Energiewende Sturmtief Ilse

Es ist ein Kampf. Ein Kampf der Philosophien. Nord gegen Süd, Bremen gegen Bayern: Hafenstädte wie Bremerhaven warten auf den Bau von Windparks auf hoher See. Doch ein Streit in der Bundesregierung bedroht den Plan - CSU-Ministerin Aigner reitet die Attacke.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

An die Vergangenheit erinnert die säuberliche Pinselarbeit, lange weiße Streifen auf grauem Asphalt. Früher standen im Bremerhavener ABC-Hafen Autos; in langen Reihen warteten sie auf den Export nach irgendwo.

Zu teuer für die Verbraucher, zu schnell, zu ungerecht. llse Aigner, CSU-Ministerin für den Verbraucherschutz, will noch einmal über die neuen Haftungsregeln für Stromleitungen zu sogenannten Offshore-Windparks diskutieren.

(Foto: AFP)

Heute stehen hier gelb lackierte Kolosse aus faustdickem Stahl. Jeder einzelne 900 Tonnen schwer und drei Millionen Euro teuer. Was hier lagert, soll einmal einen Großteil der deutschen Energiewende tragen - wenn nichts mehr dazwischenkommt.

Denn während in Bremerhaven ständig neue Stahlgerüste zusammengeschweißt werden, um irgendwann einmal Windräder auf hoher See zu tragen, fräst in Berlin schon das erste Kabinettsmitglied am Fundament. Ilse Aigner, CSU-Ministerin für den Verbraucherschutz, will noch einmal über die neuen Haftungsregeln für Stromleitungen zu sogenannten Offshore-Windparks diskutieren.

Zu teuer für die Verbraucher, zu schnell, zu ungerecht

Die geplante Verabschiedung durch das Kabinett kommende Woche sei voreilig, zentrale Teile des Gesetzes seien "nicht akzeptabel", wettert die Frau aus Bayern: zu teuer für die Verbraucher, zu schnell, zu ungerecht.

In Bremerhaven läuten Alarmglocken.

Nils Schnorrenberger, Wirtschaftsförderer der Stadt, steht verdattert im ABC-Hafen, im Hintergrund rangiert ein Tieflader schwere Stahlteile. "Seit Jahren heißt es: Zwei Jahre noch, dann geht es los", klagt er. 2004 hat das noch nicht so wehgetan, als sich alles doch verschoben hat. Aber jetzt wird es schmerzhaft, mit Kurzarbeit und allem. Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit - das kennen sie in Bremerhaven seit der Werftenkrise gut. Die ganze Stadt wirkt wie eine blasse Erinnerung an bessere Zeiten. Die Windkraft bot, wie in vielen Hafenstädten im Norden, erstmals eine neue Perspektive. "Wir sind schon überzeugt, dass wir auf das richtige Pferd gesetzt haben", sagt Schnorrenberger. Es fehlt nur, um mal im Bild zu bleiben, der Parcours.

Die Kabel fehlen

Denn für die Windparks, die in verschiedenen deutschen Häfen in Einzelteilen herumliegen, fehlen die Kabel. Ohne sie lohnt sich auch die Errichtung eines Windparks nicht - schließlich würde der nur ohne Anschluss vor sich hin rosten. Weshalb sich Norbert Giese, beim Windrad-Bauer Repower für das Offshore-Geschäft zuständig, noch ganz genau an den 7. November 2011 erinnern kann. Es war der Tag, an dem zuletzt ein neuer Auftrag reinkam. "Solange die Haftungsfrage und die Zukunft von Tennet nicht geklärt ist, gibt es auch keine neuen Aufträge", sagt Giese.

Tennet - das ist jenes niederländische Staatsunternehmen, auf dem derzeit das ganze Problem lastet. Die Holländer hatten vor zwei Jahren das einstige Eon-Netz gekauft, es versprach eine sichere Rendite. Allerdings sagten sie damit auch zu, die Anbindung der Windparks in der Nordsee zu übernehmen. Jetzt fehlt der Firma dazu das Geld. Jede Stromleitung ins Meer, samt Transformator-Plattform auf See und allem Drum und Dran, kostet rund eine Milliarde Euro. Und gibt es dann noch Verzögerungen, drohen Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe. Privates Kapital für die neuen Leitungen konnte Tennet zuletzt nicht mehr werben.