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Einzelhandel:Geht doch online

March 19, 2020, Munich, Bavaria, Germany: Images of empty streets in the city center of Munich, Germany. Ordinarily, the

Corona vertreibt die Kunden: Gähnende Leere in der Münchner Fußgängerzone im März 2020.

(Foto: Sachelle Babbar/imago images)

Bundeswirtschaftsminister Altmaier will ein massenhaftes Ladensterben in den Innenstädten verhindern. Dabei soll vor allem die Digitalisierung helfen. Aber das ist nur ein Teil der Lösung.

Von Michael Bauchmüller, Berlin, und Michael Kläsgen

An der Kreativität hat es bei Frey gewiss nicht gemangelt. Peu à peu hat die kleine Kaufhauskette aus dem oberpfälzischen Cham ihre Häuser umgebaut, ins Design investiert, daraus "Modeerlebnishäuser" gemacht. Der Leitspruch des Hauses wird Albert Einstein zugeschrieben: "Die reinste Form des Wahnsinns ist, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert." Den Wahnsinn einer Pandemie, die über Nacht das Modeerlebnis zum Hochrisiko machte und nichts beim Alten ließ, hatte allerdings auch Einstein nicht auf dem Schirm.

Seither gibt es viele Stunden, in denen sich die Kunden bei Frey verlieren. "Die Maske ist schon ein brutales Kaufhindernis", sagt Helmut Hagner, Chef des Mittelständlers, der neben Mode auch Möbel verkauft. Allein durch die Maskenpflicht, so belegen Studien, entgehen Einzelhändlern 10 bis 15 Prozent des Umsatzes. Viele kaufen nun lieber online, der Versandhandel boomt. Und da hat Frey mitgemacht.

Alle Schleusen habe er aufgemacht, sagt Hagner, um die Ware in der ersten Corona-Zeit zu verkaufen - vor allem digital. Das Schlimmste ließ sich so bisher für die sieben Standorte verhindern. Der Umsatz liegt derzeit trotz wochenlanger Zwangspause und Maskenpflicht bei 85 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Das ist glimpflich, verglichen mit vielen anderen. Der Handelsverband Deutschland warnt, 50 000 Handelsstandorte könnten wegen der Pandemie hinweggefegt werden. Experten sprechen schon von einer Art dreifachem Tsunami: Der Einzelhandel an sich ist im Strukturwandel, die Digitalisierung kommt noch obendrauf - und nun auch noch das Virus, das den Trend zum digitalen Konsum anheizt.

"Die Lage wird im Herbst richtig dramatisch. Da droht ein regelrechtes Massaker."

Droht ein Sterben der Innenstädte, mit ihren Ladenstraßen und flanierenden Menschen? Schon verlangt auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier "Konzepte zur Wiederbelebung der Innenstädte". Vor allem die Digitalisierung soll helfen, den örtlichen Einzelhandel wieder zu stärken - mit digitalen Angeboten für die einstige Laufkundschaft. "Wir müssen den Geschäftsinhabern in den Innenstädten dabei helfen, ihre Kundenbeziehungen so zu digitalisieren, dass es auch den Modeläden und Schuhgeschäften zugutekommt", sagt der CDU-Mann. Wer ein neues Hemd kaufen wolle, müsse nicht gleich beim Hersteller bestellen - wenn es das gleiche Hemd zum gleichen Preis "auch über den Einzelhändler seiner Wahl" gibt, online. Anfang September will Altmaier alle Beteiligten an einen Tisch holen.

Initiativen für die Digitalisierung des Einzelhandels gibt es schon. Im vorigen Jahr etwa startete das "Kompetenzzentrum Handel", das dem Handel Wege ins digitale Geschäft aufweisen sollte. Corona war da noch weit weg. Doch mit Beginn der Kontaktbeschränkungen schnellte das Interesse hoch. "Bei einem Webinar hatten wir früher normalerweise 40, 50 Teilnehmer", sagt Frank Rehme, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums. "Aber für das Webinar, das wir gleich nach Beginn der Beschränkungen gemacht haben, hatten wir plötzlich 600 Anmeldungen." Darunter seien viele gewesen, die bis dahin "mit Digitalisierung nicht viel zu tun hatten". Auch ein "Digitalmobil" lässt das Zentrum seither durch die Republik touren. Digitale Kaufhäuser lassen sich hier bestaunen, in denen die Kundschaft ganz virtuell und in 3-D einkaufen kann. Die Produkte kommen per Paket. Oder das "Kiosksystem", in dem ein reales Kaufhaus auch Produkte ausstellen kann, die es eigentlich nicht im Sortiment hat - aber eben digital. Für den stationären Handel löst es das Problem, dass er schon aus Platzgründen nie die gleiche Fülle an Produkten liefern kann wie ein Onlinehändler.

Ob sich die Probleme so in den Griff bekommen lassen, daran gibt es Zweifel. "Die Lage wird im Herbst richtig dramatisch", warnt Thomas Krüger, Professor für Stadtentwicklung an der Hafencity-Universität in Hamburg: "Da droht ein regelrechtes Massaker." Viele Probleme des Handels würden erst dann richtig sichtbar, etwa die viel zu hohen Mieten, die in vielen Innenstädten zu zahlen sind. "Da braucht es dringend einen Dialog zwischen Ladenbesitzern und Eigentümern." Andernfalls drohten ganze Straßenzüge, in deren Schaufenstern das Packpapier dominiere. "So schnell kann sich der Handel gar nicht digitalisieren, wie sich dieses Problem aufschaukelt."

"Corona hat auch etwas Positives bewirkt", sagt der Geschäftsführer von Hystreet

Schon denkt auch der Deutsche Städtetag darüber nach, die Innenstädte umzugestalten, neue öffentliche Orte zu schaffen. Das aber kostet. Mehr Städtebauförderung sei nötig, "damit die Städte die Folgen von Corona besser bewältigen können", sagt Städtetags-Chef Helmut Dedy. Baustellen gebe es eben viele, sagt auch Joachim Stumpf, Geschäftsführer der Handelsberatung BBE in München. "Jemand muss dafür sorgen, dass die Menschen in den Innenstädten gern bleiben, weil es dort Restaurants gibt, Pflanzen oder Sitzgelegenheiten." Die Mischung aus Parken und Reduzierung von Verkehr müsse stimmen, Leerstände müssten klug und weitsichtig gefüllt werden.

Immerhin hat sich die Lage in den Innenstädten etwas entspannt: Die Menschen kommen wieder. Per Laserscanner misst die Firma Hystreet in 59 Städten rund um die Uhr, wie viele Personen sich in einer Einkaufsstraße bewegen. Danach ist vieles fast schon wieder wie vorher: Mittlerweile liegt die Zahl der Passanten bei 85 Prozent des Vorjahresniveaus. "Corona hat auch etwas Positives bewirkt", sagt Hystreet-Geschäftsführer Nico Schröder. "Die Wertschätzung ist jetzt viel größer, weil die Menschen auf etwas verzichten mussten, das sie für selbstverständlich erachteten."

Freizeit, Veranstaltungen und Gastronomie würden in Zukunft im Vergleich zum Konsum einen größeren Raum einnehmen. Vielleicht entstehe auch etwas ganz Neues: Räume für Gamer wie in den USA oder etwas bisher nie Dagewesenes.

Er spüre, wie sich da ein neuer Gründergeist breitmache, sagt auch Frey-Chef Helmut Hagner. "Nur noch morgens die Tür aufsperren und warten, bis die Kunden kommen, das ist jedenfalls vorbei", sagt er. Es reiche auch nicht, nur einen Onlineshop aufzumachen. "In der Digitalisierung spielt der Faktor Mensch die entscheidende Rolle". Die Technik ist das eine, persönliche Beratung und emotionale Ansprache sind das andere. Und genau dafür kämen Menschen in die Städte.

© SZ vom 04.08.2020
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