verlassen hatte, um gemeinsam Openleaks zu gründen.

Auch unter den sieben Kernmitgliedern von Openleaks ist er der zentrale Informatiker. Der Öffentlichkeit ist stets nur sein Deckname bekannt gewesen: "der Architekt".

Doch nachdem die Streitigkeiten unter den beiden Hacker-Gruppen in den vergangenen Wochen eskaliert waren, meldete sich in der Nacht zum Dienstag ein ominöser Nutzer bei Twitter zu Wort. Sein Name: " ex-wl-arch". Seine Botschaft: "Ich habe Openleaks verlassen."

Streit um Twitter-Botschaften

Im Internet tauchten sofort Spekulationen über die Folgen der Nachricht auf, denn ein Ausstieg des Architekten würde Openleaks schwer treffen. Doch Domscheit-Berg hält die Botschaft für eine Fälschung. Zwar sei er gerade im Ausland und habe noch nicht mit seinem Programmierer gesprochen, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Doch eines sei sicher: "Der Account gehört nicht dem Architekten, der würde kein Twitter nutzen."

Wie ein Beweis für diese These tauchte ein weiterer Kommentar im Internet auf - doch diesmal viel versteckter: Im sogenannten Quellcode von Openleaks, also in dem Text, mit dem die Webseite programmiert ist. Der Text ist zwar öffentlich einsehbar, aber bearbeiten können ihn nur Zugangsberechtigte. Das ist nach Aussage von Openleaks der Architekt, der die Webseite täglich pflegt.

In diesem Quellcode erschien nun die Aufforderung: "Glaubt nicht alles, was in der Presse oder auf Twitter steht." Und als Hinweis auf den mutmaßlichen Urheber der neuerlichen Aufregung folgt: "@J:" - die Insider-Anrede an Julian Assange - "ich bin wirklich enttäuscht, dass Du auch nur denken konntest, ich würde Twitter benutzen."

Damit verschärfte sich ein Streit, der zuletzt mehrfach angefeuert worden war. Ursprünglich war es dabei um Einfluss bei Wikileaks gegangen. Doch nach dem Auseinanderbrechen der Gruppe konzentrierte sich der Konflikt auf Papiere, die Domscheit-Berg bei seinem Ausstieg mitgenommen hatte und die er behalten wollte, bis deren Sicherheit bei Wikileaks wieder gewährleistet sei.

Erst vor zwei Wochen war Domscheit-Berg auch als Folge dieses Streits aus dem Technikerverein Chaos Computer Club ausgeschlossen worden. Spätestens seitdem ist die Hacker-Welt tief gespalten in der Frage, ob Daten in Händen von Wikileaks derzeit noch wirklich sicher sind, und ob Daniel Domscheit-Berg somit rechtmäßig Dokumente der Organisation zurückhalten kann.

In diesem Zusammenhang berichtete die Zeitung Freitag nun von einem Leck bei Wikileaks, von dem Eingeweihte bereits vor Monaten erfuhren, es aber aus Rücksicht auf den Schutz von Quellen nicht publik gemacht hatten. Demnach kursiert im Internet eine verschlüsselte Datei unter dem Namen "cables.csv" mit unredigierten Botschafter-Depeschen von Wikileaks.

Diese Datei war dem Vernehmen nach durch ein Missverständnis ins Internet gestellt worden. Später soll aus Unachtsamkeit einer weiteren Person auch der Code zur Entschlüsselung der Datei im Internet gelandet sein.

Washington warnt die Zuträger

Problematisch daran ist, dass somit etwa Sicherheitsdienste an die unbearbeiteten Depeschen gelangen könnten, um dort auch die Namen von Zuträgern verschiedener US-Botschaften zu finden.

Wikileaks widersprach dieser Darstellung. Doch zugleich begann die Organisation selbst, alle Depeschen ins Netz zu stellen. Viele der Papiere sind nicht nachbearbeitet und geben somit vereinzelt Hinweise auf die Identität von Quellen amerikanischer Botschaften. Diese Zuträger müssen nun hoffen, dass sie nicht enttarnt werden - oder sie haben auf Warnungen aus Washington reagiert und sind im Rahmen eines Schutzprogramms aus ihrer Heimat geflohen.

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Quelle:
SZ vom 31.08.2011
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