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Energie:Förderflaute

Sturm beschädigt Windrad

Nach dem Sturm: Ohne Förderung sind viele Anlagen unrentabel.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Für Tausende alte Windräder gibt es ab 2020 keine Zuschüsse mehr. Müssen sie dann stillgelegt werden, weil ihr Betrieb unrentabel wird? Nicht alle sehen das so.

Wie war die Welt noch einfach, im Frühling des Jahres 2000. Ein Erneuerbare-Energien-Gesetz trat in Kraft, es hatte schlanke zehn Seiten. Auf Seite 6 etwa findet sich dieser harmlose Satz: "Für Anlagen, die vor Inkrafttreten des Gesetzes in Betrieb genommen worden sind, gilt als Inbetriebnahmejahr das Jahr 2000." Und von der Inbetriebnahme an sollte es 20 Jahre lang die gesetzlich garantierte Vergütung geben, etwa für Windstrom. Das Jahr 2020 war ja damals noch schrecklich weit weg, abgerechnet wurde in DM und Pfennig.

Um die 6000 Windräder erhielten so seinerzeit noch eine Garantieförderung für die nächsten zwei Jahrzehnte. Manche wurden zwischenzeitlich durch neuere ersetzt, doch für den Rest tickt die Zeit: Windräder mit einer Leistung von bis zu 4,5 Gigawatt fallen am 31. Dezember 2020 aus dem System der Ökostrom-Umlage heraus. Würden sie sich ununterbrochen drehen, entspräche dies der Leistung von drei bis vier Atomkraftwerken. Bis 2023, so schätzt der Branchenverband BWE, könnten auf diese Weise Windparks mit einer Leistung zwischen zwölf und 15 Gigawatt die Förderung verlieren. Die Betreiber müssten dann ihr Geld an der Strombörse verdienen - oder, wenn das nicht klappt, einpacken.

Wie das gehen soll, hat der Thinktank Deutsche Windguard im Auftrag des Ökostromanbieters Naturstrom durchgerechnet. So brauchen die Windmüller nach Ablauf der Frist neue Gutachten und Genehmigungen, die etwa die Standfestigkeit der Anlagen garantieren - konzipiert sind sie schließlich meist für 20 Jahre Betriebszeit. Solche Gutachten kosten. Auch müssen die Windräder weiterhin gewartet werden, fällt Pacht an für den Grund, auf dem sie stehen. Alles in allem zu teuer, schließt die Studie: Für die Mehrzahl der alten Windräder sei "zu den aktuellen Marktkonditionen (...) kein rentabler Weiterbetrieb nach 2020 möglich". Sprich: Die Windmüller bekommen für den Verkauf ihres Stroms nicht das, was sie zuvor in die Erzeugung reingesteckt haben. Bei derzeit drei Cent Erlös je Kilowattstunde würden die Windräder zu Verlustobjekten. "Wenn sich an diesem Preisniveau nichts ändert, wird nur für sehr wenige Betreiber ein Weiterbetrieb Sinn machen", sagt Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel.

Umweltschützer verlangen deshalb einen beschleunigten Ausstieg aus der Kohlekraft, um den Börsenpreis zu stabilisieren. Funktionsfähige Windräder dürften "nicht ohne Not abgeschaltet werden, solange die Klimaziele noch in weiter Ferne liegen", warnt Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. "Stattdessen sollten Kohlekraftwerke stillgelegt werden."

Umweltschützer warnen davor, funktionsfähige Anlagen abzuschalten

Doch die Lage ist diffiziler. Zwar verlieren in den ersten Jahren sehr viele Anlagen die Förderung. Die Windräder sind aber häufig sehr klein, erzeugen also viel weniger Strom als ihre neueren Pendants. "Die werden mit großer Wahrscheinlichkeit ersetzt", sagt Felix Matthes, Energieexperte beim Öko-Institut. "Standorte sind knapp." Konkret würde das bedeuten: Ein altes Windrad wird abgerissen, ein neues geplant. Das neue allerdings würde nicht mehr so leicht eine Förderung erhalten wie das alte, schließlich ist das Ökostrom-Gesetz mittlerweile stolze 118 Seiten lang - inklusive der neu eingeführten Ausschreibungen. Das neue Windrad würde also nur noch dann gefördert werden, wenn es sich im Wettbewerb mit anderen Projekten durchsetzt: Das Rennen macht, wer mit wenig Förderung auskommt. Zuschläge gibt es nach 2020 aber nur im Umfang von 2,9 Gigawatt im Jahr - das entspräche rund 700 modernen Windrädern. "Wenn man dieses Ausschreibungsvolumen nicht erhöht", sagt Matthes, "dann verschwendet man das Potenzial guter Standorte." Alte Mühlen würden sich weiter drehen, statt durch neue ersetzt zu werden.

Inwieweit die alten Windräder ohne Förderung vor dem Aus stehen, ist allerdings auch umstritten. "Die Anlagen sind abgeschrieben", sagt Patrick Graichen, Kopf des Berliner Energie-Thinktanks Agora Energiewende. Selbst ein Strompreis von drei Cent je Kilowattstunde könne die Betriebsausgaben decken. "Die sollen ruhig mal beweisen, wie billig sich Windstrom erzeugen lässt."