Energiewende Was hinter dem Stellenabbau bei Siemens steckt

Eine Mitarbeiterin inspiziert im Siemens-Generatorenwerk in Erfurt einen Generatorständer.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Die Energiewende sorgt dafür, dass erneuerbare Energien immer häufiger Großkraftwerke verdrängen.
  • Die riesigen Gasturbinen von Siemens werden in Zukunft deshalb immer seltener gebraucht - und der Konzern muss weiter umbauen.
Von Markus Balser, Berlin

Der gewaltige Siemens-Komplex in der Berliner Nonnendammallee 72 ist längst ein Baudenkmal. 111 Jahre ist das Dynamowerk alt. Die 150 Jahre alte Idee von Konzerngründer Werner von Siemens wurde hier über Jahrzehnte in Maschinen umgewandelt: das dynamoelektrische Prinzip. Es sorgt dafür, dass aus Antriebskraft Strom wird. Noch immer entwickeln und bauen hier 850 Mitarbeiter nach diesem Prinzip Turbinen. Doch am Mittwoch wurde klar: Bundesweit sollen in der Produktion elektrischer Antriebe 760 Jobs wegfallen - die meisten in Berlin. Das Werk dürfte zwar nicht geschlossen werden. Trotzdem drohe das Baudenkmal nun tatsächlich zum Museum zu werden, lästert ein Betriebsrat.

Dass an deutschen Traditionsstandorten Jobs wackeln, ist die Folge einer gewaltigen Transformation auf dem Weltmarkt für Energie - weit über Dynamos hinaus. Das Wachstum grüner Energien krempelt den gesamten Markt um. Siemens leidet in der Sparte mit 30 000 Beschäftigten unter einem beispiellosen Einbruch. Konzernchef Joe Kaeser hatte deshalb hier bereits Jobs gestrichen. Doch das reicht offenbar noch nicht aus.

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Denn nicht nur in Deutschland läuft die Energiewende. Weltweit verdrängen erneuerbare Energien und kleine dezentrale Anlagen immer häufiger Großkraftwerke. So sind etwa die riesigen Gasturbinen, bislang einer der Verkaufsschlager von Siemens, heute ein Auslaufmodell. Strom wird nicht mehr wie früher in wenigen Großkraftwerken erzeugt, sondern an vielen Stellen. Immer mehr Haushalte werden von Konsumenten zu Produzenten und speisen selbst Strom ins Netz ein, den sie mit Solarzellen oder kleinen Blockheizkraftwerken produzieren und inzwischen sogar im Keller speichern können. Kraftwerke werden zwar weiter gebraucht, um Schwankungen bei der Produktion erneuerbarer Energie durch Sonne und Wind auszugleichen. Die aber sind kleiner und flexibler als die alten Großkraftwerke.

Forscher in der ganzen Welt treiben zudem den Einsatz großer Energiespeicher voran. Gelingt ein Durchbruch, würden weitere Kraftwerke überflüssig. Die Einschnitte sind schon jetzt hart. Allein in Deutschland arbeiten in der Kraftwerkssparte noch 16 000 Menschen bei Siemens überwiegend in der alten Struktur. In Mülheim, Offenbach, Erlangen, Berlin, Leipzig, Essen, Duisburg, Erfurt und Görlitz. Noch arbeiten die Angestellten Aufträge in Höhe von zusammen 40 Milliarden Euro ab. Doch die Aufträge bröckeln. Und so trennt sich Siemens von ganzen Standorten mit Hunderten Beschäftigten. Selbst da, wo Siemens im wachsenden Markt der erneuerbaren Energien präsent ist, wird es schwieriger, die Konkurrenz etwa bei Windanlagen wächst. Deshalb muss auch der Windturbinenhersteller von Siemens und seinem spanischen Partner Gamesa Stellen streichen.

Doch auch bei Siemens weiß man: Der Umbau wird weitergehen. Der Konzern selbst forderte von der Bundesregierung in den vergangenen Tagen noch mehr Klimaschutz - und damit auch einen Ausbau erneuerbarer Energien. In einem Aufruf verlangten Siemens und weitere 51 deutsche Großunternehmen, das anscheinend in weite Ferne gerückte Klimaziel für 2020 nicht aufzugeben.

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