Einschnitte in Automaten-Industrie Kurz vor Spielende

"Glücksspielcharakter zurückdrängen und Suchtpotential minimieren": Die Bundesländer wollen drastische Auflagen für die Spielhallen in Deutschland durchsetzen - unter anderem soll der maximal mögliche Gewinn pro Stunde gesenkt werden.

Von Klaus Ott

Deutschlands Wirtschaft boomt, und für eine Branche gilt das ganz besonders - für die mehr als 10.000 Spielhallen und die vielen Gaststätten, in denen Besucher ihr Glück an mehr als 200.000 Automaten versuchen können. Die Aussicht auf unterhaltsame Stunden und schnelle Gewinne lockt immer mehr Menschen an, inzwischen auch viele Frauen.

Eine Branche boomt ganz besonders: Deutschlands Automatenindustrie. Die Länder fordern nun härtere Auflagen, um die Spielsucht einzudämmen. Private Unternehmen vermuten andere Motive.

(Foto: dpa)

Mancherorts prägen die von privaten Unternehmern betriebenen Spielhallen fast schon das Bild ganzer Viertel. In Stuttgart hat sich die Zahl der Hallen beispielsweise im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt. Gleichzeitig steigt auch die Zahl der Menschen, die für die Spielsucht anfällig sind und im schlimmsten Fall Haus und Hof verzocken. Wissenschaftler schätzen die Zahl der Spielsüchtigen auf mehrere hunderttausend.

Doch nun wollen die 16 Bundesländer dem teuren Automatenspiel, das der Branche einen Jahresumsatz von zuletzt mehr als drei Milliarden Euro bringt, ein Ende bereiten. Die Politik will massive Auflagen durchsetzen. Im Einzelnen fordern die Staatskanzleien, die Regierungszentralen der Länder, neun konkrete Einschränkungen. Das ergibt sich aus einem der Süddeutschen Zeitung vorliegenden Papier. Eine Auflage sieht vor, dass es künftig pro Stunde maximal 300 statt 500 Euro Gewinn und höchstens 48 statt 80 Euro Verlust geben darf. Auch müsse ein Spiel mindestens 15 bis 20 Sekunden statt derzeit nur fünf Sekunden dauern. Zudem werden streng kontrollierte Spielpausen nach einer Stunde und "technische Sicherungsmaßnahmen" an den Geräten für den Jugendschutz verlangt.

Die Länder wollen aus der Automatenbranche wieder das machen, was sie einmal war: ein Unterhaltungsangebot mit eher harmlosen Spielen wie einst dem Flipper. Ziel der neuen Normen müsse es sein, den "Glücksspiel-Charakter zurückzudrängen und so das Suchtpotential der Geräte zu minimieren", heißt es in dem Papier der Staatskanzleien. Umsetzen soll das der Bund, der die Spielhallen per Verordnung regelt.

"Mörderischer Wettkampf"

Die Automatenindustrie fürchtet nun um ihr Überleben. Man befinde sich in einem "mörderischen Wettkampf" mit den Glücksspiel-Angeboten der Länder, beklagt Deutschlands Spielhallen-König Paul Gauselmann. Der Gründer und Chef des gleichnamigen Konzerns, der Automaten wie am Fließband produziert, hat einen Brief an "Freunde und Begleiter" aus Politik und Wirtschaft geschrieben. Darin attackiert Gauselmann die Bundesländer. Die wollten nur ihre eigenen Lotterien, Sportwetten und Casinos vor Konkurrenz schützen. Mehrere Milliarden Euro pro Jahr bringen diese Glücksspiele den hoch verschuldeten Ländern, die jeden Euro brauchen.

Gauselmann und seinen Kollegen geht es so gut wie nie zuvor - gleichzeitig sind sie aber auch in extremer Bedrängnis. Wissenschaftler haben in einer Studie für das Bundeswirtschaftsministerium herausgefunden, dass viele Besucher der Spielhallen einem "inneren Spieldrang" folgen: Sie wollen dort Kasse machen oder bereits verlorenes Geld zurückgewinnen. Das sind klassische Hinweise auf Spielsucht. Mechthild Dyckmans (FDP), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, will sogar die Automaten aus den Gaststätten verbannen und die Spielhallen für jene Gäste sperren, die besonders anfällig für das Zocken sind.

Bisher schützte Automatenbetreiber Gauselmann seine Branche mit Lobbying. Dazu gehörten Skatturniere im Bundestag, Sponsoring von Parteitagen und Spenden. Auch dieser Boom könnte bald vorbei sein.