Eldar Shafir:Die Muster der Krise wiederholen sich

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Warum treffen Menschen meist schlechte Entscheidungen, wenn es um Geld geht? Ein Gespräch mit dem Psychologen Eldar Shafir von der Princeton University über falsche Wahrnehmungen.

Interview von Lea Hampel

SZ: Herr Shafir, eines Ihrer Lieblingsbeispiele für das Verhältnis der Menschen zu Geld lautet: Wer einen Cocktail für zehn Euro bestellt, denkt darüber nach, ob ihm der das Geld wert ist. Aber nur selten überlegt er, was er sich stattdessen kaufen könnte. Warum dieses Beispiel?

Eldar Shafir: Weil es zeigt, wie viel schiefläuft im Gehirn. Würde es perfekt funktionieren, würde man bedenken: Ich kann dafür etwas anderes nicht kaufen. Weil aber vor allem bei Wohlhabenden die nächsten und übernächsten zehn Euro kein Problem sind, denken sie nicht daran.

Sie vergleichen gern das Verhältnis zu Geld mit jenem zum Faktor Zeit. Warum?

Beides zeigt, dass Wahrnehmung relativ ist. Ich geb Ihnen ein anderes Beispiel: Ob etwas 30 Minuten dauert, ist uns im Urlaub egal. Hätten Sie den Job von Frau Merkel, wäre jede halbe Stunde entscheidend. Das Ganze anhand von Zeit erklärt, macht es vielen leichter, das nachzuempfinden.

Auch, weil viele Menschen nicht gern über Geld nachdenken?

Ich glaube nicht, dass das immer so ist. Reiche Menschen befassen sich bestimmt gern damit. Unangenehm wird es erst, wenn man nicht weiß, ob es bis zum Monatsende reicht.

Worin unterscheiden sich Reiche und Arme in ihrem Denken über Geld?

Vereinfacht könnte man sagen: Beim Stichwort Apartment denken arme Menschen an Miete, Reiche an Einrichtung.

Viele Menschen treffen schlechte Geldentscheidungen. Welche psychologischen Gründe hat das?

Eldar Shafir: Eldar Shafir lehrt an der Princeton University. Sein aktuellstes Buch, das er mit dem Ökonomen Sendhil Mullainathan verfasst hat, heißt "Knappheit. Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben".

Eldar Shafir lehrt an der Princeton University. Sein aktuellstes Buch, das er mit dem Ökonomen Sendhil Mullainathan verfasst hat, heißt "Knappheit. Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben".

(Foto: Princeton University)

Ein Grundmuster der menschlichen Psychologie ist, dass die Gegenwart immer wichtiger ist als die Zukunft. Bei Geldfragen bedeutet das: Jemand nimmt einen hohen Kredit auf, um jetzt seinen Hauskredit abzubezahlen oder etwas zu kaufen - hat dann aber in der Zukunft das Problem, dass er hohe Zinsen zahlen muss.

Sie haben gezeigt, dass arme Menschen eine genauere Vorstellung vom Wert der Dinge haben, aber trotzdem schlechtere Entscheidungen treffen als Reiche. Warum ist das so?

Das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Es geht ja nicht um die Frage, ob die Menschen rational entscheiden - sondern darum, ob sie die Wahl haben. Wer arm ist, muss sich auf den Moment konzentrieren: Miete für den Monat, Essen für die Woche. Er hat weniger geistige Kapazitäten für andere Themen - von der Finanzplanung bis zum Vergleich von Jobangeboten. Wir alle überschätzen unsere Fähigkeiten, Dinge gleichzeitig zu tun. Das zeigt sich daran, dass Menschen schlechter Auto fahren, wenn sie telefonieren. Wer Geldsorgen hat, nimmt weniger wahr, vergisst mehr.

Warum ist es wichtig, das zu verstehen?

Weil über arme Menschen gern gedacht wird: Die können es nicht besser, darum sind sie arm. Dabei ist es anders herum: Weil sie arm sind, sind sie weniger fähig. Je komfortabler das Leben von Menschen, desto intelligenter sind sie.

Kann man diese Beobachtungen auch auf das System als Ganzes anwenden, auf Firmenbosse, Politiker, Banker, Staaten?

Ich wäre da vorsichtig. Aber man kann schon sagen, dass vielen Politikern die Langfristorientierung fehlt, auch beim Geld. Manche Muster in unserem Gehirn sind schwer zu überwinden: die Zeitwahrnehmung, die Beeinflussung unseres Gedächtnisses durch Gefühle. Gleichzeitig müsste gerade ein politisches System kognitive Grenzen des Einzelnen kompensieren können - indem jemand anderer sich um die Finanzen kümmert, wenn der Staatschef dafür den Kopf nicht frei hat.

Eldar Sharif

"Beim Wort Apartment denken arme Menschen an Miete, Reiche an Einrichtung."

Die Wahrnehmung von Gegenwart und Zukunft ist gerade auf Finanzmärkten entscheidend. Was wirkt da im Kopf?

Eine Kombination aus schlechtem Gedächtnis und unserer Tendenz zu Optimismus. Es fällt uns leichter, eine rosige Zukunft auszumalen, als uns vorzustellen, wie Dinge schiefgehen. Als Chef oder Banker ist es die lohnendere weil teils selbsterfüllende Annahme, dass alles gutgeht.

Greifen diese Mechanismen auch derzeit, wo erneut eine Börsenrallye stattfindet?

Auf jeden Fall, die Muster der letzten Krise wiederholen sich. Ist ja klar: Für die Beteiligten ist die Belohnung für Erfolge wesentlich stärker als die Bestrafung für Misserfolge. Das Risiko, das man aufnimmt, ist also relativ gering. Das wirkt im Hirn.

Aber dahinter steckt das natürliche Streben nach mehr - das ist doch auch ein normaler Hirnmechanismus?

Ich bin nicht sicher. Klar, Menschen wollen Sicherheit, Wohlstand. Aber das Ausmaß, das das in der westlichen Welt angenommen hat, würde ich nicht dem Gehirn zuschreiben - es gibt ja auch Gesellschaften, die anders funktionieren.

Eines Ihrer Forschungsergebnisse lautet, dass zu viele Menschen in der Finanzkrise ihren Kredit nicht verstanden haben. Fordern Sie mehr Finanzbildung?

Ich bin kein Fan dieser Lösung, nur diese Forderung ist mir zu einfach. Versuche zeigen, dass Menschen, die finanzielle Fortbildungen absolviert haben, zwar in Tests besser abschneiden, sich dadurch aber ihre Lebenssituation nicht verbessert. Ich bin eher dafür, die Produkte zu vereinfachen. Und verlässliche Hilfe zu bieten für Menschen, die wegen zwei Jobs und Kindern keine Zeit haben, stundenlang Verträge zu lesen. Wenn jemand krank ist, geht er auch zum Arzt - und versucht nicht, selbst eine Diagnose zu stellen.

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