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Emmanuel Macron:Ein Käfig aus Gold

FILE PHOTO: French President Emmanuel Macron addresses a gathering during a student meeting in New Delhi
(Foto: Adnan Abidi/Reuters)

Die Gelbwesten kommen: Frankreichs Präsident sieht sich zu seiner Verblüffung dem Volkszorn ausgesetzt. Ganz unschuldig ist er daran nicht.

Die letzten Nachrichten über Emmanuel Macron in diesem Jahr lesen sich wie das späte Kapitel eines bösen modernen Märchens - das ist ja immer die Stelle, wo es um Moral und die sogenannte gerechte Strafe geht. Die Boulevardmärchenpresse mag solche Bilder: Der von der Wut seines Volkes in den goldenen Käfig des Élysée verbannte, einst vorsichtig als Heilsbringer begrüßte Präsident traue sich nur noch mit Make-up aus dem Haus, sogar seine Hände lasse der vom Sturm des Zorns Gebeutelte schminken, heißt es.

Die politische Zukunft Macrons ist heute so ungewiss ist wie die vieler anderer europäischer Staatsoberhäupter: Fünf Wochenenden lang stürmen jene in Paris immer noch belächelten Provinzen die Champs-Élysées, schlagen Symbolfiguren entzwei und fordern den jungen Präsidenten auf, sich aus dem Staub zu machen. Um mehr Kaufkraft geht es den "Gelbwesten", um billiges Benzin, scheinbar um einen Flickenteppich aus Kleinigkeiten.

Im Kern geht es ihnen auch darum, eine jahrzehntelang geduldete Kultur der präsidialen Anmaßung, der Elitebevorzugung und des Nepotismus in die brennende Tonne zu klopfen. Und Emmanuel Macron, der vor eineinhalb Jahren doch angetreten war, alles anders zu machen, steht nun eben nicht als Andersmacher da, sondern als vollgepiekste Voodoo-Puppe, stellvertretend für die Präsidialkultur der Fünften Republik. Deren aristokratische Züge hatte er eher noch stärker herausgearbeitet.

Bereits seine erste Rede an die Nation im Frühsommer 2017 hielt Macron in Versailles, dem Schloss des Sonnenkönigs. Damals waren die Franzosen ihm noch im Zweifel zugewandt - sie hatten sich ja weniger für ihn als gegen die antieuropäischen Extremisten von rechts und links, Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon, entschieden. Aber das Missfallen an Macron begann bereits in den ersten Amtsmonaten; der erwartete Gerechtigkeitsschub blieb aus, Macron schaffte die Vermögensteuer ab, er will Frankreich kräftig reformieren. Diese erste Verstörung wurde von erster Empörung abgelöst, als Macron anfing, despektierlich über Menschen zu reden, die "nichts sind" - damit wollte er jene gemeint haben, die nichts haben. Aber "Les gens qui ne sont rien" begannen, ihrem Unmut über den "Präsidenten der Reichen" Luft zu verschaffen und zu zeigen, dass sie sehr wohl dem selbstgefällig auftretenden Macron das Kraut ausschütten können.

Als seine Regierung dieses Jahr die Erhöhung der Diesel- und Benzinsteuer bekannt gab, legten die Gelbwesten das öffentliche Leben in Teilen lahm. Sie zwangen Macron, ihnen Zugeständnisse in Milliardenhöhe zu machen und die Steuererhöhungen auszusetzen.

Jetzt sitzt Macron erst einmal einsam im Élysée, lässt sich die Hände schminken, und wenn er nicht mit konsequentem Fingerspitzengefühl daran geht, die Franzosen von seiner umfassenden Reformpolitik zu überzeugen, dann kann er sich seine zweite Amtszeit wohl abschminken.