Elektronische Gesundheitskarte 14 Jahre, zwei Milliarden Euro - und technische Probleme

Ärzte sollen künftig Patientendaten untereinander austauschen können, um die Versorgung zu verbessern.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)
  • Das Netz der elektronischen Gesundheitskarte ist Anfang der Woche für mehrere Stunden ausgefallen.
  • Der Grund ist noch immer unbekannt, die Sicherheit des Netzes sei aber nicht in Gefahr gewesen, so das Gesundheitsministerium.
  • Auch ansonsten kann das zwei Milliarden Euro teure Projekt nicht gerade viele Erfolge vorweisen - die Kritik reißt nicht ab.
Von Kristiana Ludwig, Berlin

Der Start der elektronischen Gesundheitskarte verläuft holprig. Sie soll den Austausch von Informationen zwischen Arztpraxen, Patienten und Krankenhäusern ermöglichen. Am vergangenen Dienstag jedoch fielen Teile der sogenannten Telematik-Infrastruktur, die alle Ärzte Deutschlands digital verbinden soll, für mehrere Stunden aus. Das bestätigte das Bundesgesundheitsministerium.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung konnten in dieser Zeit etwa 7000 Ärzte die Daten ihrer Patienten nicht elektronisch abgleichen. Allerdings sei die Sicherheit des Netzes oder die "Funktionsfähigkeit der Arztpraxen" nicht in Gefahr gewesen, heißt es aus dem Ministerium. Bereits im März war die Infrastruktur einmal gestört gewesen. Derzeit analysierten die Verantwortlichen, was genau das Gesundheitsnetz abstürzen ließ. Insgesamt haben sich bundesweit schon mehr als 10 000 Ärzte angeschlossen.

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Die elektronische Gesundheitskarte war einmal ein Zukunftsprojekt. Absolut sicher und staatlich geprüft sollten Diagnosen durch die Republik geschickt werden. Patientenbögen und Medikamentenlisten oder wichtige Informationen für den Notfall werden digital - so lautete der Plan. Doch die Entwicklung und Einführung kostete bislang 14 Jahre und etwa zwei Milliarden Euro. Wenn man dem neuen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) glaubt, steht mittlerweile der Start der Karte kurz bevor. "Ich möchte, dass wir die nächsten dreieinhalb Jahre das Ding endlich so kriegen, dass Patienten, Ärzte, Pflegekräfte einen Mehrwert spüren, weil es Versorgung besser macht", sagte er zum Amtsantritt. Spahn will eine eigene Digital-Abteilung im Ministerium aufbauen.

Auch sein Vorgänger Hermann Gröhe hatte in den vergangenen Jahren versucht, allen Beteiligten Druck zu machen. Regelmäßig lud er die Verantwortlichen zum Rapport und drohte Ärzten Sanktionen an, wenn sie sich nicht bis zum Ende dieses Jahres einen Kartenleser und ein Verbindungsgerät anschaffen.

Die Ärzte fordern jedoch längst eine Verlängerung dieser Frist. Schließlich gibt es bislang erst zwei Firmen, die spezielle Geräte für die Gesundheitskarte herstellen: die deutsche Compugroup Medical und die österreichische Firma Rise. Entsprechend hoch sind die Preise für die sichere Technik. Im vergangenen Sommer, als Rise ihr Gerät noch nicht verkaufte, schrieben Ärzteverbände Briefe an die Praxen in mehreren Bundesländern: "Jetzt noch nicht bestellen!", stand darin. Auch Krankenhäuser sind unglücklich über den Druck des ehemaligen Gesundheitsministers. Denn sie benötigten für ihre Häuser eigentlich viel leistungsfähigere Geräte als die Arztpraxen. Schließlich müssen die Kartenleser auch innerhalb der komplexen IT-Struktur der Kliniken funktionieren. Solche Spezialgeräte hat jedoch keines der Unternehmen entwickelt.

Die AOK arbeitet derzeit an einer eigenen elektronischen Patientenakte

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, kritisierte die Gesundheitskarte grundsätzlich. Patienten sollten ihre Befunde auch zu Hause einsehen können, forderte Gassen. Doch so etwas ist bei der Karte, die bis zum Ende des Jahres in allen Arztpraxen genutzt werden muss, technisch gar nicht vorgesehen. Auf dem Plastik der Krankenkassen "könnte man nicht einmal ein Röntgenbild abspeichern", sagte er.

Auch der Chef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, hat die Gesundheitskarte kürzlich für gescheitert erklärt. Die Technologie stamme aus den Neunzigerjahren und werde "zu Monopolpreisen aufrechterhalten", sagte er in einem Interview. Statt weiter an der Karte zu basteln, solle die Gesellschaft, welche die Gesundheitskarte entwickelt, lieber Regeln für moderne digitale Anwendungen schaffen.

Litschs Empfehlungen sind nicht ganz ohne Eigennutz: Die AOK arbeitet derzeit an einer eigenen elektronischen Patientenakte für ihre Versicherten, genauso wie die Techniker Krankenkasse. Deren Patienten sollen einfach ihr Smartphone benutzen, ganz ohne Hochsicherheitsnetz.

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