bedeckt München 31°

Energieversorgung:Klimaneutrale Verheißung

Zapfhahn einer Wasserstofftankstelle in Hannover.

(Foto: Ole Spata/dpa)

Das Kabinett berät an diesem Mittwoch über die Zukunft von Wasserstoff. Noch sind die Kosten der neuen Technologie hoch.

Es muss ein Wundermittel sein, über das an diesem Mittwoch das Bundeskabinett befindet. Ein "vielfältig einsetzbarer Energieträger", ein "zentraler Bestandteil unserer Dekarbonisierungsstrategie", "schon heute unabdingbar" in Chemie und Industrie: Wasserstoff. Die Lobeshymnen finden sich in der "nationalen Wasserstoffstrategie". Mehr als ein halbes Jahr hatte die Koalition darüber gestritten, wie viel davon auf welche Weise demnächst erzeugt werden soll. Erst der Koalitionsausschuss vorige Woche hatte den Weg frei gemacht, samt sieben Milliarden Euro Förderung und weiteren zwei Milliarden Euro für internationale Partnerschaften. "Wasserstoff ist die universelle Lösung für den Klimaschutz", sagt Wolfgang Große-Entrup, Hauptgeschäftsführer des Chemie-Verbands VCI. Deutschland müsse nun zügig Fortschritte machen. So ähnlich sieht das mittlerweile auch die Bundesregierung.

Danach sollen in dieser Dekade Anlagen mit einer Leistung von fünf Gigawatt Wasserstoff herstellen - vorwiegend aus Windstrom über die so genannte Elektrolyse. Zuletzt hatten Union und SPD darüber gestritten, ob fünf Gigawatt reichen, schließlich taxiert der Bund den deutschen Bedarf im Jahr 2030 auf bis zu 110 Terawattstunden. Davon können die geplanten Anlagen nun maximal ein Sechstel decken. Auch das Forschungsministerium hatte sich mehr Ehrgeiz gewünscht. "Es nutzt nichts, jahrelang über irgendwelche Zielwerte zu streiten, und in der Zwischenzeit passiert gar nichts", sagt SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch. "Wenn das einmal rollt, wird sich schnell zeigen, dass wir eher mehr Wasserstoff produzieren müssen als jetzt geplant."

Damit es ins Rollen kommt, sieht die Strategie nun 38 verschiedene Maßnahmen vor. Sie sollen helfen, die derzeit noch hohen Kosten für die Wasserstoff-Technologie zu drücken. Sie soll etwa die Industrie über spezielle Verträge einen Teil der Mehrkosten, die eine Umstellung auf Wasserstoff verursacht, erstattet bekommen - immer gemessen an den Treibhausgasen, die sich so vermeiden lassen. Auch Belastungen, etwa über die Ökostromumlage, sollen wegfallen.

Denkbar sind zudem Ausschreibungsmodelle, mit denen die Herstellung von Wasserstoff für die Chemie- und Stahlindustrie gefördert wird - wohlgemerkt immer grüner Wasserstoff, erzeugt aus Ökostrom. Es braucht neue Infrastrukturen, sei es für den Transport oder auch für die Anwendung: Etwa ein Tankstellennetz, über das Lastwagen den Wasserstoff beziehen können. Antriebe auf Basis von Wasserstoff, sei es in Lkw, Schiffen, Loks oder Flugzeugen, will die Bundesregierung auch fördern - und schließlich alle Forschung rund um den Wunderstoff.

Das Papier ist eine Strategie, kein Gesetz. Es wimmelt darin noch von Ideen, Dialogformaten und Prüfaufträgen. Zumal sich die klimafreundliche Wasserstoff-Welt nicht allein in Deutschland errichten lässt. Es braucht auch Lieferanten in anderen Ländern Europas und jenseits davon. Für die Vorstellung der Strategie haben sich diesen Mittwoch schon einmal drei Minister und ein Staatssekretär angesagt. Einer von ihnen, Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU), will gleich im Anschluss eine erste Vereinbarung unterzeichnen: mit Marokko, zum Aufbau einer Wasserstoff-Anlage dort. Alles soll nach großem Aufbruch aussehen - in eine Zukunft voller klimaneutraler Verheißungen.

© SZ vom 10.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite