bedeckt München 13°

Energieverbrauch:Fehler im System

Viele Elektrogeräte verbrauchen im Alltag weitaus mehr Strom, als die Label angeben. Schuld daran sind veraltete Verbrauchstests. Damit ist es für Hersteller leicht, den Kunden Sparsamkeit vorzugaukeln.

Von Stephan Radomsky

Aktuelle Energie-Tests berücksichtigen nicht, wie lang Szenen in normalen Fernsehsendungen sind oder ob das Gerät hochauflösende Bilder zeigt.

(Foto: mauritius images)

Im Laden sieht alles noch prima aus. Der Fernseher ist smart, das Bild ultra-hochauflösend, das ganze Gerät dennoch wunderbar sparsam. Verbrauchsnote: "A++", das Beste, was gerade auf dem Markt verfügbar ist. Zuhause aber ist es dann schnell vorbei mit der Sparsamkeit. Sobald die Bildschirmeinstellung verändert, ein Video in Ultra-HD abgespielt oder die neueste Version des Betriebssystems geladen wird, steigt der Stromverbrauch drastisch an - der Kunde bemerkt das aber meist erst auf der Stromrechnung. Etwas dagegen tun kann er nicht.

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung mehrerer europäischer Umweltschutzverbände. Neben Fernsehern wurden auch Kühl- und Gefrierschränke sowie Geschirrspüler darauf geprüft, wie weit der offizielle, im Labor ermittelte Stromverbrauch von ihrem Energiehunger im Alltag abweicht. Die Differenzen sind demnach bei TV-Geräten teils dramatisch: Mit der aktuellen Software ausgerüstet und beim Abspielen ultra-hochauflösender Inhalte verbrauchten dem Test zufolge drei der getesteten TV-Modelle im Durchschnitt ein Drittel mehr Strom als versprochen. Bei einem Gerät war es sogar weit mehr als das Doppelte.

Das Ziel sind vergleichbare Werte. Nicht unbedingt korrekte

Trotz der gewaltigen Unterschiede steckt dahinter in den meisten Fällen kein Betrug, sondern ein Fehler im System: So müssen die Hersteller für viele Geräteklassen zwar seit Jahren die Energieeffizienz ihrer Produkte messen und ausweisen, derzeit noch auf einer Skala zwischen "A+++" und "G". Das scheinbar eindeutige System hat aber Tücken.

Denn die jeweiligen Grenzwerte werden zwar von der EU-Kommission vorgegeben, die genauen Bedingungen für die Messung werden aber in einem komplexen Abstimmungsprozess zwischen Industrie, Behörden und Verbrauchervertretern ausgehandelt und in internationalen Normen festgelegt. Hauptziel solcher Prüfstandards ist allerdings nicht, den Alltag möglichst getreu nachzubilden, sondern vergleich- und wiederholbare Ergebnisse zu liefern: Egal wer misst oder wo, stets sollen für das gleiche Modell die gleichen Werte herauskommen.

Für die von ihnen in Auftrag gegebene Studie ließen die Umweltschutzorganisationen Clasp, Ecos, EEB und Topten nun eigene Prüfmethoden entwickeln, die sich stärker am Alltag im Haushalt orientieren sollen. Deren Ergebnisse wurden dann mit den offiziellen Messwerten verglichen. Das Ergebnis ist den Autoren zufolge eindeutig: Fast alle Modelle, egal ob Fernseher, Kühlschrank oder Geschirrspüler, verbrauchen unter alltagsnahen Bedingungen deutlich mehr Strom als im Labor.

Technisch könnten die Hersteller die Tests leicht manipulieren

Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die offiziellen Testverfahren nur selten angepasst werden. Das zehnminütige Standard-Video etwa, mit dem weltweit der Stromverbrauch von Fernsehgeräten bestimmt wird, ist zehn Jahre alt. Es enthält 261 Bildschnitte, eine Szene dauert durchschnittlich knapp zweieinhalb Sekunden, und damit deutlich kürzer als eine normale Sendung. Das Bildmaterial ist in Normal- und in HD-Auflösung gedreht. Inzwischen aber beherrschen viele TV-Geräte den höher auflösenden Ultra-HD-Standard, oft ergänzt um schärfere Kontraste (HDR). Beides erhöht den Energiebedarf der Bildschirme. Viele Fernseher sparen inzwischen wiederum Strom, indem sie das Bild automatisch an die Lichtverhältnisse der Umgebung anpassen. Der Studie zufolge kann das den Energieverbrauch je nach Modell um bis zu drei Viertel senken. Nichts davon berücksichtigen die aktuellen Tests.

Zugleich haben es die Hersteller leicht, sich auf jahrelang unveränderte Tests einzustellen - oder sie sogar zu manipulieren. Technisch ist das angesichts der Computer in Haushaltsgeräten längst kein Problem mehr.

Tests müssten sich näher am Alltag im Haushalt orientieren

Im vergangenen Herbst beispielsweise lieferte eine Untersuchung im Auftrag der amerikanischen Umweltschutzorganisation NRDC Hinweise darauf, dass einige TV-Modelle die Labortests erkennen und den Stromverbrauch daraufhin aktiv nach unten regeln - ganz ähnlich, wie die Autos von VW im Abgasskandal. Die Tester beobachteten kurz nach Beginn des Prüf-Videos ein "unerklärlich starkes und dauerhaftes Abfallen des Energieverbrauchs bei Geräten verschiedener Hersteller". Im Klartext: Sie vermuteten Betrug.

So weit gehen ihre europäischen Kollegen nicht, sie nennen auch keine Hersteller oder getesteten Modelle, weil von jedem Modell nur ein Gerät getestet wurde. Standard sind normalerweise mindestens vier, um falsche Messungen wegen fehlerhafter Geräte auszuschließen. Offenbar fürchten die Umweltschützer, sich angreifbar zu machen. Ohnehin geht es ihnen weniger um die Industrie als um die Politik: Sie müsse, so die Forderung, sicherstellen, dass sich die Verbrauchstests näher am Alltag und dem aktuellen Stand der Technik bewegen und die Laborergebnisse auch unter Haushaltsbedingungen überprüft werden. Außerdem müssten die Verbraucher darüber informiert werden, wenn der Energieverbrauch wegen Änderungen an den Geräteeinstellungen steigt.

Die EU-Kommission verweist darauf, dass es Sache der Standardisierungs-Kommissionen sei, die Regeln für die Test zu erarbeiten. Zudem liege der Fokus darauf, die kürzlich vom EU-Parlament verabschiedeten neuen Regeln für das Energielabel auszuarbeiten . Für die ersten Geräte werde das etwa bis Ende 2018 dauern, sagte eine Sprecherin. Eines aber ist schon klar: Software-Updates, deretwegen ein Gerät in eine schlechtere Effizienzklasse fällt, sind künftig verboten - genauso wie alle Mechanismen, mit denen ein Gerät den Test erkennen und das Ergebnis manipulieren kann. Die aber sind schwer nachzuweisen: Bei Elektrogeräten ist es erst ein Mal gelungen, bei einem Kühlschrank in Australien.

© SZ vom 21.06.2017/mahu

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite