Süddeutsche Zeitung

Einzelhandel:Kann vorgezogenes Weihnachtsgeld die Innenstädte retten?

Experten sind skeptisch: Die Menschen sparen derzeit lieber als Geld auszugeben und meiden wegen der Ansteckungsgefahr die Geschäfte.

Von Michael Kläsgen

Es ist ein gut gemeinter Vorschlag von Politikern unterschiedlicher Parteien: Könnten die Unternehmen nicht die Auszahlung des Weihnachtsgeldes vorziehen und so Geld in den Markt spülen, um der befürchteten Verödung der Innenstädte entgegenzuwirken. Doch Experten sind skeptisch. Kai Hudetz, Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH) sagte der SZ: "Ein vorgezogenes Weihnachtsgeld wäre vielleicht sinnvoll, wenn mangelnde Kaufkraft das Kernproblem wäre. Das ist jedoch nicht der Fall. Die aktuell erkennbare Konsumzurückhaltung resultiert aus der hohen Unsicherheit über die zukünftigen wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie, damit steigt die Sparquote."

Aus Hudetz' Sicht kommt ein zweites Problem hinzu: die steigende Angst vor Infektionen bei stationären Einkäufen. "In der Folge werden Käufe verstärkt ins Internet verlagert", sagte er. "Dies wird sich unserer Einschätzung nach massiv auf das Weihnachtsgeschäft auswirken." Beiden Effekten, der wachsenden Sparquote und die zunehmende Verlagerung der Käufe ins Internet, könne ein vorgezogenes Weihnachtsgeld nicht entgegenwirken. Hinzu kommt: Rabattaktionen im Internet wie der Black Friday, bei denen Onlinehändler schon in den vergangenen Jahren Rekordumsätze erzielten, stehen bald an. Weihnachtseinkäufe hatten sich schon in der Vergangenheit zunehmend ins Internet verlagert.

Auch Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland sieht den Vorstoß der Politik kritisch. "Wir begrüßen alle Maßnahmen, die unseren Innenstadt-Einzelhändlern helfen, durch diese Corona-Krise zu kommen. Eine vorgezogene Auszahlung des Weihnachtsgeldes hilft wahrscheinlich den Geschäften in der Innenstadt jedoch nur in sehr geringem Umfang." Grund dafür sei, dass viele Kunden derzeit einen Einkaufsbummel in der Innenstadt mieden, weil sie wegen der stark steigenden Infektionszahlen möglichst wenigen Menschen begegnen wollen.

Generell ist wieder eine stärkere Kaufzurückhaltung bei vielen Verbraucherinnen und Verbraucher zu beobachten. Viele hielten wegen der unsicheren Lage ihr Geld lieber zusammen als es auszugeben, sagt Genth. Nach den Ausgangsbeschränkungen im April und Mail waren die Einzelhandelsumsätze stark angestiegen, derzeit flacht sich die Wachstumskurve dem HDE zufolge aber ab. Der Verband rechnet mit einer Stagnation in den kommenden Wochen.

Genth plädiert statt des vorgezogenen Weihnachtsgelds dafür, die direkten Hilfszahlungen für in Not geratene Händler, sprich staatliche Überbrückungshilfen, zu verlängern. Der HDE hatte zuvor gemeinsam mit fünf anderen Verbänden einen Sechs-Punkte-Plan zur Rettung der Innenstädte vorgestellt. Der Plan beinhaltet die Forderung an den Bund, ein 2,5 Milliarden schweres Sonderprogramm zur Stabilisierung der Innenstädte aufzulegen, das eine Laufzeit von fünf Jahren hat. Kerngedanke dabei ist, Innenstädte von "reinen Versorgungs- zu attraktiven Wohlfühlstandort" umzugestalten und diesen Wandel voranzutreiben. Produktion und Handwerk, Co-Working-Spaces, Bildungszentren, Kultur- und Freizeitstätten sollen stärker in den Innenstädten vertreten sein als es heute der Fall ist. Dazu müssten alle an einem Strang ziehen. Zum Forderungskatalog der stationären Händler gehört auch, die Pflicht zur Beantragung einer Insolvenz weiter auszusetzen.

Die Pläne sind allerdings umstritten, unter anderem weil die Gefahr besteht, dadurch an Konzepten festzuhalten, die schon vorher nicht funktionierten. In der Kritik steht beispielsweise das Überangebot an Textilgeschäften in den Zentren. Die Textilhändler stecken jedoch schon seit Jahren in einer Krise, seit dem Ausbruch des Coronavirus sind ihre Umsätze im Vergleich besonders stark eingebrochen.

Das IFH sieht die Innenstädte, aber besonders die Textilanten dort, mit einem "dreifachen Tsunami" konfrontiert. "Dem Strukturwandel, der Digitalisierung und der Corona-Pandemie". "Der Handel muss sich auf ein radikal verändertes Kaufverhalten einstellen", sagte Hudetz schon vor der Krise. "Der Kunde muss im Onlinezeitalter nicht mehr wegen eines bestimmten Produkts in die Stadt fahren. Das bekommt er auch im Internet. Dort ist es jederzeit verfügbar." Das gilt in Corona-Zeiten umso mehr, auch bei vorgezogenem Weihnachtsgeld.

Der rheinland-pfälzische CDU-Fraktionschef Christian Baldauf hatte es in der Bild-Zeitung ins Gespräch gebracht. Die Firmen sollten es schon mit dem Oktobergehalt auszahlen, hatte er gefordert. Dann könnten viele Menschen ihre Weihnachtseinkäufe schon in den nächsten Wochen erledigen und der Handel müsste sich dann "vor einem hoffentlich vermeidbaren zweiten Lockdown vor Weihnachten nicht ganz so stark fürchten." Ähnlich äußerten sich der SPD-Bundestagsabgeordnete Florian Post und FDP-Fraktionsvize Michael Theurer. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) plant, die bisher bis zum Jahresende laufenden Überbrückungshilfen für coronabedingt besonders hart getroffene Firmen um ein halbes Jahr bis zum 30. Juni 2021 zu verlängern. Das entspricht in etwa der HDE-Forderung.

Laut Verband sind die Einzelhandelsumsätze insgesamt aber alles andere als schlecht. Der HDE rechnet für das laufende Jahr mit einem Umsatz von knapp 552 Milliarden Euro - das wären rund 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Plus geht nicht nur zugunsten des Internets. Verbraucherinnen und Verbraucher kaufen einfach andere Sachen: weniger Kleidung, Koffer, Reiseführer und Kosmetik, dafür mehr Fahrräder, Büro- und Gartenmöbel und vor allem Sanitärbedarf.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5079631
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.