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Energiewende:Policen für Zellen

Die Munich Re versichert künftig auch das Risiko, dass große industrielle Batterieanlagen schneller schlappmachen als geplant.

Der Rückversicherer Munich Re steigt in die Versicherung von industriellen Batteriespeichern ein, die im Zuge der Energiewende an Bedeutung gewinnen. Damit lässt sich erstmals die dauerhafte Leistungsfähigkeit dieser sehr teuren Großspeicher versichern. Das könnte zögernde Investoren überzeugen, sagt Sebastian Scholz, zuständiger Fachmann bei der Gesellschaft. "Wir entlasten dadurch potenzielle Investoren, die keine technischen Risiken in ihren Büchern haben wollen."

Bei Rückversicherern wie Munich Re können sich Versicherungsgesellschaften davor schützen, dass übernommene Risiken existenzbedrohlich für sie werden. Allerdings tritt in diesem Fall Munich Re selbst als Erstversicherer und damit als Konkurrent anderer Gesellschaften auf.

Der Hersteller Smart Power aus Feldkirchen sichert über die Police die Leistungsgarantie für seine Speicheranlagen ab. Übersteigen die Kosten für Wartung, Reparatur oder Ersatz eine bestimmte Schwelle, greift die Versicherung. Zusätzlich ist der Kunde für den Fall versichert, dass Smart Power oder ein Zulieferer für Batteriezellen zahlungsunfähig werden und ihren Garantieverpflichtungen nicht nachkommen. Außerdem können Kunden entgangene Umsätze durch Ausfall der Großbatterie versichern.

Die Leistungsfähigkeit der Anlagen hängt nicht nur von der Funktionsfähigkeit der eingebauten Teile ab. Temperatur, Geschwindigkeit der Be- und Entladung sowie die Stromstärke wirken sich ebenfalls aus, heißt es bei dem Softwareunternehmen Twaice. Es hat eine Analytik-Software entwickelt, die Aufschluss über Zustand und Lebenserwartung einer Batterieanlage liefert. Das Programm schlägt Alarm, wenn Wartungsarbeiten angezeigt sind, um einer Verschlechterung der Leistung zuvorzukommen.

Mit der Software lässt sich auch simulieren, wie sich eine bestimmte Nutzung auf den künftigen Zustand der Anlage auswirken würde. Die Technologie sorgt für die Transparenz, die ein Versicherer wie Munich Re für die Deckung dieses neuen Risikos braucht.

Die Nachfrage nach Speichermöglichkeiten für überschüssige Energie steigt im Zuge des Ausbaus erneuerbarer Energien, sagt Hans Urban von Smart Power. Im Vergleich zur Stromproduktion über Kohle oder Gas gibt es bei Wind oder Sonne mehr Schwankungen, die aufgefangen werden müssen. "Durch Speicher kann man den Netzausbau nicht ersetzen", so der Ingenieur. "Aber je mehr Speicher man baut, desto weniger Netzausbau ist nötig."

Bislang hat das 2014 gestartete Unternehmen rund 20 Batteriespeicheranlagen hergestellt. Energieversorger und Industrieunternehmen gehören zu den Kunden. Die Industrie kann so den Energiebedarf optimieren. Das zu zahlende Netzentgelt hängt nämlich auch davon ab, wie hoch der maximale Stromverbrauch eines Unternehmens ausfällt. Über eine Speicheranlage lassen sich die Verbrauchsspitzen glätten und Entgelte reduzieren, sagt Urban.

Munich Re sieht die neue Versicherung als logischen Schritt. Die Gesellschaft ist nach eigenen Angaben führend bei sogenannten Leistungsgarantieversicherungen für Photovoltaik-Zellen. Bei Batterien besteht allerdings ein höherer Wartungsbedarf, sagt Scholz.

Der Munich Re-Mann sieht erhebliche Wachstumschancen. Das gilt bereits heute, wo die erneuerbaren Energien in Deutschland mehr als 46 Prozent des Strombedarfs decken. "Das Potenzial für Batterien ist derzeit bei weitem nicht ausgeschöpft." Munich Re ist bereits im Gespräch mit weiteren Interessenten.

© SZ vom 24.04.2020

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