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Einzelhandel:Verletzungen, die immer wieder aufreißen

Babette saß bei glamourösen Modeshows in der ersten Reihe, trat als Zirkusdirektorin verkleidet im Karneval auf und zeigte sich in der Öffentlichkeit in eng anliegenden Kleidern mit teurem Schmuck und tiefem Dekolleté. Es wird kolportiert, dass sie bei Familienfesten im schönen Essener Süden am Baldeneysee angeblich auch mal recht unaldihaft gefeiert haben soll. Theo sagt, seine Schwägerin habe sich in den letzten Lebensjahren nicht mehr um ihren Mann geschert. Die Tüten mit den Gummibärchen habe sie ihm weggenommen und dem Personal des Hotels geschenkt, obwohl er sich doch so darüber gefreut habe. Sie lässt über ihren Anwalt ausrichten, sie habe sich bis zu Bertholds Tod liebevoll um ihn gekümmert.

Man muss dazu wissen, dass Berthold in seinen letzten Lebensjahren schwer krank war. Sein Selbstbewusstsein litt darunter, wie Theo erzählt, und er habe sich nach persönlicher Anerkennung gesehnt. Vielleicht fand er diese auch beim Kunsthändler Helge Achenbach, der ihm eine neue Welt zeigte. Über Achenbach entdeckte Berthold sein Faible für Oldtimer und für Gemälde. Gemeinsam waren sie auf Kunstmessen unterwegs. Wäre Berthold eine Figur in den Buddenbrooks, er wäre wohl der Christian, dem es schwerfiel, den Ansprüchen des Firmen-Patriarchen gerecht zu werden.

Babette hingegen glaubt, dass Achenbach ihren Ehemann ausgenutzt hat. Deswegen zieht sie nach Bertholds Tod gegen ihn vor Gericht. Sie sorgt dafür, dass er wegen der Übervorteilung ihres Mannes ins Gefängnis muss. Doch in der Familie führt das zum Eklat. Die Traditionsbewahrer hatten stets versucht, solcherlei Konflikte aus Scheu vor der Öffentlichkeit diskret hinter den Kulissen zu regeln. Babette verweist darauf, dass doch auch Theodor senior das Lösegeld für seine Entführung Anfang der 1970er von den Steuerbehörden zurückgefordert habe.

SZ-Grafik; Quelle: SZ-Recherche

Haben Babettes Kinder das Zeug dazu, einen Weltkonzern mitzulenken?

All dies sind Verletzungen, die immer wieder aufreißen, wenn die Familie nun um die Zukunft des Unternehmens ringt. Am explosivsten dabei ist die Frage, ob Babettes Kinder das Zeug dazu haben, einen Weltkonzern mitzulenken. Mehrlingsgeburten sind ein Risiko für die Gesundheit von Mutter und Babys; die Kinder werden häufig als Frühchen geboren und haben damit einen schwierigeren Start ins Leben als andere.

Bereits im Jahr 2008 verfasste Berthold Albrecht ein Testament, aus dem sich sein erhebliches Misstrauen gegenüber den eigenen Kindern lesen lässt: Sie sollen erst mit Ablauf ihres 32. Lebensjahres überhaupt Geld aus der üppig gefüllten Familienkasse bekommen. Davor sollen sie unter Beweis stellen, dass sie auf eigenen Beinen stehen können. Vom Nachlass, heißt es in einem anderen Punkt des Testaments, von dem die Süddeutsche Zeitung eine Kopie einsehen konnte, sollten alle Kinder erst mit Ablauf des 38. Lebensjahres der jüngsten Tochter profitieren. Das wäre im Jahr 2030. Und einige Versorgungen knüpfte Berthold auch an Bedingungen, wie etwa eine "solide Lebensführung".

Brisant wird es einen Monat vor dem Tod Bertholds im Oktober 2012, zum Zeitpunkt der Gummibärchen-Übergabe: Zum genauen Ablauf kursieren natürlich unterschiedliche Versionen, weil Kränkungen und Missgunst im Spiel sind. Berthold ist kaum mehr in Essen. Er lässt sich im schweizerischen Bad Ragaz kurieren. Dann greift er zum Telefon und ruft den Hausjuristen Huber an mit der Bitte, ihm das Testament zu bringen. Es gibt nur zwei Schlüssel zum Tresor in der Villa in Essen-Bredeney. Wer die hatte, ist strittig. Huber jedenfalls, den Berthold als Testamentsvollstrecker bestimmt hat, lässt die Panzerknacker kommen, bricht den Safe auf und findet unten rechts das gesuchte, verschlossene Dokument.

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