MeinungSexualisierte DeepfakesEs wird Zeit für den MassenXodus

Kommentar von Simon Berlin

Lesezeit: 2 Min.

X ist nicht zum demokratischen „Marktplatz der Ideen“ geworden, den Musk versprochen hatte.
X ist nicht zum demokratischen „Marktplatz der Ideen“ geworden, den Musk versprochen hatte. (Foto: Algi Febri Sugita/Algi Febri Sugita/ZUMA Press Wir)
  • Seit Weihnachten generiert der X-Chatbot Grok massenhaft sexualisierte Deepfakes von Frauen und Minderjährigen, was Elon Musk wochenlang tolerierte.
  • Musk hat die Funktion nicht abgeschaltet, sondern ein Geschäftsmodell daraus gemacht – nur zahlende Abonnenten können Grok öffentlich nutzen.
  • Politik und Medien kritisieren Musks Verhalten scharf, bleiben aber weiterhin aktiv auf der Plattform X.
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Der beste Zeitpunkt, um X zu verlassen, war der Tag, als Elon Musk das damalige Twitter übernahm. Der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt.

Der beste Zeitpunkt, um X zu verlassen, war vor drei Jahren und zwei Monaten. Im Herbst 2022 fiel Twitter, wie die Plattform damals noch hieß, endgültig in die Hände von Elon Musk. Seitdem stellt der neue Eigentümer Woche für Woche seine Gesinnung zur Schau. Der Multimilliardär äußert sich rassistisch und frauenverachtend, unterstützt rechtsextreme Parteien, fantasiert vom Bürgerkrieg und schwadroniert bei Widerspruch von „Faschismus“.

X ist nicht zum demokratischen „Marktplatz der Ideen“ geworden, den Musk versprochen hatte, sondern zu einer gigantischen Mobilisierungsplattform für Rechtsradikale. Nur eines hat Musk demokratisiert: den massenhaften Missbrauch von Frauen.

Seit Weihnachten müssen misogyne Männer nicht mehr für dubiose Deepfake-Apps zahlen, wenn sie Frauen virtuell ausziehen wollen. Auf X generierte Grok, der in die Plattform integrierte Chatbot, teils Tausende manipulierte Bilder pro Stunde. Die Bandbreite der Abscheulichkeiten reicht von leicht bekleideten und unbekleideten Minderjährigen in pornografischen Posen bis zu Holocaust-Überlebenden in Hakenkreuz-Bikinis.

Die sexualisierte Gewalt war kein Ausrutscher

Auch andere KI-Systeme spucken regelmäßig abstoßende bis illegale Inhalte aus. Unternehmen wie Google und Open AI bemühen sich aber wenigstens, ihre Sprachmodelle einzuhegen. Bei X prägt die Ideologie des Eigentümers das Verhalten des Chatbots. Musk zeigte eine Geste, die sehr an den Hitlergruß erinnerte, Grok nannte sich „MechaHitler“. Das passt.

Die sexualisierte Gewalt ist kein Ausrutscher. Musk sah wochenlang zu und verhöhnte die Betroffenen. Statt die Funktion abzuschalten, witterte X ein Geschäftsmodell. Jetzt können nur noch zahlende Abonnenten Grok öffentlich auffordern, Bilder zu generieren. Alle anderen müssen auf private Nachrichten oder die eigenständige App ausweichen. Selbst mit mutmaßlich strafbaren Deepfakes möchte Musk Geld verdienen.

Nichts davon kommt überraschend. Man muss seit vielen Jahren die Augen vor der Realität verschließen, um Musk noch als Troll zu begreifen, der gern mal provoziert. Wenn es aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es wahrscheinlich eine Ente. Musk spricht wie ein Rechtsradikaler und handelt wie ein Rechtsradikaler. X ist ein Propagandawerkzeug für seine persönliche Agenda.

Politik und Medien halten an X fest

Genauso erwartbar fallen die politischen Reaktionen aus. Von „unvorstellbarem Verhalten“ spricht etwa Ursula von der Leyen, sie sei entsetzt. Ein Sprecher der EU-Kommission nannte die manipulierten Fotos illegal, abstoßend und widerwärtig. Die britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom hat eine Untersuchung eingeleitet.

Die Aussagen sind angemessen, haben aber einen Schönheitsfehler. Von der Leyen, die EU-Kommission und Ofcom sind weiter aktiv auf X. Das Gleiche gilt für den Bundeskanzler, fast alle deutschen Bundesministerien und große Teile des Bundestags. AfD-Abgeordnete fühlen sich auf X zu Hause, demokratische Institutionen und Parteien haben dort nichts mehr verloren.

Wie schwer der Abschied fällt, zeigt das Beispiel der Süddeutschen Zeitung. Auch dieser Kommentar wird automatisiert über den SZ-Account geteilt werden, dem auf X 1,7 Millionen Konten folgen, Bots und Karteileichen, aber auch viele echte Menschen. Wie die meisten Medien diskutiert die SZ über den Umgang mit X. Ein Teil der Redaktion möchte an der Plattform festhalten. Sie kostet nichts, bringt ein wenig Reichweite und das Gefühl, die Plattform nicht den Schreihälsen zu überlassen.

Doch wenn man sich länger als eine Minute mit Musk beschäftigt, muss man zum Schluss kommen, dass die Welt ohne X besser dran wäre. Die Präsenz kostet kein Geld, aber Glaubwürdigkeit. Wer die Plattform weiter bespielt, trägt zu ihrer Legitimierung bei. Das gilt für Privatpersonen und umso mehr für Prominente, Politikerinnen und Behörden. Je größer das eigene Konto ist, desto schwerer wiegt die Vorbildfunktion.

In den vergangenen Jahren gab es Abwanderungsbewegungen zu Bluesky, Mastodon oder anderen Plattformen. Daraus muss ein MassenXodus werden. Der beste Zeitpunkt, um X zu verlassen, war der 22. Oktober 2022. Der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt.

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