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Energiekonzerne:Endlich ohne Netz

In Deutschland bricht nach einem Jahrzehnt das Energiekartell des Quartetts RWE, Eon, Vattenfall und EnBW auseinander. Purzeln jetzt die Preise?

Eon-Chef Wulf Bernotat ließ sich nichts anmerken. Als er am Mittwoch die Zwischenbilanz des Konzerns verkündete, sollte alles so optimistisch wie möglich klingen. Die Welt der deutschen Strombosse schien wieder in Ordnung. Trotz Wirtschaftskrise fielen die Gewinne üppig aus. Die Branche, so die Botschaft des Konzernchefs an Beschäftigte und Aktionäre, erhole sich von den Turbulenzen der vergangenen Monate.

Energie, Netz-AG, ddp

Die Macht von RWE, Eon, Vattenfall und EnBW wird zerschlagen - doch was bedeutet das am Ende für die Verbraucher?

(Foto: Foto: ddp)

Doch die zur Schau getragene Gelassenheit trügt. In den Chefetagen der Energiekonzerne herrscht seit einigen Tagen Hochspannung. Nichts ist beim Alten, seit Eon zu Wochenbeginn fast beiläufig verkündete, der Konzern verkaufe sein überregionales Stromnetz - die zentralen Energieadern des Landes. Was auf Außenstehende wie eine Randnotiz wirkt, gilt als das Ende einer Epoche in Deutschland. Das Energiekartell des Quartetts RWE, Eon, Vattenfall und EnBW bricht auseinander.

Ein Stück Wirtschaftsgeschichte strebt damit seinem Höhepunkt entgegen: die Liberalisierung des deutschen Energiemarktes. Millionen deutsche Strom- und Gaskunden hoffen nun, die Preise könnten purzeln wie die Telefontarife nach Öffnung des Telekommarktes. Schon gut zehn Jahre ist der Strommarkt auf dem Papier liberalisiert. Seither aber gab es vor allem Enttäuschungen: überhöhte Preise, verlorenes Vertrauen, Kunden, die Rechnungen nicht mehr zahlen wollen und blamierte Politiker.

Die Wirtschaftskrise macht deutlich, wie stark Deutschland unter der Macht der Stromkonzerne leidet: Monatelang ging es quer durch alle Branchen im ganzen Land bergab. Die Krise hatte die Industrie fest im Griff. Öl, Gas, Kohle wurden deutlich billiger. Auch die Börsenpreise für Strom hatten sich zeitweise halbiert. Ein Preis aber kletterte auf wundersame Weise: der für Haushaltsstrom.

Steigende Energierechnungen offenbaren vor allem eins: Das Versagen der deutschen Wirtschaftspolitik. Tatsächlich sollte die große Freiheit für Verbraucher schon am 1.April 1998 beginnen. Doch die Regierung um Wirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP) versäumte damals einiges. Ihr schlimmster Fehler war es, den Konzernen neben der Produktion auch noch die Hoheit über die Stromautobahnen zu übertragen. Die Folge: Eon und Co. steckten ihre Claims ab und regierten nach Belieben. Im Zweifel knöpften sie Konkurrenten für den Transport des Stroms zum Kunden hohe Entgelte ab. Eon, RWE, Vattenfall und EnBW stehen seither für 85 Prozent der deutschen Stromproduktion - und dominierten bislang auch den Zugang zum Kunden.

Ein schleppender Anschluss von Kraftwerken der Konkurrenz, der zögerliche Ausbau grenzüberschreitender Stromleitungen und mäßiges Interesse am Anschluss von Windparks. All das ist Realität in Deutschland und füllt Gerichtsakten. Nicht die deutsche Politik, erst die EU-Kommission setzt dem Treiben nun ein Ende. Ihre Ermittlungen werden die Branche in den nächsten Monaten umkrempeln. Seit zwei Jahren geht die EU Hinweisen nach, viele europäische Energiekonzerne hätten die Konkurrenz mit unfairen Mitteln behindert und Kunden ausgebeutet. Untersuchungen lieferten offenbar so viel Stoff, dass Eon eine Milliardenstrafe drohte. Doch die Behörde war geschickter: Sie rang Eon die Trennung vom Netz ab, die der Konzern in dieser Woche mit dem Verkauf an die niederländische Tennet besiegelte. Der Konkurrent Vattenfall kündigte gleich an, dem Beispiel bis zum Jahresende zu folgen.

Das Kalkül der Wettbewerbsbehörden dürfte aufgehen. Ob Bahnnetz, Flughäfen, Telefon- oder Stromleitungen - wann immer Konzerne auch noch die Infrastruktur betreiben, verzerrt das ihre Anreize. Wer nur an ihr verdient, will sie auslasten. Der Umsatz wächst, wenn viele Züge fahren, viele Flugzeuge starten und landen und viel Strom fließt. Monopolisten aber rechnen anders: Sie wollen vor allem das eigene Angebot teuer verkaufen. Konkurrenz stört da nur.

Eons Schritt zwingt nun dazu, über die Organisation der Energieversorgung in Deutschland neu nachzudenken. Was der beherzte Umbau der Stromwirtschaft Verbrauchern bringen kann, zeigt ein Blick über die Grenzen. In Großbritannien zahlen Privatkunden 13 Prozent weniger als die Deutschen. Produktion und Transport von Strom sind dort getrennt, seit die Regierung vor 20 Jahren ihren Monopolisten in zwei Hälften teilte - eine für das Netz und eine für die Produktion.

Der neuen schwarz-gelben Bundesregierung bietet sich nun die einmalige Chance, den Energie-Wettbewerb anzukurbeln und die Verbraucher so um Milliardenbeträge zu entlasten - ganz ohne Steuersenkung. Sie könnte dort anknüpfen, wo die letzte christlich-liberale Koalition mit der Marktöffnung 1998 aufgehört hat - und die Entflechtung der Energiebranche weiter vorantreiben. Denn der erste Netzverkauf darf nur der Anfang bleiben. Die Konkurrenten RWE und EnBW halten noch immer krampfhaft an ihren Stromleitungen fest.

Mangelnde Konkurrenz auf dem Strommarkt ist kein deutsches Problem. Auch das macht der Fall Eon klar. Während der Kontinent seit Jahren über eine Währung verfügt, seine Bürger grenzenlos reisen und Güter frei zirkulieren können, stößt Strom überall an Grenzen. Tennet kündigte am Dienstag an, das Eon-Netz mit seinen niederländischen Stromleitungen zusammenzuschließen. Nach Jahren des Stillstands betreten die Niederländer Neuland auf dem Kontinent. In der Mitte Europas entsteht das erste grenzüberschreitende Stromnetz.