Energieversorgung:Kampf ums Gas

Lesezeit: 4 min

Weil klimaschädliche Kohlekraftwerke bald vom Netz müssen, wird die Nachfrage nach alternativen Energien in Europa stark steigen. Die Frage ist nur: Woher soll das Gas kommen?

Von Michael Bauchmüller

Iran Oil and Gas International Exhibition

Technik-Präsentation bei einer Energie-Ausstellung in Teheran: Wer Rohstoffe und das Know-how zu deren Nutzung hat, kann sich Marktanteile sichern. Aber der Kampf um Kunden ist hart.

(Foto: Abedin Taherkenareh/dpa)

Eine neue Röhre durch die Ostsee? Eine Pipeline von Norwegen nach Polen? Verflüssigtes Erdgas aus Tankern? Wo immer es dieser Tage um die künftige Versorgung mit Erdgas geht, lauern Probleme. Denn es geht nicht nur ums Geld, sondern auch um Macht und Einflusssphären - also um ganz große Politik. Die USA prüfen Sanktionen, Russland und Deutschland umgehen Polen, die EU-Kommission interveniert. Ein Überblick.

Wer will was?

Alle wollen Gas. Experten erwarten in Europa in den nächsten Jahren eine wachsende Nachfrage - schon dadurch, dass vermehrt klimaschädliche Kohlekraftwerke vom Netz müssen. Schon 2025 könnte die EU deshalb zwischen 40 und 60 Milliarden Kubikmeter mehr Gas verbrauchen, schätzen Analysten der Unicredit-Bank. Zum Vergleich: Allein Deutschland importiert jedes Jahr 80 Milliarden Kubikmeter. Umstritten ist nur, woher dieses Gas kommen soll, und welchen Weg es nimmt. "Der Kampf um die Marktanteile in Europa ist voll entbrannt", sagt Kirsten Westphal, die den globalen Energiemarkt bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) beobachtet. "Und jeder verfolgt dabei seine eigene Agenda."

Wo liegt das Problem?

Die Gasröhren bringen Geld und schaffen Abhängigkeiten. So nimmt allein der ukrainische Gaskonzern Naftogaz im Jahr knapp eine Milliarde Dollar mit dem Transport russischen Gases ein. Doch nun bedrohen zwei neue Pipelines das Geschäft: die zweite Trasse der bestehenden Ostseeröhre Nord Stream und Turkish Stream, eine Verbindung durch das Schwarze Meer. Beide umgehen die Ukraine, beide baut der russische Gasmonopolist Gazprom. Widerstand gibt es folgerichtig auch aus Polen, ebenfalls bislang ein Transitland. Vor allem Nord Stream 2 nährt die Sorge, Deutschland könne so zur Drehscheibe russischen Gases werden. Diese Abhängigkeit macht vielen Osteuropäern Angst. Das hat auch die EU-Kommission auf den Plan gerufen. Sie will sich von den EU-Staaten ein Mandat erteilen lassen, mit dem sie die Regeln für die neue Pipeline mitgestalten kann, sozusagen als Vermittler. Moskau gefällt das gar nicht.

Woher kommt Europas Gas?

Seit den Gaskrisen zwischen der Ukraine und Russland müht sich die Europäische Union, die Zahl ihrer Lieferanten zu erhöhen. Denn: Während die Erdgas-Nachfrage der EU steigt, schrumpft das Angebot. Felder in der Nordsee gehen zur Neige, in den Niederlanden haben Erdbeben die Gasförderung zuletzt in die Defensive gebracht. Es braucht also Importe von außerhalb der EU. In Frage kommen neben Russland auch Norwegen, die Golfstaaten, der kaspische Raum oder aber Nordamerika.

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Welche Wege könnte das Gas nehmen?

Hier beginnt die heikle Geopolitik. Denn die Leitungen zementieren auch Lieferbeziehungen. Beispiel Nord Stream 2: Zwar gibt es bisher noch keine konkreten Lieferverträge. Weil aber auch die großen Gaskonzerne Wintershall, Engie, Uniper, OMV und Shell sich an der Finanzierung der Leitung beteiligt haben, werden sie sie auch nutzen wollen. Was aber über die Ostsee-Leitung nach Europa fließt, wird nicht über andere Wege kommen - etwa über die "Baltic Pipe", die norwegisches Gas über Dänemark nach Polen befördern könnte. Oder aber durch die "Trans Adriatic Pipeline" und die "Transanatolische Pipeline", die Gas aus dem aserbaidschanischen Shah-Deniz-II-Feld über Griechenland und Albanien nach Italien bringen sollen. Diese Leitung ist schon in Bau, von 2020 soll sie Gas liefern - aber weit weniger als Nord Stream 2.

Ist verflüssigtes Erdgas eine echte Alternative zu den Pipelines?

LNG, also "liquified natural gas", hat in den vergangenen Jahren einen Boom erlebt. So gründet der Reichtum des Emirats Katar zu einem Großteil auf dem Export des verflüssigten Erdgases, etwa nach Japan. Zunehmend treten neue Player auf den Markt, darunter auch Australien. Das hat die Preise verfallen lassen. Dennoch kann das Gas kaum konkurrieren mit dem Transport über Pipelines. Es muss aufwendig verflüssigt werden, kommt meist per Schiff in den Zielhafen, wird dort wieder gasförmig und per Leitung weitertransportiert. Dennoch bauen auch einige EU-Länder auf LNG, allen voran Polen. Warschau will sich mit einem neuen Terminal in Swinemünde unabhängig machen von Importen aus Russland. Das mag teurer sein - aber es geht eben um Macht und Einfluss.

Welche Rolle spielen die USA?

Die Vereinigten Staaten haben ihre Gasförderung in den vergangenen Jahren massiv ausgeweitet, vor allem durch die hierzulande so umstrittene Fracking-Technologie. Sie hoffen, das Erdgas im großen Stil zu exportieren. In Windeseile werden derzeit Terminals errichtet, um das Gas verschiffen zu können. "Es ist auffallend, in welchem Tempo gerade alle Umweltbedenken beiseite geschoben werden", sagt SWP-Expertin Kirsten Westphal. "Ganz offensichtlich leistet die neue Administration Vorschub, damit amerikanisches LNG schnell Marktanteile erobern kann."Dazu passen auch die verschärften Russland-Sanktionen, für die zuletzt der US-Senat votiert hatte - nahezu einstimmig. Das Votum des Repräsentantenhauses steht noch aus.

Welche Folgen könnten diese Sanktionen haben?

Bliebe es bei den Formulierungen aus dem Senat, dann kann sich kein Unternehmen mehr am Bau oder Unterhalt russischer Export-Pipelines beteiligen, ohne seinerseits amerikanische Sanktionen zu fürchten. Das hätte weitreichende Folgen nicht nur für die geplante Nord-Stream-Röhre, sondern auch für alle existierenden russischen Pipelines. Rund um Wartung und Instandhaltung sind viele westliche Unternehmen im Geschäft. Die USA dagegen könnten Marktanteile beim Gas gewinnen. Zufall oder nicht: Auch der LNG-Konkurrent Katar leidet gerade unter den Sanktionen seiner Nachbarn.

Was bedeutet das alles für die Verbraucher in Deutschland?

Die Zeiten werden unruhiger. Zuletzt hatte der Kampf um die Versorgung Europas die Preise fallen lassen. Auch die Stromproduktion aus Gaskraftwerken wurde so wieder wettbewerbsfähig. Sollten die US-Sanktionen die Gazprom-Pipelines schwächen, müsste vermehrt verflüssigtes Gas nach Europa kommen, etwa aus Übersee. Der Wettbewerb würde leiden - und der Gaspreis stiege.

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