bedeckt München

Energieversorgung:Wende mit Wind und Sonne

SZ-Zeichnung: Dirk Meissner

Neue Zahlen belegen: Erstmals gab es 2020 in Europa mehr grünen als fossilen Strom. Experten sehen darin einen Meilenstein.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Jahrelang haben sich die Kurven aufeinander zubewegt, jedes Jahr ein bisschen mehr. Die eine sank, die andere stieg - und 2020 haben sie sich gekreuzt: Erstmals gab es in Europa mehr Strom aus erneuerbaren als aus fossilen Energiequellen. Das geht aus einer Untersuchung hervor, die der britische Thinktank Ember und die deutsche Agora Energiewende an diesem Montag vorlegen. Sie liegt der Süddeutschen Zeitung vor.

Danach haben erneuerbare Energien aus Wind, Solar, Wasserkraft oder Biomasse im vergangenen Jahr 38 Prozent des europäischen Stroms geliefert, Kohle, Gas und Co. noch 37 Prozent. "Das ist ein bedeutender Meilenstein in Europas Umbau zu sauberer Energie", heißt es in dem Report. Der Umbau kommt demnach in vielen europäischen Ländern voran, nicht nur in Deutschland, und das Wachstum kommt vor allem von Sonne und Wind. Irland etwa verzeichnet einen deutlichen Zuwachs, ebenso wie Griechenland, Belgien, die Niederlande, Spanien. Spitzenreiter bleibt Dänemark - mit 62 Prozent Strom aus Wind- und Solarenergie. Vor allem Staaten in Osteuropa treten dagegen auf der Stelle. Auf der anderen Seite steht ein massiver Rückgang vor allem der Stromerzeugung aus Kohle.

Alles nur ein Effekt der Pandemie?

Seit fünf Jahren ermitteln die beiden Denkfabriken die Veränderungen im europäischen Strommix. Seitdem sei der Kohlestrom in der EU um fast 50 Prozent gefallen. Allein im Corona-Jahr 2020 erzeugten die Kohlekraftwerke 20 Prozent weniger, und das quer durch Europa. In Deutschland, größter Kohlestrom-Erzeuger der EU, sank die Menge um 22 Prozent, in Polen um acht Prozent. In Ländern wie den Niederlanden, Griechenland und Spanien brach die Erzeugung um bis zu 50 Prozent ein - allerdings auf ohnehin niedrigem Niveau.

Erneuerbare Energien - Windkraft und Sonnenenergie

Solarzellen und Windräder im bayerischen Kitzingen: Der Umstieg auf grüne Energie kommt langsam voran.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Sind die gekreuzten Kurven am Ende also nur ein Effekt der Pandemie? Der durch Corona bedingte Rückgang des Stromverbrauchs habe sich vor allem auf die Kohlekraft ausgewirkt, sagt Patrick Graichen, Chef der Agora Energiewende. Kohle sei im vergangenen Jahr am teuersten gewesen. Unter Druck geriet die Kohle allerdings vor allem durch die günstigeren erneuerbaren Energien. "Diesen Trend beobachten wir seit vielen Jahren, Corona hat ihn nur noch einmal beschleunigt", sagt Graichen.

Zudem drückten hohe Kosten für Emissionszertifikate die Gewinne der Kohlekraftwerke. Weil sie sehr viel Kohlendioxid erzeugen, schlägt bei ihnen auch der CO-Preis besonders stark durch. Erdgas, bei dessen Verbrennung etwas weniger Kohlendioxid frei wird, erzeugte im vorigen Jahr nur vier Prozent weniger Strom. An dem Trend gegen die Kohle werde sich jedenfalls nichts ändern, sagt Graichen. Weil weiter erneuerbare Energien zugebaut würden und der CO-Preis absehbar weiter steige, "wird sich der Niedergang der Kohle auch nach der Pandemie weiter fortsetzen". Allein gegenüber 2015 stieß die Kohle im vorigen Jahr 320 Millionen Tonnen weniger CO aus - so viel, wie der gesamte Verkehr in Deutschland in zwei Jahren emittiert.

Ist also der Abschied von fossiler Energie ein Selbstläufer? Das nicht, warnt die Studie. Im Durchschnitt der vergangenen Jahre wuchs die Stromerzeugung aus Wind und Sonne jährlich um 38 Terawattstunden. Das wurde zwar 2020 mit 51 Terawattstunden deutlich übertroffen. Um aber die europäischen Klimaziele bis 2030 zu erreichen, müssten es jährlich 100 sein, heißt es darin. Der Umbau, so schreiben die beiden Thinktanks, "ist immer noch zu langsam".

© SZ
Zur SZ-Startseite