Energiekrise:"Nachhaltigkeitsverständnis aus dem vorigen Jahrhundert"

Lesezeit: 3 min

Energiekrise: Holger Lösch vom BDI und Klima-Aktivistin Luisa Neubauer waren beim SZ-Nachhaltigkeitsgipfel zugeschaltet.

Holger Lösch vom BDI und Klima-Aktivistin Luisa Neubauer waren beim SZ-Nachhaltigkeitsgipfel zugeschaltet.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Gas vom autokratischen Kriegsherren in Moskau? Lieber nicht. Wie die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer und der BDI-Vertreter Holger Lösch nach Lösungen suchen.

Von Thomas Fromm

Der SZ-Nachhaltigkeitsgipfel

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Es ist jetzt nur reine Spekulation, aber vermutlich haben Klimaschützerinnen und Industrievertreter hier und da doch etwas gemeinsam. Beide können sich, zum Beispiel, vielleicht Schöneres vorstellen, als im nächsten Winter am frühen Morgen zitternd in einer kalten Küche zu sitzen. Nachdem sie vorher eiskalt geduscht haben, klar. Aber wie man die Energieversorgung organisieren soll in diesen Zeiten, da gibt es schon sehr unterschiedliche Meinungen, und deshalb vorab schon mal das Wesentliche: Luisa Neubauer und Holger Lösch sind schon vom Typus her sehr unterschiedliche Menschen und sie haben zu vielen Themen auch sehr unterschiedliche Ansichten. Lösch ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), und er sitzt in einem weißen Hemd vor der Kamera, hinter sich eine Art Studio-Deko.

Die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer sitzt vor einer Zimmerwand, an der ein einsames, kleines, buntes Megaphon hängt. Ein Symbol? Geht es darum, aufzurufen, wachzurufen, laut zu rufen?

Klimaschutz als Schutz vor Autokraten

Nun sollen die beiden beim SZ-Nachhaltigkeitsgipfel miteinander reden, der Industrievertreter und die 26-jährige Klimaaktivistin. Der Hintergrund, vor dem dieses Gespräch stattfindet, ist düster und sieht wie folgt aus: Russland hat die Ukraine mit einem brutalen Angriffskrieg überzogen, die Welt steht womöglich vor einer schweren Wirtschaftskrise, Europa droht die Energie auszugehen, und Deutschland setzt wegen der Gaskrise wieder verstärkt auf Kohle, was man ja bis vor kurzem auch nicht für möglich gehalten hätte. Und die Frage ist nun: Was passiert eigentlich mit dem Klimaschutz? Nice to have? Geht es da noch so weiter, wie es eigentlich müsste? Verkürzt: Lösch sagt, dass wir doch schon ein gutes Stück vorankommen. Neubauer sagt: Von wegen.

An dieser Stelle ein kleiner Blick zurück: Beim SZ-Nachhaltigkeitsgipfel im vergangenen Jahr diskutierte Neubauer mit dem langjährigen Siemens-Chef und heutigem Siemens-Energy-Aufsichtsratsvorsitzenden Joe Kaeser, und die beiden waren nicht immer einer Meinung, aber manchmal auch gar nicht so weit voneinander entfernt. Jetzt ist Krieg, Kohle wird wieder salonfähig und Neubauer sagt: Man spreche heute nicht mehr über Klimaschutz als von einem "interessanten Modell". Nach jahrelanger Gas-Abhängigkeit vom autokratischen Moskau gehe es jetzt darum, "die Demokratien zu schützen" - eben vor Autokraten wie Putin. Klimaschutz, das sei nun mehr geworden als nur eine "ökologische Notwendigkeit", wer jahrelang Milliarden auf russische Konten überweist, um seine Gasrechnung zu bezahlen, muss schließlich wissen, dass es da nicht nur um warme Heizungen und ums Spaghetti-Kochen geht, sondern um Frieden und Demokratie. Jetzt müssen wir "so schnell und gerecht wie möglich da rauskommen", sagt Luisa Neubauer. Es seien viele Illusionen "geplatzt".

Das ist jetzt nichts, dem der BDI-Mann Holger Lösch grundsätzlich widersprechen würde. Wer ernährt schon gerne Putin und seine Gas-Entourage. Und so macht der Lobbyist etwas sehr Ungewöhnliches: Er spricht von Verbandsstudien, von langsamen Prozessen, die allmählich alles verändern, und er nennt das "Reisen zum inneren Ich der Industrie", was natürlich ein bisschen nach einer Therapiesitzung klingt. Und die braucht es ja vielleicht ein bisschen, denn es gebe da draußen immer noch Leute, die sagen: "Wozu das alles?"

Kein Unternehmerparadies, sondern ein Albtraum

So einer ist Lösch auch nicht, im Gegenteil, er will eine Lösung des Problems. Temperaturanstieg um drei oder sogar vier Grad? Kann niemand wollen, auch nicht die Autoindustrie. Das werde dann "auch kein Unternehmerparadies", sondern ein "Albtraum", sagt er. Neubauer formuliert es schärfer, sie sagt: Nützt alles nichts, wenn einem die "Lebensgrundlagen um die Ohren fliegen".

Die Industrie arbeite "sehr intensiv daran", aber es sei eben auch ein "Balanceakt". Klimawandel stoppen möglichst ohne soziale und ökonomische Disruptionen, also bitte keine sozialen Unruhen. Und er sagt auch: "Ich verstehe, wenn Luisa Neubauer sagt: Was ist mit der ökologischen Disruption?" Lösch weiß, Luisa Neubauer ist rhetorisch stark, ihre Argumente sind scharf, und so verzichtet er schon gleich am Anfang auf die große Konfrontation. Er geht versöhnlich in das Gespräch, besonnen geht er auf die Klimaaktivistin zu. Das funktioniert, das Gespräch bleibt ruhig, freundlich und sachlich. Mit einigen Volten und Spitzen. Die Trennung der Bewegungen in "Ökoleute hier" und "da die anderen"? "Das ist Nachhaltigkeitsverständnis aus dem vorigen Jahrhundert", sagt Neubauer, und sie findet, dass die Industrie ziemlich spät auf den Zug aufgesprungen sei, den Bewegungen wie die ihre erst aufs Gleis gesetzt haben. "Man muss nicht lange googeln, um herauszufinden, dass der BDI da jahrelang keine sehr rühmliche Rolle gespielt hätte" sagt sie. Mit "großen Lorbeeren schmücken"? Sollte die Industrie nicht tun, mit Konzernen wie BASF, die mit ihrer Gasstrategie mit verantwortlich seien für die jahrelang gewachsene Abhängigkeit. Das ist hier nur schwer zu widerlegen.

Sprechzettel und Bremsblöcke

Sie spricht schnell, sie formuliert druckreif, und Lösch sagt irgendwann mal Dinge wie "Das war jetzt ein langer Sprechzettel". Dass er für Fridays for Future hier der "personifizierte Bremsblock" sei, sei auch klar. "Das ist meine Rolle." Bremsklotz? Für Neubauer ein "Euphemismus". Man sei ja nicht bei einem Fahrradrennen. Und sie fragt, was denn nun der Plan sei? Wie geht man da vor, wenn man es mit einem FDP-Finanzminister Christian Lindner zu tun habe, "der neuerdings den Verbrenner geheiratet" hat?

Am Ende macht der Moderator einen Vorschlag: Man solle sich doch mal in Ruhe und mit mehr Zeit austauschen.

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