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Einzelhandel:Der Schein trügt

Weihnachtseinkäufe in Hamburg

Das Weihnachtsgeschäft lief für den Einzelhandel katastrophal.

(Foto: dpa)

Die Wirtschaft brummt, das Wachstum boomt - dem Einzelhandel geht es trotzdem schlecht. Schuld sind die Händler selbst und die Online-Konkurrenz. Nur zwei Branchen florieren nach wie vor.

Womöglich ist die Stimmung in Deutschland sogar besser als die Lage. Nach den jüngsten Umfragen sind die Verbraucher optimistisch, die Wirtschaft läuft, das Wachstum soll 2014 bei mehr als drei Prozent liegen.

Der Geschäftsklima-Index des Ifo-Instituts verheißt Gutes; Löhne und Gehälter steigen; Arbeitslosigkeit und Inflation sind gering. Die viel gerühmte Kaufkraft ist gewachsen. Das Geld auf die Bank zu legen, lohnt sich ohnehin nicht, die Zinsen sind nicht weit von null entfernt. Die Sparneigung der Deutschen ist derzeit so gering wie seit der Vereinigung vor fast 25 Jahren nicht mehr. Zusammengenommen wären das also beste Voraussetzungen für ein prima Konsumklima.

Weit gefehlt. Der Einzelhandel spürt von der guten Stimmung überhaupt nichts - im Gegenteil. Das Weihnachtsgeschäft verlief nahezu katastrophal. Im Dezember, dem wichtigsten Monat für fast alle Geschäfte, ging der Umsatz sogar um preisbereinigt 2,4 Prozent zurück. 2013 stagniert das Geschäft insgesamt.

Die Deutschen geben ihr Geld lieber für andere Dinge aus: für Freizeitvergnügen, für Immobilien, für Reisen, für große Anschaffungen wie Autos etwa. Zufrieden ist der Handel zwar nie. "Jammern ist der Gruß der Kaufleute", sagt ein altes Sprichwort. Doch diesmal ist die Lage wirklich übel. Ist Shopping also völlig out? Besserung ist jedenfalls nicht in Sicht. Zwar wird für 2014 insgesamt ein Plus erwartet, aber nur, weil der Onlinehandel und das Geschäft mit Lebensmitteln zulegen werden.

Die Einzelhändler haben Trends verschlafen

Schuld an der Misere sind vor allem die Einzelhändler selbst. Es ist leicht, die Probleme einfach auf das milde Winterwetter, höhere Energiepreise oder die angeblich unfaire Online-Konkurrenz zu schieben. In Wirklichkeit haben es viele Einzelhändler schlicht versäumt, sich auf die veränderten Bedürfnisse der Konsumenten einzustellen, sie haben die Trends verschlafen. Wer Geld ausgeben möchte, will das heute zu einem Erlebnis machen, will freundlich und individuell behandelt, gut beraten werden. Deshalb sind Edelläden wie die von Louis Vuitton, Prada und anderen Luxusmarken voll, deshalb drängeln sich in Apple-Shops die Menschen, und deshalb machen teure Biosupermärkte gute Geschäfte. In der Innenstadt von Düsseldorf wurde gerade ein weiteres gehobenes Einkaufszentrum an der Königsallee eröffnet. Hier zählt Ambiente, Luxus wird zelebriert, und das durchaus mit Erfolg.

Billig, billig und ein buntes Sammelsurium von Produkten dagegen haben sicher keine Zukunft, zumindest nicht im stationären Handel. Wer heute nach dem besten Preis sucht, setzt sich mit dem Computer auf das Sofa. Per Mausklick findet er über Preisportale und Schnäppchen-Suchmaschinen in kurzer Zeit die günstigsten Offerten. Im Internet herrscht Transparenz - und der Kunde kann sich selbst in den Mittelpunkt stellen. Große Onlinehändler wie Amazon und andere haben ihre Logistik und die Kundenansprache perfektioniert. Sie machen damit gute Geschäfte. In der Regel ist die Ware zuverlässig nach ein paar Tagen im Haus.

Sonderangebote mögen für die Kunden wunderbar sein, weil sie damit sparen können. Niedrige Preise allein aber reichen zum Überleben im Einzelhandel schon lange nicht mehr. Das ist der Grund, warum viele Handelsketten in arge Turbulenzen geraten sind. Die Traditionsfirma Strauss mit fast hundert Filialen steht jetzt vor dem Aus. Schlecker, Praktiker, Hertie, Woolworth - eine ganze Reihe von Billigheimern ohne spezialisiertes Angebot sind bereits verschwunden. Auch Karstadt ist in einer tiefen Krise, meldet sinkende Umsätze und Verluste. Eigentümer Nicolas Berggruen hat in der Not zuletzt übrigens genau das versilbert, was noch läuft: die Luxus- und Sportkaufhäuser.