Energiepolitik:Deutschland droht zur Kohle-Republik zu werden

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Ifo-Präsident Clemens Fuest, fotografiert beim Wirtschaftsgipfel der SZ im Hotel Adlon im Jahr 2022. (Foto: Friedrich Bungert)

Die kommenden Jahre werden dreckig, warnt Ifo-Präsident Clemens Fuest. Er fordert eine neue Strategie in der Energiepolitik - um Deutschlands Wohlstand zu retten.

Von Bastian Brinkmann

Atomkraftwerke? Werden nach einer Mini-Verlängerung abgeschaltet. Gas-Pipelines aus Russland? Explodiert. Gas-Lieferungen per Schiff? Knapp und teuer. Erneuerbare Energie aus Strom und Wind? Noch nicht ausreichend ausgebaut. Aber die deutsche Industrie braucht Energie, und die muss einstweilen aus der Kohle kommen, prognostiziert der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest. Es bestehe die Gefahr, dass die nahe Zukunft für Deutschland Kohle heißt, sagte der Ökonom bei den Munich Economic Debates. Deutschland, die Kohle-Republik. Im Koalitionsvertrag steht, dass eigentlich 2030 Schluss mit der Kohle sein soll: "idealerweise". Das klappt vielleicht jetzt nicht mehr, sagte Fuest.

Den Ausbau der Erneuerbaren sei ja richtig, so Fuest, aber eben auch schwierig. "Wir haben 30 Jahre gebraucht, um 15 Prozent unseres Bedarfs mit Erneuerbaren zu ersetzen", rechnete er vor. Das lässt ihn nicht optimistisch auf die kommenden Jahre schauen. "Wir schaffen das nicht in kurzer Zeit. Damit unsere Industrie eine Chance hat, brauchen wir eine Brücke." Während des Übergangs ins klimaneutrale Deutschland sollten eigentlich Gaskraftwerke laufen. Doch die LNG-Lieferungen, die russisches Gas ersetzen, sind deutlich teurer. Der alte Übergangsplan trägt nicht mehr. Doch Unternehmen müssten wissen, dass sie verlässlich und bezahlbar an Energie kommen. Sonst bauen sie die Fabriken der Zukunft anderswo. Dazu brauche es einen Plan, mahnte Fuest. Investoren darauf zu verweisen, dass man auf gutes Gelingen hoffe, reiche nicht.

Die Regierung müsse bei der Energieversorgung mehr anschalten und weniger abschalten

Damit es nicht so düster kommt, könne die Politik gegensteuern, so der Ifo-Präsident: Die Regierung müsse bei der Energieversorgung mehr anschalten und weniger abschalten. "Die Abschaltbegeisterung macht mir etwas Sorgen", sagte Fuest. Wenn er einen neuen Kühlschrank brauche, kaufe er zuerst einen neuen und entsorge den alten erst, wenn der Nachfolger geliefert ist. Bei der Energie, fürchtet Fuest, mache es der Staat leider andersherum. Dabei gelte es, sich hier möglichst breit aufzustellen. Das fordert Fuest mit anderen auch in einem neuen Grundsatzpapier. Ohne eine neue Strategie in der Energiepolitik sei der Wohlstand hierzulande gefährdet.

Helfen könne auch, mehr auf Technik zu setzen. Fuest meint damit etwa die sogenannte CO₂-Abscheidung, auch Carbon Capture genannt, mit der klimaschädliches Gas eingefangen und in die Erde gepresst werden soll. "Wir brauchen diese Carbon-Capture-Technologie, auch wenn die in Deutschland nicht besonders beliebt ist", sagte der Ifo-Präsident.

Wichtig sei zudem, die Strommärkte zu öffnen. Europa müsse sich hier mehr vernetzen und eine Energie-Plattform erschaffen. Auf dieser Plattform können dann Kunden und Anbieter digital zusammenfinden. "Wenn die Sonne scheint und der Wind weht, sind die Erneuerbaren unglaublich günstig", so Fuest. Damit diese Energie aber auch ankomme, komme es darauf an, den Strommarkt als smarte Plattformökonomie zu organisieren.

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