Einkaufsstraße Champs-Elysées Boulevard banal

Paris will verhindern, dass die Champs-Elysées ihren Charakter verlieren - und lässt H&M dort keine Filiale eröffnen.

Von Michael Kläsgen

Es geht um das Haus Nummer 90 auf den Champs-Elysées, einen Betonklotz, der einer Bienenwabe gleicht. Ganz oben steht in Riesenlettern quer über das Gebäude "National Bank of Kuwait" geschrieben, darunter sind die Schatten der abmontierten Buchstaben eines anderen Mieters zu lesen: Club Méditerranée. Das Erdgeschoss steht leer. Zuletzt war dort das staatliche ägyptische Reisebüro untergebracht. Jetzt möchte die schwedische Modekette Hennes & Mauritz, bekannt unter der Abkürzung H&M, dort einziehen.

Oh, oh Champs Elysées: Die Stadtoberen fürchten um den Ruf der Prachtstraße. Der hat sowieso schon sehr gelitten.

(Foto: Foto: AFP)

H&M will viel Geld in das Gebäude stecken und die Fassade für 50 Millionen Euro vom Star-Architekten Jean Nouvel renovieren lassen. Die Filiale an der wichtigsten Einkaufsstraße von Paris soll ein Schmuckstück werden. Trotzdem verweigert die Stadt Paris dem Konzern die Genehmigung. Die Stadtoberen fürchten, die Champs-Elysées könnten ihren Ruf als "schönste Avenue der Welt" verlieren, ihren Charakter, wenn sich dort noch eine Allerweltskette niederlässt, noch dazu ein Filialist. Die Champs, die einst unter Maria von Medici entworfen wurden, könnten dasselbe Schicksal erleiden wie viele andere Einkaufsstraßen der Welt, wie die Fifth Avenue in New York, die Berliner Friedrichstraße oder die Londoner Oxford Street.

Kampf um das Kulturerbe der Allee

Seit einem Jahr bekriegen sich die Modemarke und die rot-grüne Stadtverwaltung deswegen vor Gericht. Erst gewann Hennes & Mauritz. Der Modekonzern kippte das Veto der Stadtoberen. Nun zieht Paris vor das höchste Gericht. An vorderster Front kämpft Vizebürgermeisterin Lyne Cohen-Solal um das Kulturerbe der Allee. "Dass es H&M trifft, ist nur Zufall", sagt die 61-jährige für Handel zuständige Sozialistin. Die ehemalige Wirtschaftsjournalistin rechnet vor, dass inzwischen fast jedes dritte Geschäft auf der Flaniermeile zwischen den Metrostationen Charles-de-Gaulle Etoile und Franklin D. Roosevelt ein Bekleidungsladen ist, betrieben meist von Modeketten. 102 von 332 Geschäften zählten die Berater von Clipperton Dévelopement. Cohen-Solal sagt, damit sei "die absolute Obergrenze" erreicht.

Die Sozialistin hatte die Studie selber in Auftrag gegeben, doch das Papier mobilisierte auch Politiker anderer Parteien. Denn es geht um ein Aushängeschild des Landes - und damit auch um eine Frage des Nationalgefühls: "Können wir riskieren, den Prachtboulevard zu einer Oxford Street wie in London verkommen zu lassen?" François Lebel, der konservative Bürgermeister des achten Arrondissements, in dem die zehnspurige Straße liegt, klagt ebenfalls über den globalen Trend zum Einheitskommerz, der nun auch in Paris zu beobachten ist: "Unsere größte Sorge ist, dass die Champs-Elysées zu einer Einkaufsstraße verkommen, auf der man die gleichen Geschäfte wie in London oder Los Angeles findet."

Wer sich auf dem Boulevard ansiedeln darf, war schon immer ein in Paris heiß diskutiertes Thema. Als McDonald's ein Schnellrestaurant eröffnen wollte und Virgin ein Musikkaufhaus, hagelte es Kritik. Bei H&M kommt nun noch der Kommunalwahlkampf hinzu. Die Kandidaten überbieten sich mit Vorschlägen für die Champs. Oberbürgermeister Bertrand Delanoë erklärte, er werde auf der Meile nur noch Läden dulden, die "eine echte Besonderheit" hätten. Die Straße müsse wieder zu einem "Symbol für Pariser Lebensart in aller Welt" werden.

Ramschketten und eine stinkende Toilette

Es dürfte ein beschwerlicher Weg dorthin werden. In der Galerie im Haus Nummer 90, in das auch H&M einziehen will, wimmelt es schon jetzt von Billigläden, Ramschketten, und auch das zweite McDonald's-Restaurant befindet sich dort. Herrenanzüge erhält man im Untergeschoss für 100 Euro, in einem Laden zwischen beschmierten Betonwänden und einer stinkenden öffentlichen Toilette. Wer nicht gerade bei Louis Vuitton einkauft oder bei Fouquet's speist, trifft also längst auf jene Shopping-Welt, die man auch aus anderen Metropolen in Europa oder Amerika kennt.

Globale MonokulturEinheimische meiden deshalb die Straße mit dem großen Namen: "Ich gehe dort nicht mehr hin", sagt eine Studentin, "meine Freunde auch nicht, höchstens am Wochenende mal in eine Disco in der Nähe." Warum? "Weil alles voller Touristen ist und Leuten aus der Banlieue. Außerdem findet man die meisten Geschäfte auch anderswo. Und die Bars und Restaurants sind ohnehin viel zu teuer."

Nicht nur H&M verkauft seine Kleidungsstücke in Paris schon in etlichen anderen Filialen, sondern auch Zara, Gap, Nike, Adidas und die anderen Ketten, die den Sprung auf die Avenue geschafft haben. Auf den Champs-Elysées sind ihre Läden etwas größer und pompöser, aber das Angebot ist das gleiche wie in jeder anderen Stadt der Welt. Genau diese globale Monokultur ist es, die den Stadtoberen missfällt. Das kommerzielle Einerlei habe den schleichenden Tod des Prachtboulevards zur Folge, sagt Cohen-Solal. Es mache die Avenue austauschbar.

Krise der Einkaufsstraßen

Boulevard banal