Süddeutsche Zeitung

Energiewirtschaft:Ein schwieriges Kalkül

Eon und RWE spalten sich auch deshalb auf, weil sie sich davon den Zugang zu frischem Geld erhoffen. Doch nun zeigt sich: Die Vergangenheit lastet bleischwer auf ihren Bilanzen - und lässt kaum Mittel für einen Neustart.

Johannes Teyssen gibt sich alle Mühe, Zuversicht zu zeigen. Er selbst werde seine Uniper-Aktie jedenfalls nicht verkaufen, sagt der Eon-Chef. Uniper, das ist jenes Unternehmen, in dem der Energieversorger Eon sein Geschäft mit den Kohle-, Gas-, Wasserkraftwerken gebündelt hat. Im September soll es an die Börse gehen. In den Büchern von Eon stand es bislang mit einem Wert von 15 Milliarden Euro. Doch weil das Geschäft mit dem schmutzigen Strom immer weniger abwirft, musste Eon den Wert nun auf zwölf Milliarden Euro senken. Branchenbeobachter schätzen ihn sogar noch niedriger.

Im September, wenn Uniper an die Börse geht, legt Eon jedem seiner Aktionäre zu zehn Eon-Aktien eine Uniper-Aktie ins Depot. Dann wird der Markt entscheiden, wie viel Uniper wirklich wert ist. Der Markt, das sind zuversichtliche Anleger wie Teyssen, die dieses Papier halten, aber gewiss auch skeptischere Anleger, die es verkaufen. Das ist die Wette, die mit jedem Börsengang verbunden ist.

Nicht einmal die ärgsten Kritiker von Teyssen zweifeln daran, dass der Börsengang unausweichlich ist. Die Aufspaltung von Deutschlands größtem Energiekonzern ermöglicht es den Ingenieuren und den Managern, sich auf ihren Bereich zu konzentrieren. Und es macht den Weg frei zu frischem Geld von Investoren. RWE, der andere große Versorger, hat diesen Weg ebenfalls eingeschlagen. Auch wenn er nicht das Geschäft mit den konventionellen Kraftwerken, sondern das sogenannte "grüne" Geschäft unter dem Namen Innogy an die Börse bringen will. Noch in diesem Jahr soll eine Tranche von zehn Prozent verkauft werden, was etwa zwei Milliarden Euro bringen könnte.

Doch ein guter Plan ist wenig wert, wenn er nicht auch gut umgesetzt wird. Und wie schwierig gerade das ist, das spüren derzeit sowohl Eon als auch RWE. Je weiter Eon in seiner Bilanz den Wert von Uniper nach unten korrigiert, desto höher werden die Verluste von Eon und desto geringer wird der Spielraum, um sich als grüner Umsorger neu zu erfinden. Allein im ersten Halbjahr summiert sich der Fehlbetrag von Eon auf etwa drei Milliarden Euro. Das geht an die Substanz: In den ersten sechs Monaten schmolz das Eigenkapital von Eon um fast sieben Milliarden Euro auf nur noch rund 12,2 Milliarden Euro. Und auch RWE wird, wenn die grüne Tochter Innogy nicht genug erlöst, weniger Geld zur Verfügung haben, um das verlustreiche Geschäft mit den konventionellen Kraftwerken abzufedern.

Eon-Chef Teyssen verkündet stolz, dass sein Konzern gerade den 20. Windpark an Land angeschlossen hat. Das Ergebnis im Bereich der erneuerbaren Energien ist im ersten Halbjahr immerhin auf 254 Millionen Euro gestiegen. Innogy aber ist nur an ein paar solcher Anlagen beteiligt. Die grüne RWE-Tochter will ihr Geld vor allem mit den Netzen verdienen. Doch auch das Geschäft ist längst nicht so einfach, wie es sich die Manager in Essen erhoffen.

Netzbetreiber wie Eon und RWE dürfen Gebühren dafür nehmen, dass sie den konkurrierenden Ökostromanbietern, aber auch Verbrauchern ihre Netz zur Verfügung stellen. Dieses Netzgeschäft haben die Unternehmen nun jeweils den grünen Bereichen zugeschlagen. Es soll das Geld einspielen, das für die Investitionen in Windparks und Solaranlagen benötigt wird. Aber auch für neue Dienste, mit denen die Energiekonzerne Start-ups und Internetkonzernen die Stirn bieten können. Teyssen glaubt nicht daran, dass Eon das Google der Energiewelt wird. "Aber wenn die Menschen mit wenigen Klicks einen Urlaub buchen, dann erwarten sie das auch von ihrem Stromanbieter."

Die Netzentgelte sollen sicherstellen, dass die Netzbetreiber diese enorme Infrastruktur aufbauen und stetig auf Effizienz trimmen können. Eine ewig sprudelnde Geldquelle aber sollen sie nicht sein. Deshalb sind sie gedeckelt. Im September wird die Bundesnetzagentur diese senken. Von 2018 an dürfen die Betreiber in ihrem Gas-, von 2019 dann auch in ihrem Stromnetz nicht mehr ganz so hohe Gebühren erheben. Bleibt es bei dem Plan, den die Bundesnetzagentur vorgelegt hat und über den derzeit beraten wird, würde Eon um 100 bis 200 Millionen Euro im Jahr weniger einnehmen, rechnet Teyssen vor. Er habe Hoffnung, dass es nicht ganz so schlimm komme. "Nicht als Selbstzweck", betont der Manager. "Unsere Netze sind das Internet für die Energiewende, sie sind ihr Geld wert."

Auch die atomaren Altlasten erschweren den Konzernen den Aufbruch: Eine Regierungskommission hatte im April vorgeschlagen, dass die vier Stromkonzerne Eon, RWE, Vattenfall und ENBW bis 2022 Geld in einen staatlichen Fonds überweisen, der die Zwischen- und Endlagerung von Atommüll managen soll. Im Gegenzug sind sie damit raus aus der Haftung. RWE geht auf Konfrontation, Eon hat Zustimmung signalisiert. Zehn Milliarden Euro wird das den Konzern kosten, zwei Milliarden mehr als er bislang dafür zurückgestellt hat. "Es ist eine teure Lösung und das stellt uns vor zusätzliche Belastungen", sagt Teyssen. Dafür schaffe die Regelung Sicherheit. Auch deshalb glaubt der Manager, dass er den Investoren eine Kapitalerhöhung zumuten könnte, um das benötigte Geld einzusammeln.

Und dann sind da noch all die Probleme, die die Manager, als sie den Plan der Aufspaltung gefasst haben, noch nicht kannten. Die historisch niedrigen Zinsen, die die Pensionsrückstellungen belasten. Das Votum der Briten zum Austritt aus der Europäischen Union. Die Spannungen in der Türkei. All das sorgt für Unruhe unter den Investoren. Aber auch im Konzern, wo es doch gerade jetzt wichtig wäre, sich ganz auf den Börsengang zu konzentrieren. "Es liegen noch große Anstrengungen vor uns", betont Teyssen. Wie er diese bewältigen will? Indem gespart wird, Investitionen verschoben werden und, auch dies, die eine oder andere Stelle eingespart wird. Alles wird durchgespielt. Anlass zu Zuversicht gibt es eigentlich nicht.

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Quelle:
SZ vom 11.08.2016
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