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Einwanderung von Fachkräften:"Willkommen war ich nicht"

Die Deutschen hätten einfach nicht verstanden, wie wichtig Indern Familie sei. Warum macht man es also dem Ehepartner schwer, auch eine Arbeit zu finden, fragt der Elektrotechniker Sanjay També.

(Foto: Stephan Rumpf)

Viele gut ausgebildete Fachkräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt kommen aus Indien. Der Elektrotechniker Sanjay També ist einer von ihnen. Er sagt: Deutschland macht beim Anwerben immer noch Fehler.

Wie sehr sich alles ändert, merkt Sanjay També, wenn er ausholt und den kleinen Lederball wegdrischt. Der 51-jährige Inder läuft für den International Cricket Club auf. Neuerdings stehen manchmal 800 Zuschauer am Rand. Denn in München wohnen auf einmal viel mehr Landsleute. Und nicht nur dort. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) liefert eine verblüffende Zahl: Inder stellen in Deutschland inzwischen die meisten ausländischen naturwissenschaftlich-technischen Akademiker - jene Fachkräfte, nach denen deutsche Firmen fieberhaft suchen. Mit knapp 7000 liegen Tambés Landsleute vor Franzosen, Italienern und Spaniern.

Deutschland tat sich lange schwer, Fachkräfte von weither zu gewinnen. Nun ändert sich das etwas, zeigt die unveröffentlichte Studie. Inzwischen arbeiten hier 100 000 Ausländer in den stark gefragten Mint-Berufen wie Informatik, Mathematik oder Elektrotechnik. Das sind 40 Prozent mehr als 2012. Ein Erfolg, nachdem die Bundesrepublik im Anwerben der Kräfte lange vieles falsch gemacht hat. Wie viel, weiß Sanjay També aus seinem Leben.

Als er Mitte der Neunzigerjahre in Bangalore Elektrotechnik abgeschlossen hatte, redeten die Deutschen schon über fehlende Fachkräfte. Handeln sah man nur die Amerikaner. US-Firmen veranstalteten in Indien Jobmessen. També besitzt noch den Rucksack, den ihm Microsoft schenkte. IBM bot ihm eine Stelle, er zog in die USA.

Google wirbt in den USA mit Schulen, in denen die Kinder Hindi und Yoga lernen

Die Bundesrepublik bekam eine zweite Chance: Ende der Neunziger ging der damals 32-Jährige für IBM nach Deutschland, um Firmen zu helfen, dem befürchteten Computerchaos der Jahrtausendwende vorzubeugen. Vorübergehend sollte das sein. També fand München schöner als New Jersey. Er wollte bleiben. Die Mediamarkt-Gruppe hätte ihn sofort genommen. "Aber die Behörden packten einen ganz hart an", sagt er. Erst sollte Mediamarkt nachweisen, dass sich nicht ein Europäer statt També für den Job auftreiben ließ. Also begann er ein Aufbaustudium Wirtschaftsinformatik. Hängte Praktika dran. Alle paar Monate zwangen ihn die Beamten, einen Tag in die Schweiz auszureisen. "Willkommen war ich nicht". Es war die Zeit, als der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers "Kinder statt Inder" forderte. També konnte erst bleiben, als er 2001 eine der ersten Greencards bekam: über das "Sofortprogramm zur Deckung des IT-Fachkräftebedarfs".

Sofort herprogrammieren ließen sich wegen der befristeten Arbeitserlaubnis wenige Fachkräfte. So eine Mühe wie També wollte sich kaum einer antun. Zumal die USA Kandidaten anlockten. Dort wird wie in Indien Englisch gesprochen, die Zuzügler treffen auf große indische Gemeinden. Die sperrigen Deutschen machten irgendwann die Greencard zur Bluecard. Was auch nicht viel brachte. Erst seit ein paar Jahren gibt es einen Schub. "Die Bundesregierung wirbt stärker um indische Fachkräfte", sagt IW-Forscher Axel Plünnecke. Inder können auch ohne Jobzusage kommen und nach Arbeit suchen. Außerdem sind die Hochschulen im Ausland aktiver. Deutschlands Attraktivität steigt, weil Inder die Mint-Fächer an deutschen Unis jetzt auf Englisch studieren dürfen. Anders als vorher können sie indische Abschlüsse mit deutschen kombinieren. Die Zahl ausländischer Mint-Studenten hat sich binnen fünf Jahren um 30 Prozent erhöht.

Deutsche Firmen brauchen die Leute dringend. Aktuell fehlen mehr als 200 000 Kräfte in Mint-Berufen. Wären die vergangenen Jahre nicht so viele Inder, Chinesen oder Osteuropäer gekommen, würden 80 000 mehr fehlen. In den kommenden Jahren verschärft sich zudem die Situation. Weil in Mittel- und Osteuropa der Geburtenboom endete, kommen in fünf bis zehn Jahren aus diesen Ländern weniger Menschen.

Deutschland hat also ein Problem. Auch an nicht akademisch ausgebildeten Fachkräften mangelt es. Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika, die häufig ohne Qualifikation kommen, werden diese Lücke nur teilweise schließen. Daher bietet sich an, verstärkt in bevölkerungsstarken Ländern mit passablen Ausbildungssystemen wie Indien aktiv zu werden. Forscher Plünnecke fordert ein entsprechendes Einwanderungsgesetz.

"Die Deutschen sind vom Naturell her vorsichtig. Genau wie wir."

Sanjay També glaubt, dass Deutschland für Inder einige Vorzüge bietet. Er hat sich eingerichtet, hilft für eine Unternehmensberatung deutschen Firmen, nach Indien zu expandieren. Die Deutschen mögen, anders als die Amerikaner, kein "Hire and Fire", das passe zur Mentalität in seiner Heimat. Genauso wie die vielen Familienbetriebe, die langfristig denken statt nur bis zum nächsten Quartal. Er lächelt. "Die Inder sind da sehr wie die Deutschen."

Aber erst mal müssen sie den Weg nach Deutschland finden. També erzählt, Kanzlerin Merkels Willkommensgeste an die Flüchtlinge werde in Indien als Offenheit wahrgenommen. Doch nach wie vor werben Amerikaner auf dem Subkontinent aktiver nach Personal als Deutsche. Japaner, Australier und Briten ebenso. Google lockt in Kalifornien mit drei indischen Schulen, in denen die Kinder der Fachkräfte Hindi, Yoga und veganes Essen erwartet. "Inder sind Familienmenschen, das haben die Deutschen nicht verstanden", sagt er. Bestes Beispiel? Seine Frau. Inder können zwar ihre Abschlüsse in Mint-Fächern mit deutschen Diplomen kombinieren. Das gilt aber nicht für Disziplinen wie die Medizin. Deshalb galt der fertige Abschluss seiner Frau Sujata kaum etwas. Sie musste zwei Staatsexamina nachholen. Als auch noch ein Jahr Praktikum gefordert war, gab sie auf. Sujata També darf deshalb keine Allgemeinarztpraxis eröffnen. Sie verlegt sich auf Naturheilkunde. Solche Beispiele schrecken ab.

Sanjay També lebt jetzt seit zwanzig Jahre in Deutschland. Warum glaubt er, tut sich das Land immer noch so schwer, für gut ausgebildete Ausländer attraktiver zu werden? Er lächelt. "Die Deutschen sind vom Naturell her vorsichtig. Genau wie wir." In diesem Fall ist das kein Vorteil.

© SZ vom 14.02.2017/jps
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