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Kriminalität:Spektakulärer Entführungsversuch in China

He Xiangjian ranks No.6 of China's Richest 2019

"Danke an die Sicherheitsbehörde, die Medien und allen Bereichen der Gesellschaft für ihre Sorge", schrieb He Xiangjian.

(Foto: Wei Hui/picture alliance/dpa)

Rätsel um Zwischenfall bei einem chinesischem Milliardär: Was sich in der Villa von He Xiangjian abgespielt hat, ist unklar. Die Rede ist von Kidnapping und Sprengstoff.

"Das Opfer mit dem Nachnamen He ist in Sicherheit", teilte die Polizei im südchinesischen Foshan am Montagmorgen um fünf Uhr Ortszeit mit. Niemand sei verletzt worden. Was genau sich in der Nacht von Sonntag auf Montag in einer Villa in Südchina abspielte, wer die Täter waren und warum sie versucht haben, einen Mann in ihre Gewalt zu bringen, ist noch unklar. Fest steht jedoch: Selten hat es in diesem, an Skandalen eher reichen Land, einen spektakuläreren Kriminalfall gegeben. Denn: Bei jenem Herr He handelt es sich um He Xiangjian, einen der reichsten Männer Chinas. 77 Jahre ist er alt, und sein Vermögen wird derzeit auf 25 Milliarden Dollar geschätzt.

Gegen 17.30 Uhr ging der Alarm ein. Es habe einen Einbruch in Hes Anwesen gegeben - trotz Wachmannschaft. Hes eigener Sohn soll sich aus dem Haus geschlichen haben, durch einen Fluss geschwommen sein und die Polizei informiert haben. Am Abend verbreiteten sich die ersten Bilder und Videos vom Einsatz im Internet. Von Sprengstoff und Kidnapping war die Rede. Ging es um Geld? Oder die Firma?

Wohl kaum ein Geschäftsmann in China hat mehr Erfahrung als He. Bereits 1968 gründete er sein erstes Unternehmen. Also noch während der Kulturrevolution - zu einer Zeit, in der jeder, der auch nur an Geldverdienen dachte, verfolgt wurde. Dennoch gelang es ihm, mit 23 Mitstreitern und geborgten 5000 Yuan eine Plastikflaschendeckel-Fabrik aufzubauen. In den folgenden Jahren experimentierten sie mit verschiedenen Produkten, mit Glasröhren genauso wie mit Autozubehör. Nach der wirtschaftlichen Öffnung Chinas begannen sie schließlich Elektrolüfter herzustellen, und He gab der Ventilatorenfabrik 1981 ihren heutigen Namen: Midea - auf Chinesisch Mei Di (etwas Schönes). Kontinuierlich baute er das Geschäft aus: Klimaanlagen, Mikrowellen, Herde, Kühlschränke - alles für den chinesischen Massenmarkt, keine besonders gute Qualität, aber preiswert. 2012 trat der Patriarch mit 70 Jahren ab. Noch heute hält seine Familie etwa ein Drittel der Anteile. Keine strategische Entscheidung fällt ohne seine Zustimmung. So auch 2016. Für 4,6 Milliarden Euro stiegen die Chinesen beim Augsburger Roboterhersteller Kuka ein. Die Übernahme wurde zum Symbol für die neue chinesische Kaufwut in Deutschland.

Als eines der ersten Unternehmen in der Volksrepublik hatte Midea sich die "Made in China 2025"-Strategie der chinesischen Regierung angesehen. Eines der Schlüsselelemente darin ist die Digitalisierung der Produktion und mit ihr die Robotik. Schon heute ist die Volksrepublik der größte Robotermarkt der Welt und das, obwohl viele Industriezweige gerade erst damit begonnen haben, ihre Fabriken nachzurüsten. Man musste kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass jene chinesischen Unternehmen von Großaufträgen profitieren, die als Erste die staatlich verordneten Programme umsetzen. Ein Angebot für Kuka war also eine Wette auf die Zukunft. Haushaltsgeräte statt Roboter. Und Risiko ist zweifelsohne Teil der Firmen-DNA.

Als großer Redner ist He nicht bekannt. Interviews gibt er praktisch keine. Sein Hochchinesisch soll nicht sonderlich gut sein. Lieber spricht er kantonesisch, den Dialekt seiner Heimatregion in Südchina. Überliefert sind vor allem Managementfloskeln: "Ich würde lieber ein Geschäft mit Millionengewinnen aufgeben, als eine talentierte Person aufzugeben, die für die Entwicklung des Unternehmens nützlich ist", soll er 2002 gesagt haben. Entsprechend knapp fällt diesmal seine Reaktion aus: "Danke an die Sicherheitsbehörde, die Medien und allen Bereichen der Gesellschaft für ihre Sorge", schrieb das Unternehmen bei Weibo, dem chinesischen Kurznachrichtendienst. Ein einziger Satz, mehr nicht.

© SZ vom 16.06.2020
Alleged Swiss Spy Goes On Trial In Frankfurt, Frankfurt Am Main, Germany - 18 Oct 2017

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