Energie Projekt Himalaja

ABB-Chef Ulrich Spiesshofer muss sich der Kritik von Großaktionär Cevian erwehren.

(Foto: Anindito Mukherjee/Reuters)

ABB-Chef Spiesshofer setzt auf das große Geschäft mit Stromtrassen in Indien. So will er unzufriedene Großaktionäre ruhigstellen.

Von Karl-Heinz Büschemann, Delhi

Der Fortschritt kommt mit 800 000 Volt, und er fährt mitten hinein in die Elendsgebiete rund um die indische Stadt Agra, wo Menschen am Straßenrand ihre primitiven Folienbehausungen haben, wo Lkw-Fahrer mitten auf der Fahrbahn ihre betagten Vehikel reparieren und wo klapprige Kühe im Müll nach Nahrung suchen. Ein Quadratkilometer moderne Industrielandschaft mit bizarrem Gewirr aus neuen Strommasten, Hochspannungsleitungen und Isolatoren, die so hoch sind wie viergeschossige Häuser - das alles wirkt in dieser Umgebung wie das Versprechen einer besseren Zukunft.

400 Millionen Inder haben höchstens unregelmäßig Strom - eine große Chance für ABB

Agra liegt etwa 200 Kilometer südlich der indischen Hauptstadt Delhi und ist der Welt vor allem durch sein Kulturdenkmal Taj Mahal bekannt. Die Vier-Millionen-Stadt soll nach dem Willen der Regierung in Delhi ein Brückenkopf sein für die Zukunft. Hier endet die 1700 Kilometer lange Stromleitung, die vom nächsten Jahr an aus dem im Osten liegenden Bundesstaat Assam so viel Strom aus Wasserkraftwerken des Himalaja heranschaffen soll, wie ihn sechs Atomkraftwerke erzeugen könnten. 90 Millionen Menschen in der Region um Agra sollen mit dem Strom aus der Armut geholt werden. Ein gewaltiges Projekt für Indien, wo 400 Millionen Menschen keinen regelmäßigen Zugang zu Elektrizität haben. Vier weitere Großleitungen sind geplant.

Auch ABB-Chef Ulrich Spiesshofer setzt große Hoffnungen in die Trasse. Sie ist Teil der Ambitionen, die der schweizerisch-schwedische ABB-Konzern in Indien verfolgt, wo das Unternehmen 9000 Beschäftigte hat. ABB baut die 1,2 Milliarden Euro teure Trasse federführend, der Konzern hat dem deutschen Konkurrenten Siemens das Projekt mit einiger Mühe und nur um Haaresbreite abgejagt. Aber ein Riesenprojekt wie dieses kann für den 51-jährigen Deutschen, der seit 2013 an der Spitze von ABB steht, auch eine Überlebensfrage sein. Er muss den seit Jahren lustlos seitwärts laufenden Aktienkurs nach oben bringen. Das erwarten die Aktionäre. Dazu baut ABB auch die Fertigungskapazitäten im Schwellenland Indien aus. Diese Investitionen seien "Teil der Strategie, die darauf abzielt, für unsere Kunden und die Aktionäre nachhaltige Wertsteigerung zu erzielen", sagt Spiesshofer.

Der ABB-Chef nutzt eine große Kundenveranstaltung in Delhi auch zur Werbung für seine eigene Strategie. Er will zeigen, wohin er mit dem Unternehmen gehen will, das vor allem für Industrieautomation und Großtechnik der Stromversorgung steht. Sein Rezept ist für Spiesshofer eine Art Mantra: "Man braucht eine ruhige Hand." Das gelte für die Strategie des Konzerns wie für das Vorgehen auf dem schwierigen indischen Markt. Dort sind die Margen gering und die Konkurrenz ist aggressiv. ABB sei seit 120 Jahren im Land, sagt er, das Unternehmen werde sich von zeitweiligen Rückschlägen vom Kurs in Richtung Osten nicht abbringen lassen. "Wir verlagern das Zentrum der Schwerkraft nach Asien", sagt Spiesshofer. Ein klares Wort. Die Bedeutung der Konzernzentrale in Zürich werde sinken.

Ob der indische Markt mit seinen 1,2 Milliarden Menschen und den großen Hoffnungen die Aktionäre beruhigen kann? Der träge Verlauf des Aktienkurses reiche auch ihm nicht, räumt Spiesshofer ein, und er reagiert vor allem auf den neuen Großaktionär Cevian, der seit einigen Monaten mit gut fünf Prozent an ABB beteiligt ist und seitdem spürbaren Druck macht, den Aktienkurs endlich zu steigern. "ABB muss seine Hausaufgaben machen", hat ein Cevian-Vertreter kürzlich erklärt und klargemacht, dass die schwedischen Investoren baldige Ergebnisse erwarten. "Im Moment kann keiner zufrieden sein", sagt Spiesshofer. Aber der asiatische Hoffnungsmarkt soll ihm helfen. "Ich bin für Indien optimistisch", sagt er. Länder wie Indien brauchten eine moderne Stromversorgung. "Das ist für uns gut", so Spiesshofer.

Die schwedischen Investoren könnten sich vorstellen, ABB zu zerlegen und die Sparte Stromerzeugung und -Verteilung zu verkaufen. Seit einiger Zeit geistern solche Gerüchte durch den Konzern. Ausgerechnet jener Bereich, der gerade in Indien die Himalaja-Stromtrasse baut. Spiesshofer will sich Zeit lassen für die Grundsatzentscheidung. "Bei Stromleitungen sei ABB der globale Marktführer", sagt Spiesshofer. Aber man müsse auch sicher sein, dass man diese Position in zehn Jahren auch noch halten könne. "Wir treffen die Entscheidung im nächsten Jahr." Er lasse sich nicht unter Druck setzen. "Wir gehen das in Ruhe durch."

Noch wirbt Spiesshofer für den Erhalt des Konzerns. "Die Unternehmensteile hängen zusammen", sagt er, als wolle er seine Aktionäre von der bestehenden Konzernstruktur überzeugen. Die Stromerzeugung und -Verteilung könnte noch manchen Auftrag aus dem schnell aufstrebenden Land bringen. "Indien bietet Riesenchancen für uns", verspricht Spiesshofer.