bedeckt München 27°

Einzelhandel:Bequem, aber gruselig

Wer am Abend von der Arbeit oder vom Fitnessstudio nach Hause fährt, der muss künftig keinen Zwischenstopp beim Supermarkt einlegen. Wal-Mart will Lebensmittel nicht nur liefern, sondern gleich in den Kühlschrank räumen.

Es klingt wie die Vision eines Heinzelmännchens: Wer am Abend von der Arbeit oder vom Fitnessstudio nach Hause fährt, der muss künftig keinen Zwischenstopp beim Supermarkt einlegen. Die Helferlein von Walmart haben das bereits erledigt - und die haben die Einkäufe nicht vor der Haustür abgelegt, sondern bereits in den Kühlschrank eingeräumt. Angesichts der Berichte, dass es aufgrund des Hypes um Zustellungen organisierte Banden gibt, die Liefertrucks verfolgen und zuhauf gelieferte Pakete vor Haustüre stehlen, hört sich das erst einmal nach einer bahnbrechenden Idee an.

Das Unternehmen hat angekündigt, diese Idee in 100 Haushalten im Silicon Valley testen zu wollen. Walmart hat sich dafür mit der Sicherheitsfirma August Home zusammengetan, die an der Tür ein Schloss installieren will, das der Lieferant über einen Ein-Mal-Sicherheitscode öffnen kann. "Der Hausbesitzer kann den kompletten Vorgang durch Überwachungskameras kontrollieren", sagt Marc Lore, E-Commerce-Chef bei Walmart: "Er kann beobachten, wie der Mitarbeiter das Haus verlässt und bekommt dann eine Bestätigung, dass die Tür wieder geschlossen wurde."

Es klingt herrlich bequem, aber auch ein bisschen gruselig, dass da Fremde im Kühlschrank herumwerkeln - neben Badezimmer und Bett einer der letzten heiligen Orte der Privatsphäre - und dass die Aufnahmen der Sicherheitskameras womöglich auch für andere zu sehen sein werden. "Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass die Leute ihre Wohnungen an Fremde vermieten oder in das Auto eines Unbekannten steigen", sagt Lore in Anspielung auf den Erfolg von Firmen wie AirBnB und Uber: "Es ist eine neue Welt, in der wir leben."

Viele Firmen testen, wie weit sie in die Privatsphäre der Menschen eindringen dürfen

In dieser neuen Welt konkurrieren Firmen wie Walmart und Amazon um die Herrschaft über den 600-Milliarden-Dollar-Lebensmittelmarkt in den Vereinigten Staaten. Amazon hat vor Kurzem für 13,7 Milliarden Dollar die Supermarktkette Whole Foods Market übernommen und arbeitet gerade angesichts der zunehmenden Paketdiebstähle an einem Überwachungssystem für seine Lieferungen. Auch dort sollen Videokameras eingesetzt werden, zu denen die Kunden per Smartphone Zugang haben.

Amazon kooperiert zudem mit dem Bestellservice Olo, der künftig gemeinsam mit Amazon Gerichte von Restaurantketten wie Applebee's und Chipotle liefern soll. Die Supermarktkette Albertsons hat dagegen den Fertiggericht-Lieferanten Plated gekauft, um gegen die Bausatz-Gerichte des Konkurrenten Ralphs bestehen zu können.

Walmart hat in dieser Woche angekündigt, als erstes Unternehmen den Kunden zu gestatten, Essensmarken für Online-Bestellungen verwenden zu dürfen. Darüber hinaus hat sich die Firma mit dem Lieferservice Deliv und dem Silicon-Valley-Platzhirschen Google zusammengetan. Die Leute sollen künftig ihre Einkaufswünsche dem Smart-Home-System von Google anvertrauen, die Sachen sollen dann geliefert und möglichst auch in die Kühlschränke eingeräumt werden.

In der Theorie klingt das alles wunderbar, gerade das Einkäufe-wie-ein-Oktopus-Schleppen ist für viele nicht nur unangenehm, sondern vor allem für ältere und bedürftige Menschen bisweilen gar eine Qual. Dennoch haben viele Leute auf die Ankündigung von Walmart eher verhalten reagiert und gesagt, lieber niemanden an den Kühlschrank lassen zu wollen. Es ist eine neue Welt, in der wir leben. Zahlreiche Unternehmen testen, wie weit sie in die Privatsphäre der Leute eindringen dürfen. Walmart bemerkt gerade, dass der Kühlschrank eine bedeutsame Grenze darstellen könnte.