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Einzelhandel:Warum Tengelmann seine Supermärkte an Edeka verkaufen will

Klimamarkt von Tengelmann wird eröffnet

Karl-Erivan Haub beim Einkauf in einer Tengelmann-Filiale. Der Manager will die kriselnden Läden los werden.

(Foto: Roland Weihrauch/picture-alliance/ dpa)

Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub will das Unternehmen ins Internetzeitalter führen. Doch der dazu notwendige Verkauf der Supermärkte ist nach wie vor fraglich. Und nun?

Sogar Uber hat neulich angeklopft. Der Fahrdienst ist wegen seines aggressiven Auftretens umstritten. Aber es gilt eines der am schnellsten wachsenden Start-ups aller Zeiten. Viele Unternehmer bewundern Uber deshalb - Karl-Erivan Haub zum Beispiel. Zwar sei das nur eine ganz kleine Finanzbeteiligung, betont der Chef von Tengelmann. Doch dass ein Start-up aus dem Silicon Valley, dessen Wert inzwischen auf mehr als 60 Milliarden Dollar geschätzt wird, ausgerechnet bei einem Familienunternehmen im Ruhrgebiet anklopft, das macht ihn sichtbar stolz.

Auf den ersten Blick hat Tengelmann, bekannt vor allem für die gleichnamigen Supermärkte, den Textildiscounter Kik und die Baumarktkette Obi, wenig zu tun mit der App, über die sich mal eben ein Wagen rufen lässt. Wenig gemein haben auch deren Chefs: Haub hat die Führung über Tengelmann im Jahr 2000 vom Vater übernommen. Da war er etwa so alt, wie Uber-Chef Travis Kalanick heute ist. Dass das Internet mal in jeder Hosentasche stecken würde, hat damals niemand geahnt. Haub trägt Anzug und wählt seine Worte sorgsam, Kalanick gibt mal die großmäulige Rampensau, mal den smarten Entwickler.

21 Monate ist es her, dass Edeka und Tengelmann eine erste Einigung unterzeichnet haben

Aber letztlich ähneln sich die beiden doch in einem wesentlichen Punkt: Sie sind davon überzeugt, dass es in der Wirtschaft keinen Stillstand gibt. Dass immer wieder ein Neuling den Markt aufmischt und deshalb nur Erfolg hat, wer wendig bleibt - und es in einem Bereich zu einer gewissen Größe bringt. Das ist der Grund, warum Haub die Supermärkte loswerden und damit endgültig aus dem Geschäft mit Lebensmitteln aussteigen will. Die Großen in diesem Bereich, das sind andere - und sie machen das Geschäft. In dem sich hinziehenden Verkauf der Kaiser's-Tengelmann-Märkte wirkt Haub zunehmend genervt.

Erst musste mit Edeka ein Bieter gefunden werden, dem er zutraut, alle Teile des über Berlin, München und Nordrhein-Westfalen verteilten Filialnetzes zusammenzuhalten. 21 Monate ist es her, dass Edeka und Tengelmann ihre Einigung unterzeichneten. Dann legte das Bundeskartellamt Widerspruch ein. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) drückte den Deal mit einer Ministererlaubnis trotzdem durch. Doch auch dessen Machtwort liegt nun vier Monate zurück. Zu lange nach Haubs Geschmack. "Es kann keine unendliche Geschichte geben", sagt er.

Dass es hakt, liegt an den zähen Verhandlungen zwischen Verdi und Edeka über den Tarifvertrag in dem künftigen Unternehmen. Denn die Ministererlaubnis ist an Auflagen geknüpft: So muss Edeka mit allen Arbeitnehmern Verträge vereinbaren, die über fünf Jahre betriebsbedingte Kündigungen ausschließen.

Dass Haub bei diesen Verhandlungen nicht mit am Tisch sitzt, wurmt ihn. Anders als es von Gewerkschaftern hieß, habe er aber das Signal erhalten, dass die Gespräche keinesfalls abgebrochen seien, betont der Tengelmann-Chef. Er sei zuversichtlich, macht aber klar: "Ende Juli ist eine Deadline, an der ich wissen will, ob es vorangeht." In einer außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrats in einer knappen Woche werde er sich den Stand berichten lassen. "Irgendwann ist Schluss." Es ist sein Versuch, doch noch irgendwie mitzumachen bei diesen Verhandlungen, auch wenn er nicht mit am Tisch sitzt.

Die Offerte des Konkurrenten Rewe hält Haub für unseriös

Denn die Lage der kriselnden Supermärkte und damit die Aussicht, sie zu einem guten Preis loszuwerden, sie werden nicht besser: "Die Verluste sind bitter", räumt Haub ein. Manche Vermieter weigern sich, Verträgen von Filialen zu verlängern. Auch die etwa 16000 Beschäftigten bei Kaiser's Tengelmann wollten endlich Taten sehen.

Was er mit Edeka vereinbart hat, falls eine der beiden Seiten den Deal doch noch platzen lässt, will Haub nicht sagen. Indirekt aber droht er erneut mit einem Aus für die Supermarktkette: Ohne eine Einigung gebe es für Kaiser's Tengelmann "verschiedene Möglichkeiten, aber keine sympathischen." Möglich wäre etwa eine Insolvenz. Dabei gibt es durchaus andere Interessenten: Rewe-Chef Alain Caparros, der im Bieterverfahren leer ausgegangen war, hat kürzlich noch einmal deutlich gemacht, dass er die Filialen übernehmen würde. Doch Haub hält dies für "ein unseriöses Angebot". Er meint, Rewe komme damit nicht bei den Wettbewerbshütern durch würde zu viele Filialen schließen.

Wie schön ist da doch die Welt der Start-ups, in der sich Tengelmann seit sieben Jahren tummelt. Vor allem in Europa, aber auch in den USA und Israel. Das Familienunternehmen gibt den Gründern Geld und Know-how - und erwirbt so Anteile, die es gewinnbringend verkauft, wenn aus den kleinen Unternehmen große geworden sind. So gehört Tengelmann zu den frühen Investoren der Modeplattform Zalando. Derzeit, so rechnet Haub vor, machen die 64 Firmen, an denen Tengelmann beteiligt ist, einen Umsatz von 4,9 Milliarden Euro - 40 Prozent mehr als im vorangegangenen Jahr. Es ist eine Welt, so ganz anders als die zermürbende Suche nach einem Käufer für die Supermärkte. Eine Welt, in der es keine Gewerkschaften gibt und vor allem: keinen Stillstand.

© SZ vom 08.07.2016
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